[132.] Commons’ Journals, Sept. 4, 1660, March 1. 1688—89. Chamberlayne, 1684. Davenant on the Public Revenue, Discourse IV.
Zeitungen. [Der] wichtigste Theil der Packereien, welche die alten Posten beförderten, waren die Neuigkeitsbriefe. Im Jahre 1685 gab es noch nichts, was der heutigen Londoner Tagespresse ähnlich sah, und es konnte auch nichts Derartiges geben. Weder das nöthige Kapital, noch das nöthige Geschick war dazu vorhanden; auch fehlte die Freiheit, ein nicht minder wesentlicher Mangel als der des Kapitals und der Geschicklichkeit. Allerdings stand die Presse damals noch nicht unter einer allgemeinen Censur, denn das kurz nach der Restauration erlassene Censurgesetz war schon 1679 nicht mehr in Kraft. Jedermann konnte daher auf eigne Gefahr und ohne vorherige Genehmigung von Seiten irgend eines öffentlichen Beamten eine Geschichte, eine Predigt oder ein Gedicht drucken; aber die Richter waren einstimmig der Meinung, daß diese Freiheit sich nicht auch auf Zeitungen erstrecke, und daß nach dem gemeinen Rechte Englands Niemand ohne specielle Erlaubniß der Krone berechtigt sei, politische Neuigkeiten zu veröffentlichen.[133] So lange die Whigpartei noch mächtig war, hielt die Regierung es für gerathen, eine Übertretung dieser Regel vorkommendenfalls nicht zu streng zu nehmen. Während des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill durften viele Zeitungen erscheinen, wie die Protestant Intelligence, die Current Intelligence, die Domestic Intelligence, die True News, der London Mercury.[134] Keine von diesen erschien jedoch öfter als zweimal wöchentlich und keine überstieg in Umfang ein einfaches kleines Blatt. Die Quantität des Stoffes, die der ganze Jahrgang einer dieser Zeitungen enthielt, war nicht größer als man oft in zwei Nummern der „Times“ findet. Nach Besiegung der Whigs hatte der König nicht mehr nöthig, bei der Ausübung des ihm nach dem Ausspruche aller seiner Richter unzweifelhaft zustehenden Hoheitsrechts besondere Rücksichten zu nehmen. So durfte denn auch gegen das Ende seiner Regierung keine Zeitschrift mehr ohne seine Genehmigung erscheinen, und diese wurde ausschließlich der „London Gazette“ ertheilt. Auch die „London Gazette“ erschien nur Montags und Donnerstags. Der Inhalt einiger Nummern bestand gewöhnlich in einer königlichen Proklamation, einigen toryistischen Adressen, der Anzeige von einigen Beförderungen, einen Bericht von einem Scharmützel zwischen den Kaiserlichen und den Janitscharen an der Donau, das Signalement eines Straßenräubers, die Ankündigung eines von zwei hochstehenden Personen veranstalteten Hahnenkampfes und eine Anzeige, welche dem Wiederbringer eines entlaufenen Hundes eine Belohnung zusicherte. Dies Alles füllte zwei Seiten von mäßig großem Format. Alle Mittheilungen über Angelegenheiten von hoher Bedeutung waren in dem hölzernsten und förmlichsten Style abgefaßt. Wenn es indessen der Regierung zuweilen beliebte, die öffentliche Neugierde in Betreff eines wichtigen Vorfalls zu befriedigen, so wurde ein großer Bogen ausgegeben, der ausführlichere Mittheilungen enthielt, als die Gazette sie geben konnte; aber weder diese noch irgend eine amtlich gedruckte Beilage brachte je eine Nachricht, deren Veröffentlichung nicht den Zwecken des Hofes diente. Die wichtigsten parlamentarischen Verhandlungen und Staatsprozesse, von denen uns die Geschichte erzählt, wurden mit tiefem Stillschweigen übergangen.[135] In der Hauptstadt ersetzten die Kaffeehäuser einigermaßen die fehlenden Zeitungen; dahin strömten die Londoner, wie einst die alten Athener nach dem Marktplatze, um zu hören, ob etwas Neues geschehen sei. Dort konnte man erfahren, wie brutal ein Whig am vorigen Tage in Westminsterhall behandelt worden war, welche haarsträubenden Berichte von den Folterqualen der Covenanters die Briefe aus Edinburg enthielten, wie gröblich die Admiralität die Krone bei der Verproviantirung der Flotte betrogen und welche schweren Anschuldigungen der Geheimsiegelbewahrer in Betreff des Heerdgeldes gegen das Schatzamt erhoben habe.
[133.] London Gazette vom 5. und 17. Mai 1680.
[134.] Eine höchst interessante und meines Wissens die einzige Sammlung dieser Zeitungen befindet sich im Britischen Museum.
[135.] So wird zum Beispiel von den wichtigen Parlamentsverhandlungen vom November 1685, wie von dem Prozesse und der Freisprechung der sieben Bischöfe kein Wort erwähnt.
Die Neuigkeitsbriefe. [Aber] Diejenigen, welche von der großen Schaubühne des politischen Kampfes entfernt waren, konnten von dem, was daselbst vorging, nur durch die sogenannten Neuigkeitsbriefe regelmäßig Nachricht erhalten. Das Schreiben derartiger Briefe wurde daher in London ein Erwerbszweig, wie es dies jetzt bei den Eingeborenen Indiens ist. Der Neuigkeitsschreiber wanderte von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, um Nachrichten zu sammeln, drängte sich in den Sitzungssaal der Old Bailey, wenn daselbst ein interessanter Prozeß verhandelt wurde, und erlangte sogar zuweilen Zutritt in die Galerien von Whitehall, wo er bemerken konnte, wie der König und der Herzog aussahen. Auf diese Weise sammelte er Materialien zu Wochenberichten, welche bestimmt waren, eine Provinzialstadt oder einen ländlichen Magistrat zu erleuchten. Dies waren die Quellen, aus denen die Bewohner der größeren Provinzialstädte und die Gesammtheit der Landgentry und der Geistlichkeit fast allein ihre ganze Kenntniß der Geschichte ihrer Zeit schöpften. Wir dürfen annehmen, daß es in Cambridge eben so viele Leute gab, welche gern erfahren wollten, was in der Welt vorging, als in irgend einer andren Stadt des Königreichs, London ausgenommen. Dennoch hatten die Doctoren des Rechts und die Magister der freien Künste in Cambridge während eines großen Theils der Regierung Karl’s II. keine andre regelmäßige Neuigkeitsquelle als die Londoner Gazette, bis endlich die Dienste eines der Nachrichtensammler in der Hauptstadt angenommen wurden. Es war ein denkwürdiger Tag, an welchem die ersten Neuigkeitsbriefe aus London auf einem Tische des einzigen Kaffeehauses von Cambridge ausgelegt waren.[136] Auf dem Wohnsitze eines reichen Mannes auf dem Lande wurde der Neuigkeitsbrief stets mit Ungeduld erwartet, und acht Tage nach seiner Ankunft war er durch die Hände von zwanzig Familien gegangen. Er lieferte den umwohnenden Squires den Stoff zu ihrer Unterhaltung an Winterabenden und den benachbarten Pfarrern Themata zu heftigen Predigten gegen Whiggismus oder Papismus. Bei genauer Nachsuchung in den Archiven alter Familien würden sich ohne Zweifel noch viele von diesen merkwürdigen Journalen finden. Einige werden in unseren öffentlichen Bibliotheken aufbewahrt und eine Reihenfolge derselben, welche einen werthvollen Theil der von Sir Jakob Mackintosh gesammelten literarischen Schätze bildet, wird im Verlaufe dieses Werks noch dann und wann citirt werden.[137]
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß es damals keine Provinzialblätter gab. Ja es gab sogar, außer in der Hauptstadt und in den beiden Universitätsstädten, kaum noch einen Buchdrucker im Königreiche. Die einzige Presse in England nördlich vom Trent scheint sich in York befunden zu haben.[138]
[136.] Roger North’s Life of Dr. John North. Über die Neuigkeitsbriefe sehe man das Examen, 133.
[137.] Ich ergreife diese Gelegenheit, um der Familie meines lieben und verehrten Freundes, Sir Jakob Mackintosh meinen wärmsten Dank dafür auszusprechen, daß sie mir die Materialien zur Benutzung überließ, die er zu einer Zeit gesammelt hatte, als er ein ähnliches Werk wie das vorliegende zu schreiben gedachte. Ich habe nie eine so werthvolle Sammlung von Auszügen aus öffentlichen und Privatarchiven gesehen, und ich glaube nicht, daß irgendwo noch eine zweite von gleichem Umfange existirt. Der richtige Scharfblick, mit dem Sir Jakob aus großen Massen geschichtlichen Stoffes das Werthvollste auswählte und das Werthlose unbeachtet ließ, versteht nur Derjenige zu würdigen, der nach ihm das nämliche Gebiet bearbeitet hat.
[138.] Life of Thomas Gent. Ein vollständiges Verzeichniß aller im Jahre 1724 vorhanden gewesenen Druckereien befindet sich in Nichol’s Literary Anecdotes of the eighteenth century. Obgleich sich binnen wenigen Jahren die Zahl der Pressen bedeutend vermehrt hatte, gab es doch in vierunddreißig Grafschaften, darunter Lancashire, noch keinen Buchdrucker.