Erst als sie im Wagen saßen, kam die Antwort auf diese Frage »Ach ja, Luft! Ich atme auf. Laß uns einen Umweg durchs Grüne machen!«
Er befahl dem Kutscher, einen größeren Umweg durch den Tiergarten zu nehmen. Es war ein wunderschöner Frühlingsabend. Vor den beiden Cafés am Potsdamer Platz wimmelte es von Gästen, auf den Trottoirs davor war ein lebhafter Begehr nach grellbunten Blumen; die herrlichen Linden der beiden Platzsquares standen in leuchtendem Grün, die antikisierenden Wachttempel überragend; fernhin verduftete der Prospekt der Leipzigerstraße im rosigen Dunst, selbst das hastende, rasselnde Verkehrsleben schien von einer festlichen Verklärung überhaucht. Sie fuhren durch die Bellevuestraße, unter dem dämmernden Schattendach der strotzend belaubten Kastanien, an denen die Kandelaberkerzen der weißen und roten Blüten eben aufgesteckt waren; in den Vorgärten waltete der Wetteifer, welcher den andern in der Pracht seines Blumenflors überböte, eine Frühlingsspezialität dieser stimmungsvollen Avenue.
»Wie schön es hier ist — bei euch —« entfuhr es flüsternd Léonies Lippen. »Ach die Luft!«
Wiederholt atmete sie in vollen erquickenden Zügen, als wenn sie von einem herzbeklemmenden Druck befreit werde.
Und beim Anblick des Tiergartens ein Ruf des Staunens: »Wie grün!«
»War es denn dort noch nicht —« fragte er zögernd.
Sie wandte den Kopf zur Seite, wo die Siegesallee mit ihren korrekten Lindenbäumchen sich in die Ferne verengte, von dem in der Abendsonne glühenden Goldkoloß der Siegesgöttin beherrscht. »Eis ...« hauchte sie hervor. Und ein Schauer schien sie zu überrieseln.
Er verstand. Doch nicht der üppige Garten der Touraine, wo sie die Tage geweilt, — nein das Eis des Hasses, auf das sie gestoßen, als wäre ihr ganzes Inneres davon erstarrt bis in den Blick ihrer dunkelumrandeten Augen hinan.
Eine Stille lang, während er das Wort klingen zu hören wähnte, fuhren sie durch das Waldesdunkel des Parkes. Leise tastete er nach ihrer Hand: »Gut, daß du wieder da bist, Léonie« — begann er. »Mir war sehr bang.«
»Du hattest Ursache, du Ärmster —« flüsterte sie dumpf. Dann auffahrend, mit einem schrillen Ton: »Ah, dieser Haß! Sie sind toll! Sie vergiften alles damit! Selbst die Pietät einer Sterbestunde ist ihnen nicht heilig vor ihrem Haß!«