»Gelle!« macht sie, mit dem breiten Zeigefinger das blasse Bäckchen des Kindes betupfend, »gelle — gelle!« Aber nichts erfolgte zur Antwort als ein Herabziehen der Mundwinkel, dazu die vorwurfsvolle Duldermiene.
Meine kleine Frau brach in Thränen aus; bald wußte die Res’ den ganzen Jammer. »Naa — naa — naa« — es geht ihr selbst zu Herzen, und sie schüttelt immer wieder den Kopf, daß die grellbunten Zeugblumen auf ihrem runden Strohhut zittern.
Später, nachdem sie sich zu dem Frühstück hatte nötigen lassen, fuhr sie plötzlich, gleich nach den ersten Bissen, die ihr nicht recht zu munden schienen, heraus: »Wenn ich euch helfe’ dhät’?« sagt sie, mit einem verschmitzten Zwinkern der Augen. »Wenn ich euch helf’ — wart’, ich helf’ euch!«
Sie legte das Messer klirrend auf den Teller, und ihre Augen strahlten uns an vor Freude. Ja vor Freude über das Rettungsmittel, das sie für den Kleinen gefunden, fiel sie nun mit einem wahren Arbeiterappetit über das Frühstück her.
Wir begriffen nicht, was sie meinte, nicht das Allereinfachste, Natürlichste; statt aller Antwort zwinkerte sie nur wieder mit den Augen, dann stand sie bald auf und empfahl sich — die Idee läßt ihr keine Ruhe.
Zwei Tage nichts. Am dritten Tage war sie wieder da, diesmal mit einem vorsichtigen Klingeln, wegen des Bub’. »Da bin ich!« rief sie hochatmend, sie war so geeilt — als wenn die Idee solche Eile machte! Sie stupfte ein Bündel in die Flurecke, der Mann brächte das andere.
Na, ob wir denn nicht begriffen? Sie war ganz verwundert, wie verdutzt wir dastanden. — »Wollt ihr mich denn nit habbe’?« fragte sie, die Arme mit den Handrücken in die Seiten gestemmt. »Ich bleib’!«
Damit, schon ganz bei uns zu Hause, legte sie schnell ab und eilte, das Tapsen der Bauernschuhe dämpfend, nach der Kinderstube hin.
Sie blieb in der Thüre stehen: »Ach du mein!« Da saß die Kindermagd, den Kleinen auf dem Schoß, und versuchte ihm mit einem Löffelchen den Brei beizubringen, er aber sträubte und wand sich mit einer Art Entsetzen. Gleich darauf hatte die Res’ mit einer fast entrüsteten Gebärde den Brei zur Seite geschoben, dann nahm sie der erschrockenen Magd den Kleinen vom Schoß: »Komm, Bubbche’! Gelle, mir zwei beid’, mir schaffe’s!«
Sie flüchtete mit ihm in die Nebenstube. Wir waren immer noch stumm vor Verwunderung. Anfangs schien er sich da drinnen auch zu widersetzen, er weinte, sie beruhigte ihn. Plötzlich war es ganz still. Eine so seltsame, feierliche Stille. Dann hörten wir das Schmecken und Schlecken seiner kleinen Lippen, immer lauter, immer gieriger. Zuweilen hielt er mit einem Aufatmen der Befriedigung inne, gleich aber, mit einem feinen Gröhlen der Ungeduld über die Versäumnis, schnabulierte er weiter.