Alexander von Roberts ist seit wenigen Jahren nach Berlin übergesiedelt. Er befindet sich auf der Höhe seiner dichterischen Schaffenslust. Die Eindrücke, mit denen Berlin auf jedermann einstürmt, werden sich auch in ihm in reiche, dichterische Leistungen umsetzen. Er zählt zu den wenigen festen Stützen der modernen deutschen Litteratur, ihm ist es vom Schicksal vergönnt, belebend auf unser Schrifttum einzuwirken. Seit jeher gehört es zu den Eigenschaften der deutschen Kritik, gerade an unseren besten Dichtern herumzunörgeln und herumzumäkeln; ich glaube, die wahre Kritik hat eine höhere und bessere Aufgabe. Sie sei unerbittlich gegen die Dilettanten, aber die beste, treueste Freundin bedeutender Autoren. Unermüdlich soll sie die Aufmerksamkeit des Publikums auf diese hinlenken, unermüdlich für die Verbreitung ihrer Schriften thätig sein. Und so gereichte es auch uns zur freudigen Aufgabe, wieder einmal der Lesewelt das Wirken eines unserer hervorragendsten Dichter näher geführt zu haben.

Ernst Wechsler.

[A] Eine Art Einleitung zu diesem Roman-Cyklus bildet eine der wirkungsvollsten Novellen unseres Autors, die er »Satisfaktion« betitelte. Den die Duellfrage behandelnden Stoff hat Roberts dramatisiert, und sein dramatischer Erstlingsversuch ging vor kurzem über die Bühne des Berliner »Lessing-Theaters«. Er erzielte auf das Publikum einen bedeutenden, tiefgehenden Erfolg, und der Übertritt Roberts von der Novelle und dem Roman zum Theater hätte sich somit glücklich und vielversprechend vollzogen. Und doch kann ich meinerseits ein leises Bedauern über diese Metamorphose nicht unterdrücken. Als Novellist und Romancier ist Roberts unbestritten eine Größe ersten Ranges. Ob er sich diese Bedeutung auch unter den modernen Bühnenschriftstellern erringen wird? Wer weiß es! Ich glaube, seine Begabung ist eine so ernste und mächtige, daß sie ihn möglicherweise hindern wird, mit unseren heutigen Bühnen-Spaßmachern und den Nachäffern Ibsens zu rivalisieren.

Aus Mitleid

Magnus Joël war noch rechtzeitig genug aufgesprungen, um sein Gegenüber, das junge Mädchen, aufzufangen und vor dem Hinstürzen zu bewahren. Eben hatten sich ihre Gläser über dem kleinen, doch glänzend servierten und mit Blumen wie zu einem Feste geschmückten Tisch hellklingend getroffen, und ihre bebenden Lippen, mehr noch die Glut ihrer Augen, hatten das süße Geheimnis ihrer versteckten Liebe gefeiert. Emmy nippte nur von dem goldigen, feinduftenden Inhalt des olivengrünen Römers — »Mir wird so seltsam!« sagte sie, das Glas hinsetzend. Eine plötzliche Blässe flog über das feine Oval ihres Gesichtes, ihre auffällig schlanke Hand, an der ein paar wertlose, altmodische Ringe glitzerten, tastete über Stirn und Augen, gegen die Nacht der Ohnmacht ankämpfend, die sich über ihre Sinne legte.

Nach der ersten Bestürzung geleitete er die wankende Gestalt vorsichtig nach dem Divan, der aus dem Bereich des magischgelben Scheines der tief über dem Tisch herabhängenden Lampe im Dämmer des Hintergrundes stand, von breiten Palmblättern wie zu einer Laube überschattet.

Wie ihr Kopf mit dem dunkelbraunen Wirrnis des üppigen Haares gegen seine Schulter lehnte und die schwarzen Wimpern sich wie schwere Schatten auf die Blässe der Wangen senkten, mochte man auch jetzt noch, in diesem Zustand, das Hingeben sehnender Liebe verspüren; und wie er sie umschlungen hielt, ihre Gestalt fast leidenschaftlich an seine Seite pressend, sie mit seinen kräftigen Armen mehr trug als geleitete, das war etwas anderes als Sorge und Erbarmen um den plötzlich erkrankten Gast.

»Mir ist zum Sterben schlecht —« hauchte es über ihre blutlosen Lippen, nachdem er sie behutsam auf den Teppich des Divans gestreckt.