Dann nach einer abermaligen Stille: »Wie war ich geeilt, nur um seine Hand noch einmal zu ergreifen! Es war ein Wunder, daß man mich überhaupt vorließ, — bis an das Lager meines armen Vaters. Ihm sei verziehen, Gott sei seiner Seele gnädig! Wenn er mir auch nicht verziehen — wenn er auch gegangen ist, ohne mir zu vergeben ...«
Ihre Stimme stockte in plötzlicher Erschütterung.
»Nicht?!« rief er in voller Empörung.
Sie faßte sich, reckte sich empor: »Ich habe mich tapfer gehalten all die Zeit über, mein Stolz gegen den Haß meiner Brüder und Verwandten — sie waren unerbittlich, von einer beleidigend kühlen Höflichkeit. Aber ich blieb, ich wollte nicht weichen, bis ich an dem Grabe meines Vaters mein Gebet gesprochen —«
»Du trafst ihn noch bei Besinnung?«
»Man hatte mich nicht ohne Einspruch an sein Sterbelager gelassen. Man schützte die Aufregung vor. Ich drang dennoch bis zu ihm. Ich hätte ihn kaum wiedererkannt. Er aber mich — o wohl, er mich! Er schien wie aus einer Betäubung zu erwachen — seine großen Künstleraugen fragend auf mich gerichtet — tastend — ein Schimmer der alten Liebe, die darin aufzuleben schien. ›Mein Vater, ich bin’s‹, schluchzte ich, ›ich bin gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten‹ — Es war ein Besinnen in diesen Augen, all sein Empfinden darin wiedergespiegelt — o ich sah bis auf den Grund seiner Seele. Seine Léonie, sein Liebling von damals — die Freude, die er stets an mir hatte — hat er nicht seinen Roman »Gabriele« zu deiner Verherrlichung geschrieben? Und dann der Schmerz dieser Trennung, die geheime Sehnsucht, die in der Tiefe seines verwaisten Herzens fort und fort gebangt, wenn auch der Mund meinen Namen nicht aussprach — ich sah den Kampf, den seine Liebe kämpfte gegen das andere, gegen die Krankheit, das Gift — gegen den Preußenhaß. Ich sah das Gift die Obmacht gewinnen, seinen Blick erstarren, den Schimmer der alten Liebe sich in Eis verwandeln — hatte er nicht den Mut, den andern gegenüber, die hinter mir dieser Scene beiwohnten? Nicht den Mut, das Wort, den Namen auszusprechen, der auf seinen Lippen schwebte — Gott sei seiner Seele gnädig! — er schloß die Augen. Ich hatte seine Hand ergriffen und jetzt fühlte ich, wie die sich regte, leise, leise — aus der meinen fort — sich zu befreien suchte — zuletzt ein Ruck — es war wie ein Zurückstoßen — ja das! O Gott! Es war das »nein!«, das sein Preußenhaß gegen mich, die Abtrünnige, die Vervehmte seines Geschlechtes und seiner Nation, geschleudert. Ich sank mit dem Kopf gegen die Bettstatt, hart hinschlagend — ich glaube, ein Schrei entfuhr mir — ich weiß nichts — nichts mehr ganz klar —«
»Mein armes Herz —« und er preßte um so inniger ihre Hand.
»Du fragtest mich vorhin, ob denn dort unten der Frühling nicht .... Auch das weiß ich nicht. Ich habe nichts gesehen. Doch, ich erinnere mich, nicht weit von seinem Grabe, wo ich betend kniete, da ragte ein Blütenbaum, von jenen winzigen japanischen Rosen, die ich so liebe — — Ich werde den Ort wohl nicht wiedersehen —«
»Nun sollst du dich erholen, du Arme — nun darfst du nicht mehr fort und fort daran denken!«
»Ich möchte alles vergessen — bis auf das Grab mit seinem Blütenbaum — mein Vaterland, alles — o Gott, ich wollte, ich dürfte mich einmal ausweinen — mein Herz ist so voll —«