Die Sache war die, daß die Fehler von Jakob’s Geist und Herz unheilbar waren. Seiner Ansicht nach konnte zwischen ihm und seinen Unterthanen keine Gegenseitigkeit der Verpflichtung stattfinden. Es war ihre Schuldigkeit, Eigenthum, Freiheit und Leben zu wagen, um ihn wieder auf den Thron zu bringen, und dann geduldig zu tragen, was er über sie zu verhängen für gut finden würde. Sie hatten vor ihm nicht mehr Anspruch auf Verdienst, als vor Gott. Wenn sie Alles gethan hatten, waren sie immer noch werthlose Knechte. Das höchste Lob, das dem Royalisten gebührte, der sein Blut auf dem Schlachtfelde oder auf dem Blutgerüst für die erbliche Monarchie vergoß, bestand einfach darin, daß er kein Hochverräther war. Nach all’ den harten Lehren, die der entthronte König erfahren, war er noch immer eben so geneigt, die englische Kirche auszuplündern und zu erniedrigen, wie an dem Tage, da er den knieenden Fellows des Magdalenencollegiums sagte, sie sollten ihm aus den Augen gehen, oder an dem Tage, wo er die Bischöfe in den Tower schickte. Er pflegte zu sagen, daß er lieber sterben wolle, ohne England wiederzusehen, als mit Denen kapituliren, denen er zu befehlen habe.[8] In der Erklärung vom April 1692 zeigt sich der ganze Mensch ohne Maske, erfüllt von seinen imaginären Rechten, unfähig zu begreifen, wie irgend Jemand außer ihm irgend ein Recht haben könne, einfältig, halsstarrig und grausam. Ein andres Dokument, das er um die nämliche Zeit aufsetzte, beweist womöglich noch deutlicher, wie wenig Nutzen er aus einer harten Erfahrung gezogen hatte. In diesem Aufsatze entwickelt er den Plan, nach dem er zu regieren gedachte, wenn er wieder eingesetzt werden sollte. Er stellte es als Regel auf, daß ein Commissar des Schatzes, ein oder zwei Staatssekretäre, der Kriegssekretär, die Mehrheit der Großbeamten des Hofstaats, die Mehrheit der Kammerherren, die Mehrheit der Offiziere von der Armee, stets Katholiken sein müßten.[9]
Umsonst schrieben die ausgezeichnetsten Vergleicher von London Briefe auf Briefe voll vernünftigen Rathes und eindringlicher Bitten an ihn. Umsonst bewiesen sie ihm aufs Klarste die Unmöglichkeit, das Uebergewicht des Papismus in einem Lande zu befestigen, wo mindestens neunundvierzig Funfzigstel der Bevölkerung und viel mehr als neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens und der Intelligenz protestantisch seien. Umsonst theilten sie ihrem Gebieter mit, daß die Erklärung vom April 1692 von seinen Feinden mit Frohlocken, von seinen Freunden mit tiefer Betrübniß gelesen, daß sie von den Usurpatoren gedruckt und verbreitet worden sei, daß sie mehr als alle Libelle der Whigs dazu beigetragen, die Nation gegen ihn aufzubringen, und den Flottenoffizieren, die ihm ihre Unterstützung versprochen gehabt, einen plausiblen Vorwand geliefert habe, das ihm gegebene Wort zu brechen und die Flotte zu zerstören, die ihn in sein Königreich zurückbringen sollte. Er blieb so lange taub gegen die Vorstellungen seiner besten Freunde in England, bis diese Vorstellungen in Versailles ein Echo zu finden begannen. Alles was Ludwig und seine Minister über den Zustand unsrer Insel in Erfahrung bringen konnten, überzeugte sie, daß Jakob nie wieder eingesetzt werden würde, wenn er es nicht über sich gewann, seinen Unterthanen große Zugeständnisse zu machen. Es wurde ihm daher, zwar freundlich und artig, aber sehr nachdrücklich zu verstehen gegeben, daß er wohl thun würde, seine Entschließungen und seine Rathgeber zu ändern. Frankreich könne den Krieg nicht zu dem Zwecke fortsetzen, einer Nation einen Souverain aufzudringen, den sie nicht haben wolle. Es seufze unter der Wucht der öffentlichen Lasten, sein Handel und seine Industrie stockten, seine Feldfrüchte und sein Wein seien mißrathen. Das Landvolk verhungere, schon lasse sich das beginnende Murren der Provinzialstände vernehmen. Es gebe eine Grenze für das Maß der Opfer, die auch der unumschränkteste Fürst von Denen verlangen könne, über die er herrsche. So sehr auch der Allerchristlichste König wünsche, die Sache der erblichen Monarchie und der reinen Religion in der ganzen Welt aufrecht zu erhalten, so habe er doch vor Allem Pflichten gegen sein eignes Land, und wenn nicht bald eine Contrerevolution in England einträte, würden diese Pflichten gegen sein eignes Königreich ihn in die schmerzliche Nothwendigkeit versetzen, mit dem Prinzen von Oranien zu unterhandeln. Jakob werde daher wohl thun Alles aufzubieten, was er mit seiner Ehre und seinem Gewissen vereinbaren könne, um die Herzen seines Volks wieder zu gewinnen.
Ministerwechsel in Saint-Germains. Middleton.
So gedrängt, gab Jakob mit Widerstreben nach und verstand sich dazu, einem der Ausgezeichnetsten unter den Vergleichern, dem Earl von Middleton, einen Antheil an der Leitung seiner Angelegenheiten zu bewilligen.
Middleton’s Familie und Pairie waren schottischen Ursprungs. Er war mit einigen der vornehmsten Häuser England’s nahe verwandt, er hatte lange in England gelebt, war von Karl II. zu einem der englischen Staatssekretäre ernannt und von Jakob mit der Leitung des englischen Hauses der Gemeinen beauftragt worden. Seine Talente und Kenntnisse waren bedeutend, sein Character sanft und edel, seine Manieren leutselig, und sein politisches Verhalten war durchaus consequent und ehrenwerth gewesen. Er hatte sich, als der Papismus dominirte, entschieden geweigert, die königliche Gunst durch Apostasie zu erkaufen. Römisch-katholische Geistliche waren abgeschickt worden, um ihn zu bekehren, und die Stadt hatte sich höchlich an der Gewandtheit ergötzt, mit der der Laie die Theologen schlug. Ein Priester wollte ihm die Lehre von der Transsubstantiation demonstriren und leitete die Sache in der gewöhnlichen Form ein. „Eure Lordschaft glaubt an die Dreieinigkeit?” — „Wer sagt Ihnen das?” entgegnete Middleton. „Wie? Sie glauben nicht an die Dreieinigkeit?” rief der Priester ganz erstaunt. „Nein,” antwortete Middleton. „Beweisen Sie mir, daß Ihre Religion die wahre ist, wenn Sie es können, aber katechesiren Sie mich nicht über die meinige.” Da es sich klar zeigte, daß der Sekretär kein Disputant war, dem sich leicht beikommen ließ, so endete die Disputation fast sogleich nachdem sie begonnen hatte.[10] Als das Glück sich wendete, blieb Middleton der Sache der erblichen Monarchie mit einer Standhaftigkeit treu, die um so achtungswerther war, als es ihm ein Leichtes gewesen sein würde, sich mit der neuen Regierung auszusöhnen. Seine Gesinnungen waren so wohl bekannt, daß er, als das Land von der Besorgniß einer Invasion und eines Aufstandes bewegt war, verhaftet und in den Tower geschickt wurde, aber man entdeckte keinen Grund, auf welchen hin man ihn des Hochverraths hätte anklagen können, und als die gefährliche Krisis vorüber war, wurde er wieder in Freiheit gesetzt. Er scheint auch wirklich während der drei Jahre, welche auf die Revolution folgten, keineswegs ein thätiger Verschwörer gewesen zu sein. Er sah ein, daß eine Restauration nur mit der allgemeinen Zustimmung der Nation herbeigeführt werden konnte und daß die Nation ohne Garantien gegen Papismus und Willkürherrschaft nie in eine Restauration willigen würde. Daher war er überzeugt, daß es, so lange sein verbannter Gebieter sich hartnäckig weigerte solche Garantien zu geben, schlimmer als nutzlos sein würde, gegen die bestehende Regierung zu conspiriren.
Dies war der Mann, den Jakob in Folge nachdrücklicher Vorstellungen von Seiten Versailles’ jetzt einlud, zu ihm nach Frankreich zu kommen. Die große Masse der Vergleicher vernahm mit großer Freude, daß sie endlich im Staatsrathe zu Saint-Germains durch einen ihrer Lieblingsführer vertreten werden sollten. Einige Noblemen und Gentlemen, die zwar die Entthronung Jakob’s nicht gebilligt hatten, denen aber sein verkehrtes und albernes Benehmen so zuwider geworden war, daß sie schon längst alle Verbindung mit ihm abgebrochen, begannen jetzt zu hoffen, daß er seinen Irrthum eingesehen habe. Mit Melfort hatten sie nichts zu thun haben wollen, mit Middleton setzten sie sich gern in Vernehmen. Der neue Minister conferirte auch mit den vier Verräthern, deren Schändlichkeit durch ihre Stellung, ihre Talente und ihre dem Staate geleisteten wichtigen Dienste eine besondere Bedeutsamkeit erlangt hat, mit Godolphin, dessen erster Lebenszweck darin bestand, bei beiden rivalisirenden Königen zu gleicher Zeit in Gunst zu bleiben und durch alle Revolutionen und Contrerevolutionen seinen Kopf, sein Vermögen und einen Platz im Schatzamte zu behalten; mit Shrewsbury, der, nachdem er einmal in einem unheilvollen Augenblicke verbrecherische und entehrende Verpflichtungen übernommen, nicht die Energie besessen hatte, sich von denselben loszureißen; mit Marlborough, der noch immer die aufrichtigste Reue wegen der Vergangenheit und die besten Absichten für die Zukunft an den Tag legte, und mit Russell, welcher erklärte, daß er noch der Nämliche sei, der er vor der Schlacht von La Hogue gewesen, und der das Versprechen erneuerte, zu thun was Monk gethan habe, unter der Bedingung, daß allen politischen Verbrechern ein Generalpardon zugesichert und daß die königliche Gewalt starken constitutionellen Beschränkungen unterworfen würde.
Ehe Middleton England verließ, hatte er die Meinung aller Oberhäupter der Vergleicher sondirt. Sie waren der Ansicht, daß es ein Mittel gebe, welches die streitenden Parteien des Vaterlandes mit einander aussöhnen und zur baldigen Pacifirung Europa’s führen werde. Dieses Mittel sei, daß Jakob zu Gunsten des Prinzen von Wales die Krone niederlege und daß der Prinz von Wales protestantisch erzogen werde. Wenn Se. Majestät, was nur zu wahrscheinlich sei, sich weigern sollte, diesem Vorschlage Gehör zu geben, so müsse er wenigstens einwilligen, eine Erklärung zu erlassen, welche den ungünstigen Eindruck verwische, den seine Erklärung vom vergangenen Frühjahr gemacht habe. Es wurde mit aller Sorgfalt eine Schrift in der für zweckmäßig erachteten Fassung entworfen und nach langer Discussion genehmigt.
Zu Anfang des Jahres 1693 stahl sich Middleton, nachdem er die Ansichten der vornehmsten englischen Jakobiten gesammelt hatte, über den Kanal und erschien am Hofe von Saint-Germains. Es fehlte an diesem Hofe nicht an Verleumdern und Spöttern, deren Bosheit um so gefährlicher war, weil sie die Maske der Gutmüthigkeit und Scheinheiligkeit trug.
Middleton fand bei seiner Ankunft, daß zahlreiche, von den ihn fürchtenden und hassenden Priestern fabricirte Lügen bereits in Umlauf gesetzt waren. Es hatten auch einige Nichtvergleicher von London geschrieben, daß er im Herzen ein Presbyterianer und Republikaner sei. Er wurde jedoch sehr freundlich aufgenommen und zugleich mit Melfort zum Staatssekretär ernannt.[11]