Der „Observator.“ [Die] „London Gazette“ war übrigens nicht das einzige Organ, durch welches die Regierung dem Volke politische Belehrung ertheilte. Dieses Journal enthielt nur spärliche Nachrichten ohne Commentar; ein andres, ebenfalls unter dem Patronat des Hofes erscheinendes Journal, brachte dagegen nur Commentare ohne Nachrichten. Dieses Blatt, „der Observator“ betitelt, wurde von einem alten toryistischen Pamphletschreiber, Namens Roger Lestrange, herausgegeben. Es fehlte diesem Lestrange durchaus nicht an schriftstellerischer Gewandtheit und an Schlauheit; seine Diction war zwar gemein und durch einen damals im Vorzimmer und im Wirthshause für witzig geltenden Jargon verunziert, aber dennoch nicht ohne Schwung und Kraft. In jeder Zeile aber, die aus seiner Feder floß, zeigte sich sein heftiger und unedler Character. Als die ersten Nummern des „Observator“ erschienen, gab es allerdings einige Entschuldigungsgründe für seine Bitterkeit, denn die Whigs waren damals mächtig und er hatte zahlreiche Gegner zu bekämpfen, deren rücksichtslose Heftigkeit eine gleiche Sprache zu rechtfertigen schien. Im Jahre 1685 aber war alle Opposition unterdrückt, und ein edler Character würde es daher verschmäht haben, eine Partei, die nicht antworten durfte, zu beschimpfen und die traurige Lage von Gefangenen, Verbannten und beraubten Familien noch zu verschlimmern; aber dem hämischen Lestrange war selbst das Grab und das Trauerhaus nicht heilig. Im letzten Monate der Regierung Karl’s II. starb Wilhelm Innkyn, ein hochbetagter und angesehener Dissenterpfarrer, der wegen keines andren Vergehens, als weil er Gott auf die Weise anbetete, welche damals von dem ganzen protestantischen Europa allgemein angenommen war; grausame Verfolgungen zu erdulden hatte, in Newgate an Gram und Entbehrungen. Dem Ausdruck der innigen Theilnahme von Seiten des Volks konnte man nicht Schweigen gebieten, und es folgte daher dem Sarge ein Zug von hundertfunfzig Wagen. Selbst Höflinge betrauerten den Verstorbenen und sogar der gedankenlose König zeigte einige Theilnahme. Lestrange allein brach in ein rohes Freudengeheul aus, lachte über das weibische Mitleid der Trimmer, erklärte laut, daß der lästerliche alte Heuchler seine wohlverdiente Strafe erhalten, und gelobte alle Scheinheiligen und falschen Märtyrer nicht nur bis zum Tode, sondern noch über das Grab hinaus zu bekriegen.[139] Dies war der Geist des Blattes, welches damals das Orakel der Torypartei und ganz besonders der Landgeistlichkeit war.

[139.] Observator vom 29. und 31. Januar 1685. Calamy’s Life of Baxter. Nonconformist Memorial.

Seltenheit von Büchern auf dem Lande. [Die] Literatur, welche durch das Postfelleisen verbreitet werden konnte, bildete damals den größten Theil der geistigen Nahrung, welche den Geistlichen und Richtern auf dem Lande zu Gebote stand. Die Beförderung großer Packete von einem Orte zum andren war mit solchen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft, daß ein umfangreiches Werk mehr Zeit brauchte, um von Paternoster Row nach Devonshire oder Lancashire zu gelangen, als gegenwärtig nach Kentucky. Wie spärlich eine Landpfarre damals selbst mit solchen Büchern versehen war, die ein Theolog am nöthigsten braucht, ist schon bemerkt worden. Die Häuser der Gentry waren nicht reichlicher versehen. Nur wenige Landedelleute der Grafschaft hatten so gute Bibliotheken, wie man sie jetzt in jedem Bedientenzimmer und in der Ladenstube jedes Krämers findet. Ein Esquire, der auf seinem Fensterbrete zwischen Angeln und Vogelflinten den Hudibras und Baker’s Chronicle, Tarlton’s Jests und die Seven Champions of Christendom liegen hatte, galt bei seinen Nachbarn für einen großen Gelehrten. Selbst in der Hauptstadt gab es damals noch weder Leihbibliotheken noch Lesezirkel; aber diejenigen Bücherfreunde, welche nicht viel kaufen konnten, hatten dort wenigstens ein Aushülfsmittel. Die Läden der großen Buchhändler in der Umgebung der Paulskirche waren den ganzen Tag mit Lesern gefüllt und ein bekannter Kunde durfte oft auch ein Buch mit nach Hause nehmen. Auf dem Lande fehlte diese Annehmlichkeit, was man lesen wollte, mußte man kaufen.[140]

[140.] Cotton scheint, wie aus seinem Angler hervorgeht, auf seinem Fensterbrete Platz genug für seine ganze Bibliothek gehabt zu haben, und Cotton war ein wissenschaftlich gebildeter Mann. Selbst als Franklin 1724 das erstemal nach London kam, waren Leihbibliotheken daselbst noch unbekannt. Von dem Zudrange zu den Buchläden im Stadtviertel Little Britain spricht Roger North in der Lebensbeschreibung seines Bruders Johann.

Weibliche Erziehung. [Die] Literaturschätze der Gattin und Töchter des Grundherrn bestanden gewöhnlich in einem Gebetbuche und einem Receptbuche. Indessen verloren sie in der That wenig bei ihrer ländlichen Abgeschiedenheit, denn selbst in den höchsten Ständen und unter Verhältnissen, welche die geistige Ausbildung erleichterten, genossen die Engländerinnen zur damaligen Zeit eine schlechtere Erziehung als jemals seit dem Wiederaufblühen der Wissenschaften. In früherer Zeit studirten sie die Meisterwerke des antiken Genius, in unseren Tagen kümmern sie sich zwar wenig um die todten Sprachen, sind aber dafür mit der Sprache Pascal’s und Molière’s, Dante’s und Tasso’s, Göthe’s und Schiller’s vertraut, und es giebt kein reineres und eleganteres Englisch als das, welches gebildete Frauen gegenwärtig sprechen und schreiben. Während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber scheint die Bildung des weiblichen Geistes fast ganz vernachlässigt worden zu sein. Eine junge Dame, die nur die oberflächliche Kenntniß der Literatur besaß, galt für ein Wunder. Hochgeborne, vornehm erzogene und mit guten natürlichen Anlagen ausgestattete Ladies waren nicht im Stande eine Zeile in ihrer Muttersprache ohne orthographische und stylistische Fehler zu schreiben, deren sich jetzt eine Armenschülerin schämen würde.[141]

Die Erklärung liegt sehr nahe. Maßlose Ausschweifung, die natürliche Wirkung übertriebener Strenge, war damals vorherrschend und die Ausschweifung hatte ihre gewöhnliche Folge, die sittliche und geistige Erniedrigung der Frauen, nach sich gezogen. Ihren körperlichen Reizen pflegte man rohe und freche Huldigungen darzubringen, aber die Bewunderung und das Verlangen, welche ihre Schönheit erregte, war selten mit Achtung, wahrer Zuneigung und irgend einem ritterlichen Gefühl gepaart. Die Eigenschaften, welche sie zu Lebensgefährtinnen, Rathgeberinnen und vertrauten Freundinnen befähigten, stießen die Wüstlinge von Whitehall eher ab, als daß sie sie anzogen. Ein Ehrenfräulein, die sich so kleidete, daß ihrem Busen das vollste Recht widerfuhr, die beständig liebäugelte, wollüstig tanzte, sich durch vorlaute Keckheit auszeichnete, sich nicht entblödete, mit Kammerherren und Offizieren zu kokettiren, schlüpfrige Lieder mit bezeichnendem Ausdrucke zu singen, und sich zur Ausführung eines muthwilligen Streiches als Page zu verkleiden, hatte an diesem Hofe mehr Aussicht, gefeiert und bewundert zu werden, die Beachtung des Königs auf sich zu ziehen und einen reichen und vornehmen Gatten zu erobern, als eine Johanna Gray oder Lucie Hutchinson gehabt haben würden. Unter solchen Umständen mußte das Maaß der weiblichen Bildung nothwendig sehr niedrig sein, und es war gefährlicher, über diesem Maße zu stehen, als unter demselben. Äußerste Unwissenheit und Leichtfertigkeit wurden bei einer Dame viel eher entschuldigt, als der geringste Anflug von Pedanterie. Von den nur zu berühmten Frauen, deren Portraits wir noch jetzt an den Wänden von Hampton Court bewundern, pflegten wenige etwas Besseres zu lesen als Akrosticha, Spottlieder und Übersetzungen der „Clelia“ und des „Großen Cyrus“.

[141.] Ein Beispiel mag genügen. Die Königin Marie hatte gute natürliche Anlagen, war von einem Bischofe erzogen, eine Freundin der Geschichte und Poesie und wurde von den ausgezeichnetsten Männern als eine hochgebildete Frau betrachtet. Zu der Bibliothek im Haag befindet sich eine prachtvolle Bibel, die ihr bei der Krönung in der Westminsterabtei überreicht worden war. Auf dem Titelblatte dieser Bibel stehen folgende von ihr eigenhändig geschriebene Worte: „This book was given the King and I, at our crownation. Marie R.“

Literarische Bildung der Gentlemen. [Die] literarischen Kenntnisse selbst der vollendetsten Gentlemen jener Zeit scheinen bei weitem nicht so solid und gründlich gewesen zu sein, als in früheren oder späteren Zeiten. Griechische Gelehrsamkeit wenigstens blühte unter der Regierung Karl’s II. bei uns nicht, wie sie vor dem Bürgerkriege geblüht hatte und lange nach der Revolution wieder blühte. Es gab wohl auch Gelehrte, denen die ganze griechische Literatur von Homer bis Photius genau bekannt war, aber solche Gelehrte fanden sich fast ausschließlich nur unter den Geistlichen der Universitätsstädte, ja selbst dort waren ihrer nur wenige, und diese wenigen nicht gebührend geschätzt. In Cambridge wurde es durchaus nicht für nöthig gehalten, daß ein Theolog die Bibel in der Ursprache lesen konnte.[142] Auch in Oxford stand die Gelehrsamkeit auf keiner höheren Stufe. Als sich unter der Regierung Wilhelm’s III. das ganze Christchurch-Kollegium wie ein Mann erhob, um die Ächtheit der Briefe des Phalaris zu vertheidigen, stand diesem großen Kollegium, welches damals als der Hauptsitz der Philologie im ganzen Lande betrachtet wurde, nicht soviel attische Gelehrsamkeit zu Gebote, als sie heutzutage mancher Gymnasiast besitzt. Nach dem allen wird man leicht denken können, daß eine todte Sprache, welche die Universitäten vernachlässigten, von den Laien nicht viel studirt wurde. Zu einer früheren Zeit hatten die Poesie und die Beredtsamkeit Griechenlands einen Raleigh und Falkland entzückt, zu einer spätern Periode entzückten sie einen Pitt und Fox, einen Windham und Grenville; während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber gab es in England kaum einen bedeutenden Staatsmann, der eine Seite von Sophokles oder Plato mit Genuß lesen konnte.

Gute Lateiner gab es dagegen in Menge. Allerdings hatte auch damals die Sprache Roms ihren Character als Weltsprache noch nicht ganz verloren und war in manchen Ländern Europa’s dem Reisenden und Diplomaten noch unentbehrlich. Die Fertigkeit, sie gut zu sprechen, war daher viel häufiger als zu unsrer Zeit, und es fehlte weder Oxford noch Cambridge an Dichtern welche bei einer feierlichen Gelegenheit glückliche Nachahmungen der Verse, in denen Virgil und Ovid die Größe des Augustus gepriesen hatten, am Fuße des Thrones niederlegen konnten.

[142.] Roger North erzählt uns, daß sein Bruder Johann, welcher Professor der griechischen Sprache in Cambridge war, sich über die allgemeine Vernachlässigung dieser Sprache unter der Universitätsgeistlichkeit bitter beklagte.