Wachsthum der Städte. [So] groß auch die Veränderungen waren, die seit der Revolution auf dem platten Lande vorgingen, in den Städten waren sie noch viel staunenerregender. Gegenwärtig ist ein Sechstel der ganzen Bevölkerung in den Provinzialstädten von mehr als dreißigtausend Einwohnern zusammengedrängt. Zur Zeit Karl’s II. hatte noch keine einzige Provinzialstadt im ganzen Reiche dreißigtausend Einwohner, nur vier zählten zehntausend Seelen.

Bristol. [Der] Hauptstadt zunächst, aber noch immer in ungeheurem Abstande, kamen Bristol, damals der wichtigste Seehafen, und Norwich, damals die erste Fabrikstadt Englands. Beide sind seitdem von jüngeren Nebenbuhlerinnen weit überflügelt worden, haben aber gleichwohl beide sehr bedeutende positive Fortschritte gemacht, denn die Bevölkerung von Bristol hat sich vervierfacht, die von Norwich mehr als verdoppelt.

Pepys, welcher Bristol acht Jahre nach der Restauration besuchte, war erstaunt über den Glanz dieser Stadt. Allerdings scheint er keinen hohen Maßstab angelegt zu haben, denn er bezeichnet es als ein Wunder, daß man in Bristol allenthalben nichts als Häuser erblicke, wenn man sich umsehe. Danach scheint es, daß in keiner andren ihm bekannten Stadt, London ausgenommen, die Häuser Wald und Feld völlig verdrängt hatten. So groß Bristol damals erschien, bedeckte es doch nur einen sehr kleinen Theil des Flächenraumes, den es gegenwärtig einnimmt. Einige Kirchen von ausgezeichneter Schönheit erhoben sich aus einem Labyrinth von engen Gäßchen, deren Häuser keine besonders festen Grundmauern hatten. Fuhr ein Wagen oder Karren durch diese Gassen, so lief er Gefahr, zwischen den Häusern stecken zu bleiben oder in die Kellergewölbe einzubrechen. Die Waaren wurden daher fast ausschließlich auf kleinen, von Hunden gezogenen Karren in die Stadt gebracht und die reichen Einwohner trugen ihren Wohlstand nicht in goldstrotzenden Equipagen zur Schau, sondern indem sie sich auf ihren Gängen durch die Stadt von einer zahlreichen Dienerschaft in prächtiger Livree begleiten ließen und glänzende Gastmähler gaben. Der Pomp bei Taufen und Leichenbegängnissen überstieg dort Alles, was man irgend anderwärts in England sah. Die Gastfreundschaft dieser Stadt war weit berühmt, ganz besonders die Collationen, mit denen die Besitzer der Zuckerraffinerien ihre Gäste bewirtheten. Diese Mahlzeiten wurden in dem Siedekessel servirt und waren stets von einem aus dem besten spanischen Weine bereiteten köstlichen Getränk begleitet, das im ganzen Lande unter dem Namen „Bristolmilch“ bekannt war. Der damals blühende Handel mit den nordamerikanischen Pflanzungen und mit Westindien gestattete diesen Luxus. Die Leidenschaft für den Handel mit den Colonien war so allgemein, daß es in Bristol kaum einen Krämer gab, der nicht Handelsgüter am Bord eines nach Virginien oder nach den Antillen bestimmten Schiffes gehabt hätte. Diese Geschäfte waren allerdings zum Theil nicht der ehrenvollsten Art. In überseeischen Besitzungen der Krone war große Nachfrage nach Arbeitern und diesem Bedarfe wurde theilweis durch ein förmliches Preß- und Menschenraubsystem genügt, das sich in den englischen Seehäfen gebildet hatte. Dieses System wurde nirgends mit solcher Thätigkeit und in solchem Umfange betrieben als in Bristol. Selbst die höchsten Magistratsbeamten der Stadt scheuten sich nicht, sich durch einen so schmachvollen Handel zu bereichern. Aus den damaligen Heerdgeldlisten geht hervor, daß die Häuserzahl im Jahre 1685 gerade fünftausenddreihundert betrug. Die Zahl der Bewohner eines Hauses dürfen wir kaum höher annehmen, als sie in der City von London war, und hier kamen damals auf je zehn Häuser fünfundfünfzig Personen. Demnach muß die Bevölkerung von Bristol sich auf ungefähr neunundzwanzigtausend Seelen belaufen haben.[63]

[63.] Evelyn’s Diary, June 27. 1654; Pepys’s Diary, June 13. 1668; Roger North’s Lives of Lord Keeper Guildford, and of Sir Dudley North; Petty’s Political Arithmetic. Ich habe Petty’s Angaben zum Grunde gelegt, aber in den daraus hergeleiteten Folgerungen habe ich mich an King und Davenant gehalten, die zwar nicht geschickter waren als jener, aber den Vortheil hatten, daß sie nach ihm kamen. Bezüglich des Menschenhandels, wegen dessen Bristol berüchtigt war, sehe man North’s Life of Guildford, 121. 216. und die Rede Jeffreys’ in der „Unparteiischen Geschichte seines Lebens und Todes“ zusammengedruckt mit den „Blutigen Assisen“. Sein Styl war, wie immer, roh und widerlich, aber ich kann den Verweis, den er den Magistratsbeamten von Bristol gab, nicht zu seinen Verbrechen zählen.

Norwich. [Norwich] war die Hauptstadt einer großen und fruchtbaren Provinz, der Sitz eines Bischofs und eines Kapitels und der Hauptsitz des wichtigsten Fabrikationszweiges. Manche ausgezeichnete Männer der Wissenschaft hatten in letzter Zeit dort gelebt und keine Stadt des Landes, die Hauptstadt und die Universitätsstädte ausgenommen, enthielt so viele Sehenswürdigkeiten. Die Mitglieder der Royal Society waren der Meinung, schon die Bibliothek, das Museum, das Vogelhaus und der botanische Garten Sir Thomas Browne’s seien einer weiten Reise werth. Auch besaß Norwich einen kleinen Hof. Im Herzen der Stadt stand ein alter Palast der Herzöge von Norfolk, der für das größte städtische Wohnhaus im ganzen Lande, mit Ausnahme von London, galt. Dieser Palast, zu dem ein Ballhaus, eine Kegelbahn und ein großer Park gehörte, der sich an den Ufern des Wansum hinzog, ward zu Zeiten von der vornehmen Familie der Howard bewohnt, welche ein Haus führte wie mancher kleine Souverain. Die Getränke wurden den Gästen in Bechern von reinem Golde gereicht, selbst die Kohlenschaufeln und Feuerzangen waren von Silber. Die Wände waren mit Gemälden von italienischen Meistern geschmückt und die Zimmer mit einer prächtigen Sammlung von Gemmen gefüllt, die jener Earl von Arundel gekauft hatte, dessen Marmorbilder jetzt eine Zierde von Oxford sind. Hier war im Jahre 1671 König Karl mit seinem Hofstaate glänzend bewirthet worden, hier waren jedes Jahr von Weihnacht bis zum Dreikönigstag alle Gäste willkommen. Für das gemeine Volk floß das Bier in Strömen; drei Wagen, von denen einer, der vierzehn Personen faßte, fünfhundert Pfund Sterling gekostet hatte, fuhren jeden Abend in der Stadt umher, um die Damen zu den Festlichkeiten zu holen, und der Tanz wurde jedesmal mit einem glänzenden Festmahle beschlossen. Wenn der Herzog von Norfolk nach Norwich kam, wurde er empfangen wie ein König, der in seine Residenz einzieht. Die Glocken der Kathedrale und der Kirche St. Peter-Mancroft wurden geläutet, die Kanonen des Schlosses abgefeuert und der Mayor und die Aldermen überreichten ihrem hohen Mitbürger Glückwunschadressen. Im Jahre 1693 fand man durch wirkliche Zählung, daß die Bevölkerung von Norwich zwischen achtundzwanzig- und neunundzwanzigtausend Seelen betrug.[64]

Viel tiefer als Norwich, aber doch immer hoch in Ansehen und Bedeutung standen die Hauptstädte einiger anderen Grafschaften. Es geschah damals selten, daß ein Landgentleman mit seiner Familie nach London kam; seine Metropole war die Hauptstadt der Grafschaft und dort verlebte er zuweilen einen Theil des Jahres. Jedenfalls riefen ihn Geschäfte und Vergnügungen, Assisen, Quartalsitzungen, Wahlen, Musterungen der Miliz, Pferderennen und andere Festlichkeiten oft dahin. Dort waren die Säle, in denen die Richter in ihren scharlachrothen Röcken und begleitet von Trompetern und Hellebardieren zweimal des Jahres im Namen des Königs ihre Verhandlungen eröffneten. Dort waren die Märkte, auf welchen die Umgegend ihr Getreide, ihr Vieh, ihre Wolle und ihren Hopfen zum Verkauf brachte, sowie die großen Jahrmärkte, zu denen selbst Kaufleute von London kamen und wo die Landkrämer ihren Jahresbedarf an Zucker, Schreibmaterialien, Stahlwaaren und Kleiderstoffen einkauften. Dort waren endlich die Läden und Magazine, aus denen die angesehendsten Familien der Nachbarschaft ihre Spezereiwaaren und Modeartikel bezogen. Einige von diesen Städten hatten außerdem wegen geschichtlicher Erinnerungen eine gewisse Berühmtheit. Bald war es eine Kathedrale, die in aller Kunst und Pracht des Mittelalters strahlte, bald ein Palast, den eine lange Reihe von Prälaten bewohnt hatte, bald ein Domkapitel, umgeben von den ehrwürdigen Wohnungen der Dechanten und Canonici, bald ein festes Schloß, das in alter Zeit den Nevilles oder De Vere widerstanden hatte und das noch die neueren Spuren der Rache Cromwell’s oder Ruprecht’s zeigte.

[64.] Fuller’s Worthies; Evelyn’s Diary, Oct. 17. 1671; Journal of E. Browne, dem Sohne des Sir Thomas Browne, vom Januar 1663—64; Blomfield’s History of Norfolk; History of the City and County of Norwich, 2 vols. 1768.

Andere Provinzialstädte. [Unter] diesen interessanten Städten zeichneten sich namentlich York, die Hauptstadt des Nordens, und Exeter, die Hauptstadt des Südens, aus. Keine von beiden kann damals viel über zehntausend Einwohner gehabt haben. Worcester, die Königin des Ciderlandes, zählt deren achttausend, Nottingham wahrscheinlich eben so viel. Gloucester, berühmt durch seine entschlossene Vertheidigung, welche Karl I. so verderblich wurde, hatte gewiß zwischen vier- und fünftausend, Derby nicht ganz viertausend. Shrewsbury war der Hauptort eines großen fruchtbaren Bezirks, und die Sitzungen der Marken von Wales wurden daselbst gehalten. In der Sprache der Gentry viele Meilen im Umkreise von Wrekin hieß „zur Hauptstadt gehen“ so viel als nach Shrewsbury gehen. Die Stutzer und Damen, der Provinz ahmten so gut sie konnten, auf den Promenaden am Ufer des Severn die Moden und Sitten von St. James-Park nach. Die Einwohnerzahl belief sich auf ungefähr siebentausend.[65]