Einfluß der französischen Literatur. [Doch] auch das Latein wurde durch einen jüngeren Nebenbuhler verdrängt. Frankreich behauptete damals fast in jeder Beziehung den Vorrang. Sein militairischer Ruhm hatte den Höhepunkt erreicht, es hatte wichtige Coalitionen besiegt, Verträge dictirt und große Städte und Provinzen unterworfen; es hatte den kastilianischen Stolz gezwungen, ihm den Vorrang zuzugestehen, es hatte italienische Fürsten sich unterthan gemacht, sein Verfahren war in allen Angelegenheiten der feinen Lebensart, vom Zweikampfe bis zur Menuett maßgebend; es bestimmte, welchen Schnitt der Rock eines Gentleman haben, wie lang seine Perrücke, ob seine Absätze hoch oder niedrig und ob sein Hutband breit oder schmal sein müsse. In der Literatur gab es der Welt Gesetze, ganz Europa war des Ruhmes seiner Schriftsteller voll, kein andres Land hatte einen tragischen Dichter wie Racine, einen komischen wie Molière, einen so liebenswürdigen Tändler wie Lafontaine, einen so gewandten Redner wie Bossuet aufzuweisen. Der literarische Ruhm Italiens und Spaniens war untergegangen, der von Deutschland war noch nicht aufgegangen. Das Genie der ausgezeichneten Männer, welche die Hauptstadt Frankreichs zierten, strahlte daher in einem Glanze, welcher durch den Contrast noch mehr hervorgehoben ward. In der That, Frankreich übte damals eine Weltherrschaft aus, wie selbst die römische Republik sie nie erreicht hatte, denn als Rom in politischer Beziehung herrschte, war es in den Künsten und Wissenschaften Griechenlands demüthiger Schüler; Frankreich hatte auf die benachbarten Länder zu gleicher Zeit den Einfluß, den Rom auf Griechenland, und den, welchen Griechenland auf Rom ausübte. Das Französische erhob sich rasch zur Weltsprache, zur Sprache der feinen Gesellschaft und zur Sprache der Diplomatie. An mehreren Höfen sprachen die Fürsten und der Adel sie besser und eleganter als ihre Muttersprache. Auf unsrer Insel war jedoch diese sklavische Unterordnung noch nicht so weit gediehen als auf dem Continent, weder unsere guten noch unsere schlechten Eigenschaften waren fremden Ursprungs. Doch auch bei uns huldigte man der literarischen Überlegenheit unserer Nachbarn, wenn auch ungeschickt und ungern. Die wohlklingende toskanische Sprache, die allen vornehmen Herren und Damen am Hofe Elisabeth’s so geläufig war, kam aus der Mode. Ein Gentleman, der den Horaz oder Terenz citirte, galt in feiner Gesellschaft für einen prahlerischen Pedanten; verzierte er aber seine Unterhaltung mit französischen Brocken, so war dies der beste Beweis, den er von seinen Talenten und seiner Bildung geben konnte.[143] Neue Regeln der Kritik, neue Muster des Styls kamen in die Mode. Die gesuchte Gespreiztheit, welche Donne’s und Cowley’s Verse verunziert hatte, verschwand aus unsrer Poesie. Unsre Prosa verlor zwar an edlem Schwunge, an kunstvollem Satzbau und an wohllautender Abwechselung im Vergleich mit der einer früheren Periode, aber sie wurde klarer, gefälliger und besser geeignet zur Polemik und zum Erzählen. Es ist unmöglich, in diesen Veränderungen den Einfluß französischer Muster und französischen Beispiels zu verkennen. Selbst große Meister unsrer Sprache verschmähten es nicht in ihren werthvollsten Werken sich französischer Ausdrücke zu bedienen, wo ebenso bezeichnende und wohlklingende englische ganz nahe lagen[144] und aus Frankreich wurde die Tragödie in Versen bei uns eingeführt, eine exotische Pflanze, welche in unsrem Boden siechte und bald einging.
[143.] Butler sagt in einer sehr beißenden Satire:
Citirst Du Griechen und Lateiner,
So bist Du der Pedanten einer;
Doch flechtest Du französ’sche Brocken ein
Gilt’s für verdienstlich und für fein.
[144.] Das gröbste Beispiel dieser Art, dessen ich mich entsinne, kommt in einem Gedicht auf die Krönung Karl’s II. von Dryden vor, der es gewiß nicht durch Wortarmuth entschuldigen konnte, daß er einer fremden Sprache Worte entlehnte:
Hither in summer evenings you repair
To taste the fraicheur of the cooler air
(Hier bringst im Sommer Du die Abendstunden hin,