Ich höre Lachen im Chor, schallend, homerisch erschütternd; ich höre aufwirbelndes Sololachen von Frauenstimmen, hell wie der Glöckleinklang eines eleganten Frauenklosters; Lachen, das sich ausschütten möchte über einen Extra-Spaß, und anderes, das lacht, weil es in der Luft liegt, weil die Kölner Faschingsparole es gebietet, über eine Dummheit, eine Grimasse, ein Nichts. Und, jetzt aus all dem vieltönigen, ein wenig mißtönigen Frohgelärm klingt das Lachen einer gewissen Mädchenstimme, ein paar perlartig hüpfende Noten nur, luccahaft süß, von jenem eigenartigen Zauber, der sofort ins Herz dringt, ohne den vorschriftsmäßigen Umweg durch das Ohr und das übrige Telegraphennetz der Nerven ...

Freilich, die Lippen, denen es entfährt, blühend frisch, siebzehnjährig jung, von einem herzigen Lächeln, einem Grübchenlächeln gleichsam aufplatzend wie eine köstliche Frucht, dazwischen das feine, irisierende Blinken von kleinen, etwas spitzigen weißen Raubtierzähnchen. Wißt Ihr, es war nicht leicht, sitzen zu bleiben und dies Lächeln einfach anzustarren wie ein Wunder! Wißt Ihr, ich weiß selbst nicht, wie es geschah, ich war meiner nicht mehr Herr, war aufgestanden, an den Nachbartisch herangetreten, hatte mit einem kühnen Griff das Köpfchen gefaßt, und einen Kuß auf die halboffenen Lippen gepreßt ...

Hier in unserm verstandessichern, polizeimäßig nüchternen Berlin, das sich zwar seines Witzes rühmt, eines meist forcierten Witzes, aber von Humor keine Ahnung hat, gäbe es Mord und Totschlag ob solchen Unfugs, Kartenwechsel oder Faustschläge, je nachdem, mit gerichtlichem Nachspiel. Der Kölner Humor mit seiner Devise »Leben und leben lassen!« gestattet jedoch die kühne Freiheit solchen Stegreifkusses — zwischen Schönen, Hübschen, Jungen natürlich. Se. Närrische Hoheit der Prinz Karneval, stets einer der schönsten und elegantesten jungen Herren der Stadt, hat sogar das altherkömmliche Recht, am Rosenmontag die Lokale zu durchwandern und sich von den verlockendsten Mädchenlippen nach Wahl die tributpflichtigen Küsse zu pflücken — ohne Wehr und Zimperlichkeit, es ist sogar köstliche Ehre dabei. Na und die Getreuen Sr. Närr. Hoheit naschen so gelegentlich vom gleichen Recht.

Ich sollte ja die kleine karnevalistische Episode regelrecht berichten. D. h. Ihr dürft nichts erwarten als nur die Schilderung einer süßen Mädchengestalt, die alljährlich zum Fasching vor meine Erinnerung tritt, lächelnd mit ihren blüten-frischen Lippen, für mich auf allzeit die wundervolle poetische Verkörperung der im Namen aller Frohgeister benedeiten Kölner Karnevalstollität.

Und so grüß’ ich Dich: »Alaaf Köln!« Du Stadt mit den hundert Kirchtürmen und den tausend schönen Mädchen! Dich aus den Tausend grüß’ ich, Du liebliche rheinische Maid: — »N’tag Drückchen!« Und nick’ Dir freundlich zu, und über meine Seele breitet sich warmlachender Sonnenschein im Gedanken an Dich. Sei gegrüßt und gedankt für diesen Sonnenschein!

Also am »Fastelabend«; es ist der Vorabend vor dem offiziellen Fastnachtsanfang, die Generalprobe der Tollität, alle Humore frisch aufgezogen, alle Launen im ersten Übermut entfesselt. Die Wirtshäuser voll froher und lärmender Gäste, besonders die Weinstuben; die meisten haben ihre kleine Hauskapelle installiert, die mit ihren nicht immer ganz harmonischen Tönen die Stimmung anreizen soll. In einem bekannten Restaurant der Herzoggasse hockt auch schon der »Puckel« hoch droben auf dem Tisch mit seiner Geige, unter dem surrenden Licht der Gaskrone. Er ist der traditionelle Kobold des Kölner Faschings; alljährlich am Fastelabend taucht er auf. — Gott weiß, wo er sich sonst umtreiben mag — und wird mit Halloh begrüßt: »Der Puckel ist da, nun kann’s losgehn!« — ein seltsamer Kauz, mit einem prächtigen Harlekinshöcker belastet, das ältliche Gesicht stets in sehr ernsten Falten, aber desto lustiger klingt der Strich seiner Geige. Er hat nur ein kleines Repertoir, und das Gewimmel zu seinen Füßen wird auch nicht müde, seinen »kleinen Postillon« mitzujohlen — keine echte Karnevalsstimmung, über die der Gassenhauer dieses Kobolds nicht hinweggestrichen.

Wir saßen bei einem guten Tropfen an einem überfüllten Tisch. Nur vereinzelte Masken zeigten sich, ich selbst trug mit manchen anderen die bunte Narrenkappe (offizielles Modell, alljährlich vom »großen Rat« festgesetzt und unter seiner Regie vertrieben). Heute galt es noch solide zu sein, denn drei schwere Tage mit drei tollen Nächten standen uns bevor. Aber der Übermut prickelte uns bereits wie Champagnerschaum. Uns gegenüber, in einem Gewühl von Narrenköpfen, leuchtete etwas gewaltig Hübsches — »alle Wetter!« stieß einer von uns vor Verwunderung hervor. »Ein süßer Käfer!« meinte ein anderer, und er hob den Römer voll dunkelgoldigen Rheinweins und versuchte dem reizenden Mädchenkopf ein galantes Prosit! zu bringen — derlei ist wohl üblich. Aber das Mädel »reagiert« nicht. Ein feines rundliches brünettes Gesichtchen, schelmdunkle Augen, seidiges, üppiges, großwelliges Braunhaar, das unter der leicht schiefsitzenden Narrenkappe vorquillt, und die Lippen lächelnd geöffnet, der ganze Ausdruck ein naives Kinderbegehren: ich will mich amüsieren! auf jeden Fall!

Also wie gesagt, ich weiß nicht, wie es geschah. Wollt’ ich mich forscher vor den andern hervorthun? wollt’ ich ihnen zeigen, wie man den Geboten der ersten Schutzheiligen des Karnevals, der Gelegenheit, ohne Besinnen folgen müsse? War also aufgestanden, hatte mich von ungefähr an das liebe Kind herangeschlichen, meinen Römer in der Hand. Und artig, mit galanter Verbeugung gegen die Damen gewandt (denn es waren ihrer zwei, eine ältere Duenna saß neben der Erkorenen): »Ist es erlaubt, anzustoßen?« Das Herz pochte mir doch, als ich so dicht in ihre Augensterne sah.

Eine kleine Überraschung ihrerseits, ein fragendes Auflächeln, dann ergriff sie zögernd ihr Glas und hielt es gegen das meine.

»Die Schönheit!« sagte ich, fast rufend, und ich fühlte das begeisterte Strahlen meiner Augen: »Du bist wundervoll — Du bist — Du bist —«