Das Händchen bebte ein wenig, und beim Hinfassen stieß es ein paar Goldstücke von dem Häuflein herab. Das eine derselben rollte nach mir hin. Ich griff es noch im Rollen und schob es wieder vor. Beim Aufsehen traf mich das kurze, fast unmerkliche Neigen eines dunklen Mädchenkopfes und der dankbare Blick aus zwei großen, überaus glänzenden Augen.

Sofort setzte ich noch einmal auf die Zweiundzwanzig, gemäß einer Tradition, daß der Kobold des Zufalls solche Wiederholungen begünstigt. Gleichzeitig schob auch das Händchen von drüben zwei Louis auf dieselbe Nummer vor. Und wieder trafen sich unsere Blicke. War es nicht, als glitte der Hauch eines eigenartig wehmütigen Lächelns um die vollen, aber festgeschlossenen Lippen der Spielerin? Gleich darauf senkte sich das liebliche Köpfchen, auf dessen üppigem Braunhaar ein kleiner kleidsamer Herrenfilz nicht ohne einen Anflug von Koketterie saß. Die Dame hatte von einem der Polsterstühle Besitz genommen, und vor ihr auf dem grünen Tisch war jene Art von Bureau eingerichtet, mit dem die professionierten Gewohnheitsspieler das Glück zu korrigieren trachten. Ein Büchelchen lag aufgeschlagen, dessen vorgedruckte Kolumnen mit blauen und roten Bleistiftzeichen angefüllt waren. Seitwärts befand sich ein kleiner Stoß von Kärtchen, bei denen die Bleistiftzeichen durch Stecknadelstiche markiert waren; zwei große Stecknadeln mit Silberköpfen staken im Buch, lauter »Handwerkszeug«, wie man es in jedem Zeitungskiosk von Monaco zu kaufen bekommt. Davor schimmerten mehrere Häuflein von Gold- und Silberstücken, und das Ganze war durch jene zierliche, schwarz polierte Goldharke gleichsam gegen den übrigen Tisch abgegrenzt.

Und siehe, abermals schlug die Zweiundzwanzig ein. Ich muß sagen, daß nach allem, was mir hier in Monaco geschehen, es mir nicht gelang, den Ausdruck meiner Freude über solchen Glücksfall zu verbergen. Und auch über ihr Gesichtchen leuchtete es; es war eine naive Freude, die fast an das Lottospiel der Kinderstube erinnerte und nichts von jener heißen Geldgier hatte, die man sonst an Spielbanken zu treffen pflegt. Diese Kindlichkeit stand in seltsamem Widerspruch mit dem Büchlein und der Harke und den Stecknadeln. Wieder trafen sich unsere Blicke. Es schien ihr schwer, ein deutlich grüßendes Nicken nach mir hin zu unterdrücken. Sie lächelte mir zu, wobei die weißesten Zähnchen zwischen den frischen Lippen sichtbar wurden. Und gleich fuhr eine Röte über ihr Gesicht — war es die Wirkung des Glücks oder die Folge jenes Lächelns, mit dem sie einen Wildfremden begünstigt?

Da wurden auch schon die Goldhaufen von der Bank herangeschoben. Unsere Hände — o, ich greife vor, indem ich dieses »unser« niederschreibe, und für diese Situation klingt das bedeutungsvoll umfassende Fürwort fast wie eine Entweihung — wollten eben die Gewinne in Empfang nehmen, da fuhr von meiner Seite, nicht weit von mir, eine dritte Hand über den Tisch nach der Zweiundzwanzig hin. Eine sehnige, häßliche Männerhand, die aus einer großen abgetragenen Manschette hervorragte. Und mit gieriger Hast bemächtigte sie sich des einen der drei Goldhaufen. Das Händchen zuckte erschrocken zurück.

»Halt, mein Herr!« sagte ich mit einer wehrenden Geste nach der Räuberhand hin; »der Gewinn gehört der Dame! Wohl ein Irrtum — Sie verzeihen!«

Die Karrikatur eines Dandygesichts mit glatt geschniegeltem Haar, spitz ausgewichstem Schnurrbart und verwitterten Zügen grinste mich mit einem frechen Lächeln an.

»O mein Herr,« schnarrte er in gebrochenem Französisch, — »Sie werden doch nicht behaupten wollen, daß ich mir fremde Gewinne aneigne?«

Und die sehnige Hand hatte mit einem sprungartigen Griff, der an ein Raubtier erinnerte, das Geld erfaßt. Aus den grünlichen Augen traf mich ein unheimlich stechender Blitz. Kein Zweifel, es war einer jener professionellen Bankräuber, die aus ihrem Hinterhalt sich auf den Gewinn eines Neulings stürzen, um ihn mit kecker Unverschämtheit an sich zu reißen. Die Bank kann sich dieser Hyänen, die den Abfall des Glückes erschleichen, nur schwer erwehren; bleibt doch bei der großen Zahl der Einsätze stets ein Irrtum möglich. Bei kleineren Sätzen zahlt sie, um Skandal zu vermeiden, doppelt aus, dem Räuber wie dem Beraubten.

»Herr Croupier,« wandte ich mich ganz empört an den nächsten Beamten, »ich habe deutlich gesehn, daß die Dame zwei Louis gesetzt. Ich setzte den dritten.«

Der Beamte zog phlegmatisch eine große goldene Dose aus der Seitentasche seines Rockes, und während er die Prise langsam an die rundliche Nase führte, sagte er im ruhigsten Ton, nach dem Räuber gewandt: