Inzwischen war der Herbst weit vorgerückt und die Armeen in den Niederlanden hatten ihre Winterquartiere bezogen. Am letzten October landete Wilhelm wieder in England. Das Parlament stand auf dem Punkte zusammenzutreten, und er hatte allen Grund, eine noch stürmischere Session als die vorige zu erwarten. Das Volk war unzufrieden, und nicht ohne Ursache. Das Jahr war überall für die Verbündeten unglücklich gewesen, nicht allein auf der See und in den Niederlanden, sondern auch in Serbien, in Spanien, in Italien und in Deutschland. Die Türken hatten die Generäle des Reichs gezwungen, die Belagerung Belgrad’s aufzuheben. Ein neucreirter Marschall von Frankreich, der Herzog von Noailles, war in Catalonien eingefallen und hatte die Festung Rosas genommen. Ein zweiter neucreirter Marschall, der geschickte und tapfere Catinat, war von den Alpen nach Piemont hinabgestiegen und hatte bei Marsiglia einen vollständigen Sieg über die Truppen des Herzogs von Savoyen erfochten. Diese Schlacht ist insofern denkwürdig, weil sie die erste einer langen Reihe von Schlachten war, in denen die irischen Truppen die durch Mißgeschick und schlechte Führung im einheimischen Kriege verlorene Ehre wiedererlangten. Einige von den Verbannten von Limerick bewiesen an jenem Tage unter dem französischen Banner eine Tapferkeit, die sie unter vielen Tausenden tapferer Männer auszeichnete. Es ist bemerkenswerth, daß an dem nämlichen Tage ein Bataillon der verfolgten und aus ihrem Vaterlande vertriebenen Hugenotten inmitten der allgemeinen Verwirrung fest zu dem Banner Savoyen’s hielt und mit Verzweiflung bis zum letzten Augenblicke kämpfend fiel.
Der Herzog von Lorges war in die bereits zweimal verwüstete Pfalz eingerückt und hatte gefunden, daß Turenne und Duras ihm noch etwas zu zerstören übrig gelassen. Heidelberg, das eben aus seinen Trümmern wieder zu erstehen begann, wurde abermals geplündert, die friedlichen Bewohner niedergemacht und ihre Frauen und Kinder empörend geschändet. Selbst die Chöre der Kirchen wurden mit Blut befleckt; die Monstranzen und Kruzifixe von den Altären gerissen, die Gräber der alten Kurfürsten erbrochen, die ihrer Schweißtücher und Zierrathen entkleideten Leichname durch die Straßen geschleift. Der Schädel des Vaters der Herzogin von Orleans wurde von den Soldaten eines Fürsten, an dessen glänzendem Hofe sie unter den Damen den ersten Rang einnahm, in Stücken zerschlagen.
Noth in Frankreich.
Ein scharfblickendes Auge hätte indessen erkennen müssen, daß, so unglücklich auch die Verbündeten gewesen zu sein schienen, der Vortheil eigentlich auf ihrer Seite geblieben war. Der Kampf war ebensowohl ein finanzieller als ein militärischer. Der französische König hatte einige Monate vorher geäußert, das letzte Goldstück werde den Sieg davontragen, und er begann jetzt die Wahrheit dieses Ausspruchs schmerzlich zu empfinden. England war allerdings durch öffentliche Lasten schwer bedrückt; aber es hielt sich noch immer aufrecht. Frankreich war währenddem in raschem Sinken begriffen. Seine kürzlichen Anstrengungen waren zuviel für seine Kraft gewesen und hatten es verzehrt und entnervt. Noch nie hatten seine Beherrscher einen größeren Scharfsinn im Erdenken von Abgaben und eine größere Strenge im Eintreiben derselben an den Tag gelegt; aber kein Scharfsinn, keine Strenge vermochte die zu einem neuen Feldzuge wie der von 1693 erforderlichen Summen aufzubringen. In England war die Ernte reichlich ausgefallen. In Frankreich waren Getreide und Wein abermals mißrathen. Das Volk maß, wie gewöhnlich, der Regierung die Schuld bei, und die Regierung versuchte mit schmachvoller Unwissenheit oder noch schmachvollerer Unredlichkeit den öffentlichen Unwillen auf die Getreidehändler zu lenken. Es wurden Decrete erlassen, welche absichtlich zu dem Zwecke entworfen zu sein schienen, die Theuerung in Hungersnoth zu verwandeln. Man versicherte der Nation, es sei kein Grund zu Besorgniß vorhanden, der Ertrag der Feldfrüchte sei mehr als hinreichend und der Mangel sei nur durch die schändlichen Manipulationen der Wucherer erzeugt worden, die mit ihren Vorräthen zurückhielten, in der Hoffnung, einen enormen Gewinn zu erzielen. Es wurden Commissare zu Visitation der Kornspeicher ernannt und ermächtigt, alles Getreide, das die Eigenthümer nicht für ihren Bedarf brauchten, auf den Markt zu bringen. Eine solche Einmischung vergrößerte natürlich die Noth, der sie abhelfen sollte. Aber inmitten des allgemeinen Mangels gab es an einem Orte einen künstlich erzeugten Ueberfluß. Der unumschränkteste Fürst muß immer einige Scheu vor einer in der Umgebung seines Palastes versammelten großen Menschenmenge haben. Aehnliche Befürchtungen wie die, welche die Cäsaren bestimmt hatten, Afrika und Aegypten die Mittel auszupressen, dem römischen Pöbel den Mund zu stopfen, bewogen Ludwig, das Elend von zwanzig Provinzen zu vermehren, um eine gewaltige Stadt bei guter Laune zu erhalten. Er ließ in allen Kirchspielen der Hauptstadt Brot um weniger als den halben Marktpreis vertheilen. Die englischen Jakobiten waren einfältig genug, diese Anordnung als weise und human zu preisen. Die Ernte, sagten sie, sei in England gut, in Frankreich schlecht gewesen, und doch sei das Brot in Paris wohlfeiler als in London, und die Erklärung sei ganz einfach. Die Franzosen hätten einen Souverain, dessen Herz französisch sei und der mit der Fürsorge eines Vaters über sein Volk wache, während die Engländer mit einem holländischen Tyrannen beglückt seien, der ihr Getreide nach Holland schicke. Die Wahrheit ist, daß acht Tage solcher väterlicher Regierung wie die Ludwig’s, ganz England, von Northumberland bis Cornwall, zu einem bewaffneten Aufstande getrieben haben würden. Damit in Paris Ueberfluß herrschen konnte, mußte die Bevölkerung der Normandie und des Anjou Nesseln essen. Damit es in Paris ruhig blieb, schlug sich das Landvolk längs der ganzen Loire und Seine mit den Schiffern und Truppen. Massen flohen aus diesen ländlichen Districten, wo das Pfund Brot fünf Sous kostete, nach dem glücklichen Orte, wo das Pfund Brot für zwei Sous zu haben war. Man mußte die verhungerten Menschenhaufen mit Gewalt von den Barrièren zurücktreiben und Denen, die nicht nach Hause gehen und ruhig verhungern wollten, mit den furchtbarsten Strafen drohen.[50]
Ludwig sah ein, daß die Kräfte Frankreich’s durch die Anstrengungen des letzten Feldzugs übermäßig in Anspruch genommen worden waren. Selbst wenn es eine reichliche Ernte und Weinlese gehabt hätte, würde es nicht im Stande gewesen sein, 1694 das zu leisten, was es 1693 geleistet, und es war durchaus unmöglich, daß es zu einer Zeit des größten Mangels wieder Armeen ins Feld schicken konnte, welche an allen Punkten den Armeen der Coalition an Zahl überlegen waren. Neue Eroberungen waren nicht zu erwarten. Es war schon viel, wenn das auf allen Seiten von Feinden umlagerte ausgesogene und erschöpfte Land ohne Niederlage einen Vertheidigungskrieg zu bestehen vermochte. Ein so geschickter Staatsmann wie der König von Frankreich mußte nothwendig erkennen, daß es nur zu seinem Vortheile sein konnte, wenn er mit den Verbündeten unterhandelte, so lange sie durch die Erinnerung an die kolossalen Anstrengungen, die sein Land soeben gemacht hatte, noch in Respect erhalten wurden, und bevor die Erschlaffung, welche auf diese Anstrengungen gefolgt war, sichtbar zu werden begann.
Er verkehrte schon längst durch verschiedene Kanäle mit einigen Mitgliedern der Conföderation und versuchte sie zu bestimmen, sich von den übrigen zu trennen. Bis jetzt aber hatte er noch keine Propositionen gemacht, die auf eine allgemeine Pacifirung hinzielten. Denn er wußte, daß keine allgemeine Pacifirung möglich war, wenn er sich nicht entschloß, die Sache Jakob’s aufzugeben und den Prinzen und die Prinzessin von Oranien als König und Königin anzuerkennen. Dies war eigentlich der Punkt, um den sich Alles drehte. Was mit den großen Festungen geschehen sollte, welche Ludwig in Friedenszeiten widerrechtlich weggenommen und seinem Reiche einverleibt hatte, mit Luxemburg, das die Mosel in Schach hielt, und mit Straßburg, das den Oberrhein beherrschte, was ferner mit den festen Plätzen geschehen sollte, die er neuerdings im offenen Kriege erobert, mit Philippsburgi, Mons und Namur, mit Huy und Charleroy; welche Grenze den Generalstaaten gesteckt, unter welchen Bedingungen Lothringen seinen erblichen Herzögen zurückgegeben werden sollte: dies waren allerdings keine unwichtigen Fragen. Aber die allerwichtigste Frage war die, ob England, wie es dies unter Jakob gewesen, eine Provinz Frankreich’s, oder, was es unter Wilhelm und Marien war, eine Macht ersten Ranges sein sollte. Wenn Ludwig ernstlich den Frieden wünschte, so mußte er es über sich gewinnen, die Souveraine anzuerkennen, die er so oft als Usurpatoren bezeichnet hatte. Konnte er es über sich gewinnen, sie anzuerkennen? Auf der einen Seite standen sein Aberglaube, sein Stolz, seine Rücksichten gegen die unglücklichen Verbannten, welche in Saint-Germains schmachteten, seine persönliche Abneigung gegen den unermüdlichen und unbesiegbaren Gegner, der seit zwanzig Jahren ihm überall hindernd in den Weg trat; auf der andren Seite standen seine und seines Volkes Interessen. Er mußte einsehen, daß es nicht in seiner Macht lag, die Engländer zu unterjochen, das er es wenigstens ihnen überlassen müsse, sich ihre Regierung selbst zu wählen, und daß es am besten sei, das bald zu thun, was er schließlich doch thun mußte. Gleichwohl konnte er sich nicht sofort zu etwas so Unangenehmem entschließen. Er trat jedoch durch die Vermittelung Schweden’s und Dänemark’s mit den Generalstaaten in Unterhandlung und schickte einen vertrauten Agenten nach Brüssel, um im Geheimen mit Dykvelt zu conferiren, der Wilhelm’s ganzes Vertrauen besaß. Es wurde viel über Dinge von untergeordneter Bedeutung discutirt, aber die Hauptfrage blieb unerledigt. Der französische Agent ließ im vertraulichen Gespräch Aeußerungen fallen, welche deutlich verriethen, daß die Regierung, die er repräsentirte, bereit war, Wilhelm und Marien anzuerkennen; aber eine förmliche Zusage war nicht von ihm zu erlangen. Gerade zu derselben Zeit benachrichtigte der König von Dänemark die Verbündeten, daß er bemüht sei, Frankreich dahin zu bringen, nicht auf der Restauration Jakob’s als einer unerläßlichen Friedensbedingung zu bestehen, sagte aber nicht, daß seine Bemühungen bis jetzt erfolgreich gewesen seien. Währenddem theilte Avaux, der jetzt Gesandter in Stockholm war, dem König von Schweden mit, daß, da die Würde aller gekrönten Häupter in der Person Jakob’s beleidigt worden sei, der Allerchristlichste König sich überzeugt halte, daß nicht allein die neutralen Mächte, sondern selbst der Kaiser ein Mittel ausfindig zu machen suchen würden, welches eine so ernste Ursache zu Unfrieden beseitigen könne. Das von Avaux vorgeschlagene Mittel war jedenfalls, daß Jakob von seinen Rechten abstehen und daß der Prinz von Wales nach England geschickt, in der protestantischen Religion erzogen, von Wilhelm und Marien adoptirt und zu ihrem Erben erklärt werden solle. Gegen ein solches Arrangement würde Wilhelm vom persönlichen Standpunkte wahrscheinlich nichts einzuwenden gehabt haben. Aber wir dürfen überzeugt sein, daß er nie eingewilligt haben würde, es zu einer Bedingung des Friedens mit Frankreich zu machen. Die Frage, wer in England regieren sollte, hatte England allein zu entscheiden.[51]
Es war triftiger Grund zu dem Verdachte vorhanden, daß eine, in dieser Weise geleitete Unterhandlung nur die Veruneinigung der Verbündeten bezweckte. Wilhelm begriff die ganze Wichtigkeit des Moments. Es mag sein, daß er nicht den Blick eines großen Feldherrn für alle Wechselfälle einer Schlacht hatte; aber er besaß in höchster Vollkommenheit den Blick eines großen Staatsmannes für alle Wechselfälle eines Kriegs. Daß Frankreich ihm endlich Propositionen machte, war ein genügender Beweis, daß es sich erschöpft und im Sinken begriffen fühlte. Daß diese Propositionen mit äußerstem Widerstreben und Zaudern gemacht wurden, bewies, daß es sich noch nicht in einer Stimmung befand, die es ermöglichte, unter billigen Bedingungen Frieden mit ihm zu schließen. Er sah, daß der Feind zu weichen begann und daß der Augenblick gekommen war, die Offensive zu ergreifen, vorzugehen und alle Reserven heranzuziehen. Ob aber die Gelegenheit benutzt oder versäumt werden sollte, darüber hatte er nicht zu entscheiden. Der König von Frankreich konnte ohne eine andre Beschränkung als die, welche die Naturgesetze dem Despotismus auflegen, Truppen ausheben und Steuern fordern. Der König von England aber vermochte nichts ohne die Unterstützung des Hauses der Gemeinen, und obgleich das Haus der Gemeinen ihn bisher bereitwillig und freigebig unterstützt hatte, so war es doch keine Körperschaft, auf die er sich verlassen konnte. Es war in der That in einen Zustand gerathen, der die scharfsichtigsten Staatsmänner der damaligen Zeit in Verlegenheit und Besorgniß versetzte. Die Vereinigung einer so grenzenlosen Macht mit einer so grenzenlosen Launenhaftigkeit hatte etwas Erschreckendes. Das Schicksal der ganzen civilisirten Welt hing von den Beschlüssen der Vertreter des englischen Volks ab, und es gab keinen Staatsmann, der es hatte wagen können, mit Bestimmtheit zu sagen, zu welchem Beschlusse diese Vertreter nicht binnen vierundzwanzig Stunden bewogen werden konnten.[52] Wilhelm erkannte es schmerzlich, daß es einem Fürsten, der von einer zu Zeiten so ungestümen, zu anderen Zeiten so lässigen Versammlung abhing, unmöglich war, etwas Großes ins Werk zu setzen. In der That, obgleich kein Souverain soviel that, um die Macht des Hauses der Gemeinen zu befestigen und zu erweitern, so liebte doch kein Souverain das Haus der Gemeinen weniger. Dies ist auch nicht zu verwundern, denn er sah dieses Haus in der allerschlimmsten Beschaffenheit. Er sah es, als es eben die Macht eines Senats erlangt, sich aber noch nicht die ernste Würde eines solchen angeeignet hatte. In seinen Briefen an Heinsius klagt er beständig über das endlose Geschwätz, die Parteizwistigkeiten, die Unbeständigkeit und Unschlüssigkeit einer Körperschaft, die mit Rücksicht zu behandeln ihm seine Lage gebot. Seine Klagen waren durchaus nicht ungegründet, aber er hatte weder die Ursache des Uebels, noch das Heilmittel dagegen entdeckt.
Ein Ministerium nothwendig für die parlamentarische Regierungsform.
Die Sache war die, daß die Veränderung, welche die Revolution in der Stellung des Hauses der Gemeinen herbeigeführt hatte, eine andere Veränderung nothwendig gemacht hatte und daß diese Veränderung noch nicht eingetreten war. Es gab eine parlamentarische Regierung, aber es gab kein Ministerium, und ohne Ministerium muß die Thätigkeit einer parlamentarischen Regierung wie die unsrige stets schwankend und unsicher sein.
Es ist für unsere Freiheiten wesentlich nothwendig, daß das Haus der Gemeinen eine Oberaufsicht über alle Zweige der ausübenden Verwaltung führt. Und doch liegt es auf der Hand, daß eine Versammlung von fünf- bis sechshundert Männern, selbst wenn sie in geistiger Beziehung hoch über dem Durchschnittsmaße der Mitglieder des besten Parlaments ständen, selbst wenn jeder von ihnen ein Burleigh oder ein Sully wäre, zu executiven Functionen untauglich sein würde. Man hat sehr richtig gesagt, daß jede große Versammlung von menschlichen Geschöpfen, mögen sie auch noch so gebildet sein, eine starke Tendenz habe, ein tumultuarischer Haufen (a mob) zu werden, und ein Land, dessen höchste Executivbehörde eine tumultuarische Menge ist, befindet sich gewiß in einer gefährlichen Lage.