Er eilte in das Schlafzimmer, um kaltes Wasser, Riechsalz, was er fände, herbeizuschaffen. Sie begehrte nach Luft. Er stürzte auf das Fenster hin, dessen schwere Plüschvorhänge vorhin so vorsichtig gegen fremden Einblick geschlossen worden waren, und öffnete. Die regenfeuchte Luft des Aprilabends wehte kühl herein, und wie entweihend brach das Geräusch der Straße in die diskrete Stille des Salons. Das Chambregarnie, das der junge Magnus Joël, zweiter Sohn aus der bekannten Großfirma Hildebrand Joël, Seiden- und Spitzenwaren, inne hatte, lag in dem lebhafteren Teil der Charlottenstraße, der Nähe des väterlichen Geschäftes wegen, das in der Leipzigerstraße mit seiner glänzenden Schaufensterfront paradierte.
Nah und fern rasselte und klingelte die Pferdebahn, Droschken holperten über das Pflaster, Tritte wie Unterhaltung der Passanten hallten vom Trottoir herauf, stoßweise kam die accentuierte Musik einer nahen Festlichkeit hergehuscht. Es war mehr die Wirkung dieses vieltönigen Lärms als der frischen Luft, welche die Kranke aufleben hieß. Hier ist nicht der Ort, um krank zu werden, für sie!
Wie neidisch das Schicksal! Kaum, daß die Liebenden ihm die paar Stunden eines ersten, ungestörten Beisammenseins mit Notlügen und Ausflüchten abgestohlen, da fährt es in all die Seligkeit mit dem schwarzen Gespenst einer Ohnmacht herein!
Magnus kauerte zur Seite des Divans in einer Romeostellung, die seinem starken Körperbau und der etwas ungelenken Art seiner Bewegungen weniger entsprach; mit seinen breiten Händen hielt er je eines ihrer Händchen umfaßt, die darin völlig verschwanden. Er trug den Namen Magnus zu Recht, obgleich der Vater ihm denselben bei der Taufe nicht in Erwartung zukünftiger Körpergröße zugelegt, sondern aus Geschäftsgründen, denn das wenig klangvolle Joël bedurfte einer tönenden Verbesserung; der älteste hieß Gisbert. Der Ausdruck seines Gesichtes deutete nicht auf den angehenden Berliner Großkaufmann, es schien nach einer idealeren Seite ausgeprägt. Das dunkelblonde Haar war leicht gewellt und zeigte Seidenglanz wie bei artigen Kindern; unter der edelgeformten Stirn lagen schwärmerische grellblaue Augen vertieft; der weiche Mund, den ein aufkeimendes Bärtchen leicht beschattete, schien nicht zum Befehlen geschaffen. Ein Hauch naiver Güte war über das Antlitz gebreitet. Sein Vater und sein Bruder, beide aus härterem Metall geschmiedet, hielten ihn für gründlich aus der Art geschlagen — stand er ihnen doch sogar in dem schändlichen Verdacht, heimlich in Poesie zu sündigen.
»Ist Dir wirklich besser, Emmy?«
Sie nickte matt, aber mit der vollen Zärtlichkeit ihrer wundergroßen Braunaugen, die sich wieder zu weiten und mit Glanz zu beleben anfingen.
»Du bist so gut, Maggi —« hauchte sie hin.
»Aber ich werde es von jetzt ab nicht mehr sein, Emmy! Ich werde nicht mehr dulden, daß Du solche Holzhackerarbeit verrichtest! Von morgens 9 bis abends 9 an der Kasse zu sitzen, in solcher Luft, dazu gehört eine andere Gesundheit als die Deine!«
Er schien jetzt erst recht auf die gebrechliche Zartheit ihrer Erscheinung aufmerksam geworden zu sein. Die Beweglichkeit ihrer Mienen, der Glanz ihres Blickes, die ganze facettierende Art ihres lebhaften Wesens mochten über diese Gebrechlichkeit hinwegtäuschen; in der Unterhaltung pflegten sich ihre Wangen mit einem blühenden Hauch zu färben. Sie hatte eine feine, an den Schläfen durchsichtige Stirn, von schwer zu bändigendem Wildhaar umwuchert, sehr kleine, rosafarbene, mit zwei einfachen Korallenperlen geschmückte Ohren, die in dem Wildhaar fast verschwanden, eine leicht gebogene, in den Flügeln vibrierende Nase und einen vollen energischen Mund. Sie war nicht immer hübsch; wenn sie schwieg oder an ihrem Kassenpult arbeitete, so drückten ihre Züge einen herben Ernst aus, der sie älter machte als ihre einundzwanzig Jahre. Dann, im Affekt, wenn eine Begeisterung für Kunst und Natur, ja nur die erste Begrüßung mit dem Geliebten, ihr leicht empfängliches Wesen in Flammen setzte, konnte sie sogar durch eine eigenartige, wie hergezauberte Schönheit überraschen, die ihre Umgebung stutzen machte.
Sie war schlank gewachsen, und die volle Büste erhöhte noch den Eindruck ihrer sylphenhaften Zartheit. Ihr Kleid war von einfachstem Schnitt, aus schwarzem Lüster, die Uniform des Konfektionsgeschäftes von Kapp und Müller in der Breitenstraße, wo sie als Kassiererin angestellt war; am Halsschluß trug sie eine Brosche aus Silber, die das Monogramm der Firma darstellte, gleichfalls zur Uniform gehörig.