Sie zuckte die Schulter. Unmöglich kann sie die Stelle gelesen haben, sonst müßte sie doch gleich ihm losplatzen. Und er nahm das Blatt auf und las laut, in wichtig-komischem Ausruferton:

»Boppard, den 30. Mai. Endlich ist es unserer Polizei gelungen, den seit Wochen steckbrieflich verfolgten Kassierer M. S. aus Harburg in Gemeinschaft mit seiner Geliebten, der durchgegangenen Frau eines Hamburger Friseurs dingfest zu machen. Die beiden raffinierten Verbrecher bereisten, während der Telegraph sie in New-York suchte, als Konstantin van Beveren nebst Frau, unter dem nicht übel gewählten Inkognito eines Hochzeitspärchens, unseren von dieser Gattung gesegneten Rhein, wo sie bei allen Gelegenheiten den Champagner springen ließen ...«

»O! —« Frau Wendland schnappte nach Luft. Zuletzt siegte seine gewaltige Heiterkeit über den Rest ihres Trotzes. Also ein champagnertrinkendes Verbrecherpaar als Doppelgänger! Unendlich komisch! Lachend fielen sie sich um den Hals. Was für Narren und Närrchen sie doch beide gewesen!

Eine halbe Stunde darauf saßen sie auf dem stolzen »Humboldt«, der majestätisch, von bäumenden Schaumwellen umtost, rheinauf dampfte.

Das System

Ich schäme mich nicht, es zu gestehen: ich habe mir mein Glück aus der Spielhölle von Monte Carlo geholt!

Ich hatte selten auf Nummern gewonnen; diesmal war das Goldstück von dem geringeren Risiko einer einfachen Farbe auf das gefährlichere Feld der Nummern gerollt und dort liegen geblieben. Meinetwegen mochte auch das von dem unersättlichen Abgrund verschlungen werden!

Es war die Zweiundzwanzig. Gleich darauf wurde noch ein anderes Goldstück langsam, mit einer gewissen zaghaften Vorsicht, von einer kleinen, schwarzpolierten Harke auf dieselbe Nummer geschoben. Und da ertönte auch schon das heisere: »Rien ne va plus!« des Croupiers. Siehe da, die Zweiundzwanzig schlug ein! Ich wußte, ich hatte das dem besseren Glücke jenes andern unbekannten Spielers zu verdanken. Zwei Häuflein blinkender Louis wurden von der Bank aus auf die Glücksnummer geschoben, und die Hände der beiden Gewinner langten danach. Meine Hand, die mit sicherem Griff der ausgestreckten Finger das eine Häuflein faßte, und eine andere Hand — nein, nur die erstaunliche Winzigkeit eines Händchens, das zierlichste, eleganteste und weißeste, das man sehen konnte.

Es ist eine Thatsache, daß die Schwüle und leidenschaftliche Atmosphäre des Spielsaals die Sinne zu solch scharfer und schneller Thätigkeit reizt. So mochten diese wenigen Sekunden genügen, mir die Form und Bildung dieses Händchens einzuprägen: die schlank gemodelten Finger mit den länglichen, gewölbten Rosanägeln, die allerliebsten Grübchen auf den Knöcheln, das feine blaue Geäder, das durch die alabasterweiße Haut schimmerte, das zarte Handgelenk, das eine Schlange von englischem Sterlingsilber umfing.