Vom Weine trunken lärmend hin und her.
Die Londoner Polizei. [Die] Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ruhe waren höchst mangelhaft. Zwar gab es eine Verordnung des Gemeinderaths, nach welcher mehr als tausend Nachtwächter fortwährend von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang auf den Beinen sein und daß jeder Einwohner der Reihe nach diesen Dienst versehen sollte, allein diese Verordnung wurde nur sehr lässig durchgeführt. Wenige von Denen, welche aufgefordert waren, verließen das Haus und diese Wenigen fanden es meist angenehmer, in den Bierhäusern zuzubringen als durch die Straßen zu wandern.[97]
[97.] Seymour’s London.
Beleuchtung von London. [Es] muß bemerkt werden, daß im letzten Jahre der Regierung Karl’s II. in dem Polizeiwesen der Hauptstadt eine wichtige Veränderung eintrat, welche zum Wohle der Gesammtbevölkerung vielleicht eben so viel beigetragen hat, als manche andre viel berühmtere Umwälzung. Ein spekulativer Kopf, Namens Eduard Heming, erhielt ein Patent, durch welches ihm auf eine bestimmte Anzahl Jahre die Beleuchtung London’s ausschließlich überlassen wurde. Gegen eine mäßige Vergütung verpflichtete er sich in mondlosen Nächten von Michaelis bis zum Tage Maria Verkündigung, Abends von sechs bis zwölf Uhr an jeder zehnten Hausthür ein Licht anzubringen. Wer jetzt die Hauptstadt das ganze Jahr hindurch von der Abend- bis zur Morgendämmerung in einem Lichtmeere strahlen sieht, gegen welches die festlichen Illuminationen wegen der Siege von La Hogue und Blenheim matt erschienen sein würden, der wird vielleicht bei dem Gedanken an Heming’s Laternen lächeln, die ungefähr den dritten Theil des Jahres während einiger Stunden der Nacht vor jedem zehnten Hause einen schwachen Lichtschein verbreiteten. Heming’s Zeitgenossen waren andrer Meinung; sein Plan fand enthusiastischen Beifall, erfuhr aber auf der andren Seite auch die heftigsten Angriffe. Die Freunde des Fortschritts priesen ihn als den größten Wohlthäter seiner Vaterstadt. Was waren, fragten sie, die vielgerühmten Erfindungen des Archimedes im Vergleich zu der Verbesserung dieses Mannes, der die Schatten der Nacht in helles Tageslicht verwandelt! Aber trotz dieser beredten Lobeserhebungen hatte auch die Sache der Finsterniß ihre Vertheidiger. Es gab zu jener Zeit Schwachköpfe, die sich der Einführung dieses sogenannten „neuen Lichtes“ eben so hartnäckig widersetzten, wie sich die Thoren unsrer Zeit der Einführung der Kuhpockenimpfung und der Eisenbahnen und die Thoren der grauen Vorzeit ohne Zweifel der Einführung des Pfluges und der Buchstabenschrift widersetzt haben. Noch viele Jahre nach Ertheilung des Patents an Heming gab es ganze Stadttheile, in denen keine Lampe zu sehen war.[98]
[98.] Angliae Metropolis, 1690, Sect. 17, unter der Überschrift: „On the new lights“. — Seymour’s London.
Whitefriars. [Man] kann daraus leicht schließen, in welchem Zustande sich damals diejenigen Stadttheile London’s befunden haben mögen, die von dem Auswurfe der Gesellschaft bewohnt waren. Einer von diesen Stadttheilen war ganz besonders berüchtigt. An den Grenzen der City und des Temple war im dreizehnten Jahrhunderte ein Kloster für Karmeliter, die sich durch ihre weißen Kaputzen unterschieden, erbaut worden. Die Räume dieses Klosters waren vor der Reformation eine Zufluchtsstätte für Verbrecher gewesen und es besaß noch immer das Privilegium, verfolgte Schuldner vor der Verhaftung zu schützen. Das ganze Kloster war daher beständig, vom Keller bis zum Dachboden, mit solchen Leuten angefüllt, von denen ein großer Theil Schurken und Wüstlinge waren, die gewöhnlich noch verworfenere Weibspersonen mit in dieses Asyl brachten. Die bürgerliche Gewalt war nicht im Stande, in einem Stadtbezirke, der von solchen Bewohnern wimmelte, Ordnung zu halten, und so wurde Whitefriars der Lieblingsaufenthalt aller Derjenigen, die sich von dem lästigen Zwange des Gesetzes befreien wollten. Obgleich sich die dem Kloster gesetzlich zustehenden Vorrechte nur auf Schuldverhältnisse erstreckten, so fanden doch auch Betrüger, falsche Zeugen, Fälscher und Räuber daselbst bereitwillige Aufnahme. Unter einem so verzweifelten Gesindel war ein öffentlicher Beamter seines Lebens nicht sicher. Auf den Ruf „zu Hülfe!“ stürmten Raufbolde mit Schwertern und Knitteln und kampflustige Weiber mit Bratspießen und Besenstielen zu Hunderten herbei, und der unberufene Eindringling konnte noch von Glück sagen, wenn er ohne Kleider und am ganzen Körper zerschlagen die Straße wieder erreichte. Selbst ein Verhaftbefehl von Seiten des Oberrichters von England konnte nicht ohne den Beistand einer Compagnie Soldaten vollzogen werden. Solche Überreste von dem Barbarismus des rohesten Zeitalters fanden sich in geringer Entfernung von den Zimmern, in denen Somers Geschichte und Rechtswissenschaft studirte, von der Kirche, in welcher Tillotson predigte, von dem Kaffeehause, wo Dryden über Poesie und Theater sein Urtheil abgab, und von dem Saale, in welchem die Königliche Societät das Sternensystem Isaak Newton’s prüfte.[99]
[99.] Stowe’s Survey of London; Shadwell’s squire of Alsatia; Ward’s London Spy; Stat. 8. and 9 Gul. III. cap. 27.
Der Hof. [Jede] der beiden Städte, welche zusammen die Hauptstadt England’s bildeten, hatte ihren besonderen Mittelpunkt, der seine Anziehungskraft ausübte. In der Hauptstadt des Handels war dieser Centralpunkt die Börse, in der Hauptstadt der vornehmen Welt der königliche Palast. Letzterer behauptete jedoch seinen Einfluß nicht so lange als die Börse. Die Revolution führte eine vollständige Veränderung des Verhältnisses zwischen dem Hofe und den höheren Klassen der Gesellschaft herbei. Man kam nach und nach dahinter, daß der König für seine Person sehr wenig zu vergeben hatte, daß Adelsdiplome und Orden, Bisthümer und Gesandtschaften, Schatz- und Zahlmeisterposten in der Schatzkammer, ja selbst Stallmeister- und Kammerherrnstellen eigentlich nicht von ihm, sondern von seinen Räthen vergeben wurden. Jeder Ehrgeizige und Habsüchtige sah ein, daß er weit besser für seinen Vortheil sorge, wenn er die Herrschaft in einem Flecken von Cornwall erlangte und dem Ministerium in einer kritischen Parlamentssession gute Dienste leistete, als wenn er der Gesellschaft und selbst der Günstling seines Fürsten wurde. Die Menge der Stellenjäger war daher alltäglich nicht in den Vorzimmern Georg’s I. und Georg’s II., sondern in denen Walpole’s und Pelham’s zu finden. Auch muß bemerkt werden, daß die nämliche Revolution, die es unseren Königen unmöglich machte, das ihnen zustehende Patronatsrecht im Staate lediglich zur Befriedigung ihrer persönlichen Neigungen auszuüben, uns mehrere Könige gab, die in Folge ihrer Erziehung und ihrer Gewohnheiten unfähig waren, freundliche und angenehme Wirthe zu sein. Sie waren auf dem Continent geboren und erzogen und fühlten sich nie recht heimisch auf unsrer Insel. Wenn sie unsre Sprache überhaupt sprachen, so sprachen sie sie doch ohne Eleganz und nur mit Anstrengung, verstanden unsren Nationalcharacter nie vollkommen und versuchten es kaum, sich unsere Nationalsitten anzueignen. Zwar erfüllten sie den wichtigsten Theil ihrer Pflicht besser als irgend einer ihrer Vorgänger, denn sie regierten streng den Gesetzen gemäß, aber nie konnten sie die ersten Gentlemen des Reichs, die Oberhäupter der gebildeten Gesellschaft werden. Wenn sie einmal den Zwang der Etikette abwarfen, so geschah es nur in einem sehr kleinen Kreise, in welchem kaum ein englisches Gesicht zu erblicken war und sie fühlten sich nie glücklicher, als wenn sie auf einen Sommer in ihr Geburtsland entfliehen konnten. Sie empfingen zwar an bestimmten Tagen unsren Adel und unsre Gentry, aber dieser Empfang war eine bloße Formalität und wurde zuletzt so feierlich wie ein Leichenbegängniß.
Anders war es am Hofe Karl’s II. Whitehall war während seines Aufenthalts daselbst der Brennpunkt der politischen Intriguen und der vornehmen Vergnügungen. Die Hälfte aller Ränke und Umtriebe der ganzen Hauptstadt wurde unter seinem Dache gesponnen. Wer es verstand, sich die Gunst des Fürsten oder seiner Maitresse zu erwerben, der durfte hoffen, sich emporzuschwingen, ohne der Regierung Dienste geleistet zu haben, ja ohne einem Minister nur von Ansehen bekannt zu sein. Dieser erlangte eine Fregatte, Jener eine Compagnie, ein Dritter die Begnadigung eines reichen Verbrechers, ein Vierter die Pachtung von Kronländereien unter billigen Bedingungen. Sprach der König den Wunsch aus, daß ein unbeschäftigter Advokat zum Richter, oder ein ausschweifender Baronet zum Peer ernannt werden mochte, so fügten sich auch die ernstesten Räthe der Krone nach schüchterner Einsprache.[100] Das Interesse führte daher beständig eine Menge Bittsteller an die Thore des Palastes und diese waren stets geöffnet. Der König hielt jeden Tag vom Morgen bis zum Abend offenes Haus für die gute Gesellschaft von London, mit alleiniger Ausnahme der heftigsten Whigs. Einem Gentlemen wurde es fast niemals schwer, zu der Person des Königs zu gelangen. Das Lever war ein solches im wahren Sinne des Worts, denn jeden Morgen fanden sich einige hochstehende Männer ein, um ihrem Gebieter Gesellschaft zu leisten und ihn zu unterhalten, während er sich ankleiden ließ, und ihn dann auf seinem Morgenspaziergange durch den Park zu begleiten. Jeder der bei Hofe gehörig vorgestellt war, konnte ohne besondere Einladung in den Palast kommen, um den König speisen, tanzen oder spielen zu sehen, und konnte das Vergnügen haben, ihm höchst interessante und unterhaltende Geschichten von seiner Flucht aus Worcester und von den Leiden, die er als Staatsgefangener in den Händen der frömmelnden und anmaßenden Priester Schottland’s hatte ertragen müssen, erzählen zu hören. Anwesende, die Seine Majestät erkannte, wurden oft mit einem freundlichen Worte beglückt. Dieses Verfahren erwies sich als weit nutzbringender für den König als das seines Vaters oder seines Großvaters. Auch der starrste Republikaner aus Marvel’s Schule konnte dem Zauber einer solchen Freundlichkeit und Herablassung nicht leicht widerstehen, und mancher alte Veteran, in dessen Herzen der Gedanke an unvergoltene Opfer und Dienste zwanzig Jahre lang bitteren Groll gehäuft hatte, fühlte sich für Wunden und Vermögensconfiscation durch den freundlichen Blick seines Souverains und durch ein „Gott grüß’ Euch, alter Freund!“ in einem Augenblicke entschädigt.
So wurde Whitehall ganz natürlich die Hauptquelle aller Neuigkeiten. Wenn sich das Gerücht verbreitete, daß irgend etwas Wichtiges geschehen sei oder geschehen werde, so strömte alsbald das Volk dahin, um aus der ersten Hand Nachricht zu erhalten. Die Corridors hatten dann das Aussehen eines modernen Clubzimmers in bewegter Zeit. Sie waren angefüllt mit Leuten, die sich erkundigten, ob die holländische Post eingetroffen sei, welche Nachrichten der Expresse aus Frankreich gebracht, ob Johann Sobiesky die Türken geschlagen habe oder ob der Doge von Genua wirklich in Paris sei. Dies waren Dinge, von denen man ungescheut sprechen durfte, allein es gab auch andere, über die man nur leise Erkundigungen einzog und Auskunft gab. War Rochester durch Halifax verdrängt? Sollte das Parlament einberufen werden? Ging der Herzog von York wirklich nach Schottland? War Monmouth wirklich aus dem Haag zurückberufen wurden? Man versuchte es in den Mienen des Ministers zu lesen, der sich eben durch das Gewühl drängte, um in das königliche Kabinet zu gehen, oder aus demselben zurückkehrte. Aus dem Tone, in welchem Seine Majestät mit dem Lord Präsidenten gesprochen, oder aus dem Lächeln, mit dem Seine Majestät einen Scherz des Lord Geheimsiegelbewahrers beehrt hatte, wurden allerhand Schlüsse gezogen, und binnen wenigen Stunden hatten sich die aus solchen geringfügigen Anzeichen geschöpften Hoffnungen oder Befürchtungen durch alle Kaffeehäuser vom St. Jamespalast bis zum Tower verbreitet.[101]