Largo. Sulla morte d’un principe.
Es war ein Königssohn, blühend und begabt, der Stolz und die Hoffnung des Landes. Die Zuversicht aller Guten baute auf seine Kraft, und die Begeisterung erhob ihn jauchzend auf ihren Schild. So schien er gewappnet und gefeit gegen alles menschliche Unheil. Da traf ihn die Liebe plötzlich mitten ins Mark seines Herzens. Nicht die Liebe der Fürstensöhne, ein kurzer, wilder Rausch oder eine flüchtige Schmetterlingslaune, nein, die Liebe, die andere Sterbliche zu treffen weiß, stark, verzehrend, ohne Widerstand, ein schwüles Gewitter, gegen dessen Blitze man machtlos ist.
Traf ihn ins Mark des Herzens, durchfieberte seine Gedanken und sog wie ein fressend Feuer an seiner Lebenskraft. Kein Aufraffen möglich und keine Wehr dagegen! Taub und abweisend gegen alle Gebote der Pflicht und die uralt heiligen Satzungen der Ehre. Die Liebe wollte ein Exempel ihrer Übermacht feststellen, wie sie noch keines festgestellt!
Und sie befahl ihm hinzugehn in die einsame Waldhütte, um sich und die Geliebte zu tödten, ganz wie sie andern winzigen wehrlosen Menschlein den Revolver in die Hand drückt und ihnen ein Hotelzimmer oder einen einsamen Busch im Walde anweist.
Ein ungeheures Entsetzen zuckte durch alle Lande ob des schaurigen Geschehnisses. Und die Gelehrten, Psychologen und Psychiatriker, Doktoren der Seele und des Leibes, alle klugen und weisen Leute zerfaserten, sondierten, sezierten und prüften den Fall in seine Atome hinein. Man fand aber nichts als die unerhörte, grausige alltägliche Trivialität: »Sie liebten sich!«
Tempo di menuetto.
Sie hatten sich geliebt .... ein halbes Jahrhundert war seitdem vergangen. Jetzt saßen sie Sessel an Sessel an einer Seite des Ballsaals und sahen dem rythmischen Gewühl der von einem Straußschen Walzer beschwingten Paare zu. Zwei feine alte Figuren, wertvollem Meißner gleich. Sie hatte ein Lorgnon à manche von eingelegtem Schildpatt zu den Augen erhoben, er gebrauchte ein Monocle, das an einem Goldkettchen hing. Der Tanz interessierte sie ungemein; ihr Gespräch stockte oder sickerte nur in kleinen staccato-artigen Rufen: »Allerliebst! — reizend das Paar! — hübsch — sehr hübsch!«
Unter diesen Rufen vibrierte die Erinnerung an damals. Ein halbes Jahrhundert war verflossen, sie sind unterdes beide Excellenzen geworden, sie ist vielfache Großmama, er hat zwei Frauen zu Grabe getragen — eine Welt voll Freuden, Sorgen, Erfolgen und Enttäuschungen liegt zwischen damals und jetzt. —
Es war an einem Ballabend vor fünfzig Jahren; sie saßen Stuhl an Stuhl wie heute, dem Tanze zuschauend. Und wie das Alter sich heute an der Jugend ergötzt, so freute sich damals die Jugend des tanzenden Alters. Denn im Saale wurde ein Menuett aufgeführt, die Alten wollten diesen verschollenen Tanz noch einmal zu Ehren bringen, eine hübsche Laune, die allseitig Beifall fand. Und während die ehrwürdigen Paare mit den zimperlich gemessenen Schritten beim Klang eines spinettartigen Klaviers, das man besonders zu dem Zweck hervorgeholt, den altmodischen Reigen vollführten, fanden sich ihre beiden jungen Herzen.