Die Bevölkerungen aller dieser Städte haben sich seit der Revolution mehr als verdoppelt, in einigen ist sie auf das Siebenfache gestiegen. Die Straßen sind fast durchgängig neu gebaut, das Stroh ist durch Schiefer, das Holz durch Backsteine ersetzt worden. Unser gegenwärtiges Pflaster und unsere Straßenbeleuchtung, die prachtvolle Ausstattung vieler Kaufläden und die in den Wohnungen der Gentry herrschende geschmackvolle Eleganz würden im siebzehnten Jahrhundert wie eben so viele Wunder angestaunt worden sein; dessen ungeachtet haben die alten Provinzialhauptstädte jetzt bei weitem nicht die relative Wichtigkeit, die sie ehedem hatten. Jüngere Städte, die von unseren früheren Geschichtsschreibern selten oder gar nicht erwähnt werden und welche keine Vertreter ins Parlament schickten, sind unter den Augen noch lebender Personen zu einer Größe herangewachsen, die unsere Generation mit Stolz und Bewunderung, aber auch nicht ohne Angst und Besorgniß betrachtet.
[65.] Aus den Tauf- und Sterbelisten in Drake’s Geschichte geht hervor, daß die Bevölkerung von York im Jahre 1730 ungefähr dreizehntausend Seelen betrug. Exeter hatte noch 1801 nur siebzehntausend Einwohner. Die Bevölkerung von Worcester wurde kurz vor der Belagerung im Jahre 1646 gezählt. Siehe Nash’s History of Worcestershire. Ich habe auf die während eines Zeitraums von vierzig Jahren wahrscheinliche Zunahme Rücksicht genommen. Im Jahre 1740 wurde durch eine Zählung die Bevölkerung von Nottingham gerade zehntausend Seelen stark gefunden. Siehe Dering’s History. Die Einwohnerzahl von Gloucester läßt sich aus der Häuserzahl, welche King in den Heerdgeldlisten fand, sowie aus den Geburts- und Sterbetabellen in Atkyns’ Geschichte leicht ermitteln. Derby zählte 1712 viertausend Einwohner. Siehe Wolley’s M.S. History, die in Lyson’s Magna Britannia erwähnt ist. Die Bevölkerung von Shrewsbury wurde im Jahre 1695 durch wirkliche Zählung ermittelt. Bezüglich der Annehmlichkeiten von Shrewsbury sehe man Farquhar’s Recruiting Officer. Farquhar’s Schilderung wird durch eine Ballade in der Pepys’schen Bibliothek bestätigt, deren Refrain lautet: „Shrewsbury für mich“.
Manchester. [Indessen] waren die hervorragendsten dieser Städte schon im siebzehnten Jahrhunderte als wichtige Sitze des Gewerbfleißes bekannt. Ja ihr rasches Emporblühen und ihr Reichthum ward sogar zuweilen in einer Sprache geschildert, welche Jedem, der ihren gegenwärtigen Glanz steht, spaßhaft vorkommt. Eine der bevölkertsten und blühendsten war Manchester. Der Protector hatte sie aufgefordert, einen Vertreter in sein Parlament zu schicken und die Schriftsteller aus der Zeit Karl’s II. nennen sie eine betriebsame und reiche Stadt. Seit einem halben Jahrhunderte schon wurde Baumwolle von Cypern und Smyrna dahin gebracht, aber die Fabrikation war noch in ihrer Kindheit, denn Whitney hatte noch nicht gelehrt, wie der Rohstoff in fast fabelhaften Quantitäten erlangt werden konnte, so wenig als Arkwright die Kunst gezeigt, sie mit einer zauberhaften Geschwindigkeit und Akkuratesse zu verarbeiten. Die jährliche Gesammteinfuhr erreichte zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts noch nicht zwei Millionen Pfund, ein Quantum, das gegenwärtig kaum den Bedarf von achtundvierzig Stunden decken würde. Diese wundervolle Handelsstadt, die an Einwohnerzahl und Reichthum so viele berühmte Hauptstädte, wie Berlin, Madrid und Lissabon bei weitem übertrifft, war damals noch ein kleiner und schlecht gebauter Marktflecken mit kaum sechstausend Einwohnern. Damals hatte es nicht eine einzige Presse, jetzt hat es hundert Druckereien; damals besaß es nicht eine einzige Kutsche, jetzt zählt es zwanzig Wagenfabrikanten.[66]
[66.] Blome’s Britannia, 1678; Aikin’s Country round Manchester; Manchester Directory, 1845; Baines, History of the Cotton Manufacture. Die besten Aufschlüsse über die Bevölkerung von Manchester im siebzehnten Jahrhundert fand sich in einem von dem Rev. R. Parkinson verfaßten Aufsatze im Journal of the Statistical Society vom October 1842.
Leeds. [Leeds] war schon damals der Hauptsitz der Wollenmanufactur von Yorkshire, aber die älteren Einwohner erinnerten sich noch recht gut der Zeit, als das erste Backsteinhaus, damals und noch lange nachher das „rothe Haus“ genannt, erbaut worden war. Sie rühmten sich laut ihres zunehmenden Wohlstandes und der ungeheuren Tuchverkäufe, welche unter freiem Himmel auf der Brücke abgeschlossen wurden. Hunderte, ja Tausende von Pfunden Sterling wurden an einem einzigen lebhaften Markttage umgesetzt. Die zunehmende Bedeutung von Leeds hatte die Aufmerksamkeit mehrerer aufeinanderfolgenden Regierungen auf diese Stadt gelenkt. Karl I. gewährte ihr gewisse städtische Vorrechte und Oliver Cromwell forderte sie auf, einen Vertreter in das Haus der Gemeinen zu senden. Aus den Heerdgeldlisten scheint jedoch klar hervorzugehen, daß die Bevölkerung des ganzen Stadtgebiets, zu welchem damals mehrere Dörfer gehörten, unter der Regierung Karl’s II. die Zahl von siebentausend Seelen nicht überstieg. Im Jahre 1841 zählte es deren mehr als hundertfunfzigtausend.[67]
[67.] Thoresby’s Ducatus Leodensis; Whitaker’s Loidis and Elmete; Wardell’s Municipal History of the Borough of Leeds.
Sheffield. [Ungefähr] eine Tagereise südlich von Leeds lag am Saume einer wilden Moorstrecke ein alter jetzt reich angebauter, damals aber unfruchtbarer und nicht einmal eingehegter Gutsbezirk, der unter dem Namen Hallamshire bekannt war. Dort gab es Eisen im Überfluß und die daselbst fabricirten plumpen Messer wurden im ganzen Lande verkauft. Geoffrey Chaucer erwähnt ihrer in seinen Canterbury Tales. Die Fabrikation machte jedoch während der nächstfolgenden drei Jahrhunderte nur sehr langsame Fortschritte. Dieser Umstand läßt sich vielleicht dadurch erklären, daß der Handel fast während jenes ganzen langen Zeitraums den Bestimmungen unterworfen war, welche der Gutsherr und dessen Gerichtshof vorzuschreiben für gut fanden. Die feineren Messerschmiedewaaren wurden daher theils in London fabricirt, theils vom Continent eingeführt. Erst unter Georg I. hörten die britischen Ärzte auf, die feinen Instrumente, deren sie zu ihren chirurgischen Operationen bedurften, aus Frankreich zu beziehen. Die Mehrzahl der Werkstätten von Hallamshire befand sich in einem Marktflecken, der in der Nähe des herrschaftlichen Schlosses entstanden war und der noch unter Jakob I. ein elender Ort mit etwa zweitausend Einwohnern war, von denen der dritte Theil aus halbverhungerten und halbnackten Bettlern bestand. Aus den Kirchenregistern ergiebt sich mit ziemlicher Gewißheit, daß die Bevölkerung zu Ende der Regierung Karl’s II. noch nicht viertausend Seelen betrug. Man sah dort eine Menge Krüppel und jeder Reisende erkannte auf den ersten Blick die verderblichen Wirkungen einer der Gesundheit und Kraft des menschlichen Körpers höchst nachtheiligen Beschäftigung. Dies war das Sheffield, welches gegenwärtig mit seinen Vorstädten hundertzwanzigtausend Einwohner zählt und seine vortrefflichen Messer, Scheeren und chirurgischen Instrumente bis nach den entferntesten Weltgegenden versendet.[68]
[68.] Hunter’s History of Hallamshire.
Birmingham. [Birmingham] ward zu Oliver’s Zeiten noch nicht für wichtig genug gehalten, um im Parlament durch ein Mitglied vertreten zu sein. Indessen waren die dortigen Fabrikanten schon ein sehr betriebsames Völkchen, dessen Wohlstand sich fortwährend vermehrte. Sie waren stolz auf den Ruf, den ihre Eisenwaaren, wenn auch noch nicht in Peking und Lima, in Bokhara und Timbuktu, so doch in London und selbst in Irland genossen. Eine minder ehrenvolle Berühmtheit hatten sie als Falschmünzer erlangt. Der Spottname „Birminghams“, den die Torypartei den Demagogen gab, welche einen heuchlerischen Eifer gegen das Papstthum zur Schau trugen, war eine Anspielung auf die dort verfertigten falschen Groatstücke. Die Bevölkerung der Stadt, welche gegenwärtig nicht viel unter zweimalhunderttausend Seelen beträgt, belief sich damals noch nicht auf viertausend. Die Birminghamer Knöpfe fingen eben erst an bekannt zu werben, von Birminghamer Schießgewehren hatte noch kein Mensch etwas gehört, und die Stadt, aus der zwei Generationen später die Prachtwerke Baskerville’s hervorgingen, welche alle Buchhändler Europa’s in Erstaunen setzten, hatte damals noch nicht einen einzigen ordentlichen Buchladen, wo man eine Bibel oder einen Kalender kaufen konnte. Nur an den Markttagen kam ein Buchhändler, Namens Michael Johnson, der Vater des großen Samuel Johnson, von Lichfield, um auf einige Stunden seine Marktbude zu öffnen, und diese literarische Bezugsquelle wurde lange Zeit für den Bedarf genügend erachtet.[69]
Diese vier Hauptsitze unsrer großartigen Fabrikindustrie verdienen besondere Erwähnung. Es würde ermüdend sein, wollten wir außerdem alle die jetzt dicht bevölkerten und reichen Bienenstöcke des Gewerbfleißes anführen, welche vor hundertfunfzig Jahren noch Dörfer ohne Pfarrkirche oder öde Moorstrecken waren, auf denen nur Birkhühner und andres Wild hauste. Nicht minder wichtig sind die Veränderungen in den Ausfuhrplätzen gewesen, durch welche sich die Erzeugnisse der englischen Webstühle und Schmieden nach allen Weltgegenden ergießen.