Der Mittelpunkt von Lincoln’s Inn Fields war ein freier Platz, auf dem sich jeden Abend der Pöbel wenige Schritte von Cardigan House und Winchester House versammelte, um die Reden von Marktschreiern anzuhören und Bärentänze oder Kämpfe zwischen Hunden und Stieren anzusehen. Eine widerliche Unreinlichkeit herrschte auf dem ganzen Platze, Pferde wurden daselbst zugeritten und das Bettelvolk war dort so lärmend und zudringlich wie in den am schlechtesten verwalteten Städten des Continents. Die Bezeichnung „Lincoln’s-Inn-Bettler“ war sprichwörtlich. Die ganze Sippschaft kannte das Wappen und die Livree jedes mildthätigen Großen in der nächsten Umgebung und sobald die sechsspännige Equipage Seiner Herrlichkeit erschien, hinkten und krochen sie schaarenweis herbei, um ihn durch ihr Gewinsel zu belästigen. Diese Unordnungen währten trotz vielfacher Unfälle und jeweiligen gerichtlichen Einschreitens so lange, bis unter der Regierung Georg’s II. der Staatsarchivar, Sir Joseph Jeckyll, mitten auf dem Platze zu Boden geschlagen und fast ermordet wurde. Jetzt endlich wurde er eingezäunt und durch freundliche Gartenanlagen verschönert.[93]
St. James Square war der Sammelplatz für allen Unrath, alle Asche und alle todten Katzen und Hunde von Westminster. Eine Zeitlang gab ein Stockkämpfer dort seine Vorstellungen; später erbaute ein frecher Mensch aus eigner Machtvollkommenheit einen Schuppen zur Aufbewahrung von Lumpen und anderen Abgängen, unter den Fenstern der vergoldeten Prunksäle, in denen die ersten Magnaten des Reichs, die Norfolk, die Ormond, die Kent und die Pembroke Gastmähler und Bälle gaben. Erst nachdem diese Unzuträglichkeiten ein ganzes Menschenalter gedauert hatten und viel darüber geschrieben worden war, wendeten sich die Bewohner an das Parlament und erhielten die Erlaubniß, den Platz einzäunen und einige Bäume auf demselben pflanzen zu dürfen.[94]
Wenn sich der von der vornehmsten Klasse der Gesellschaft bewohnte Stadttheil in einem solchen Zustande befand, so läßt sich leicht denken, daß die große Masse der Bevölkerung Dinge ertragen mußte, welche jetzt für unerträglich gehalten werden würden. Das Straßenpflaster war abscheulich und alle Fremden schrieen Zeter darüber; die Abzugskanäle waren so schlecht, daß bei starkem Regen die Gossen zu reißenden Strömen wurden. Mehrere humoristische Dichter haben die Wuth besungen, mit der sich diese schwarzen Ströme Snow Hill und Ludgate Hill hinabwälzten, um Fleet Ditch einen ansehnlichen Beitrag an animalischem und vegetabilischem Unrath aus den Buden der Metzger und der Gemüsehändler zuzuführen. Durch die vorüberfahrenden Wagen und Karren wurde dieses schmutzige Wasser nach allen Seiten hin emporgesprützt, so daß jeder Fußgänger sich möglichst weit von dem Fahrwege zu entfernen, suchte. Die Sanftmütigen und Schüchternen gaben die Mauer frei, der sich die Dreisteren und Stärkeren bemächtigten; begegneten einander aber zwei Starrköpfe, so drückten sie die Hüte ins Gesicht und stießen sich so lange herum, bis der Schwächere in den Rinnstein taumelte. War der Besiegte ein Poltron, so zog er mit der Drohung, es werde sich schon eine Gelegenheit finden, ab; war er dagegen rauflustig, so endete die Geschichte zuweilen mit einem Zweikampfe hinter Montague House.[95]
Die Häuser waren damals nicht nummerirt, was auch nur geringen Nutzen gehabt haben würde, da die große Mehrzahl der Kutscher, Sänftenträger, Hausknechte und Laufburschen Londons nicht lesen konnte. Man mußte sich daher solcher Kennzeichen bedienen, die auch der Unwissendste verstand, und zu dem Ende waren alle Läden mit gemalten Schildern versehen, welche den Straßen ein eben so freundliches als seltsames Ansehen gaben. Der Weg von Charing Croß nach Whitechapel führte durch eine endlose Reihe von Mohrenköpfen, Königseichen, Blauen Bären und Goldenen Lämmern, welche verschwanden, sobald sie dem gemeinen Volke nicht mehr als Wegweiser dienen konnten.
Des Abends war eine Fußwanderung durch London in der That mit ernsten Schwierigkeiten und selbst mit Gefahren verknüpft. Die Fenster wurden geöffnet und allerhand Gefäße ohne Rücksicht auf die Vorübergehenden ausgeschüttet. Fälle, Quetschungen und Arm- oder Beinbrüche kamen sehr häufig vor, denn bis zum letzten Regierungsjahre Karl’s II. ließ man die meisten Straßen des Nachts in tiefster Finsterniß. Diebe und Straßenräuber konnten ungestraft ihr Handwerk ausüben, doch waren diese von den friedlichen Bürgern kaum so gefürchtet, als eine andre Klasse von Bösewichtern. Es war ein Lieblingsvergnügen der übermüthigen jungen Herren, des Nachts durch die Stadt zu schwärmen und Fenster einzuwerfen, Sänften umzustürzen, ruhige Leute zu prügeln und hübsche Damen durch rohe Zudringlichkeiten zu belästigen. Seit der Restauration hatten schon mehrere Dynastien dieser Tyrannen die Straßen beherrscht. Die „Muns“ und die „Tityre Tus“ hatten den „Hectors“ Platz gemacht und auf die „Hectors“ waren neuerdings die „Scourers“ gefolgt. Später kam der „Nicker“, der „Hawcubite“ und der noch weit mehr gefürchtete „Mohawk“.[96]
[86.] Reisen des Großherzogs Cosmus.
[87.] Chamberlayne’s State of England, 1684; Pennant’s London; Smith’s Life of Nollekens.
[88.] Evelyn’s Diary, Oct. 10. 1683, Jan. 19. 1685—86.
[89.] Stat. 1. Jac. I. c. 22. Evelyn’s Diary, Dec. 7. 1684.
[90.] Der alte General Oglethorpe, der 1785 starb, versicherte, das er dort zu den Zeiten der Königin Anna Vögel geschossen habe. Siehe Pennant’s London und Gentleman’s Magazine, July 1785.