Ja, ihr Körper war der Anstrengung solches Dienstes nicht gewachsen! »Ich weiß, was es heißt,« fuhr er fort, »Tag aus Tag ein in dem engen Kassaverschlag zu sitzen wie in einem Schilderhaus. Gelder einzunehmen, zu buchen und zu verrechnen — alle Augenblicke Anfragen, und die Prinzipale, die fortwährend umherschleichen, um jemanden wegen einer Unregelmäßigkeit zu verschlingen. Dazu die große Verantwortung! Und die Luft, die vielen Menschen, jetzt, zum Anfang der Saison, das Gewimmel, besonders die Anhäufung von Wolle und Baumwolle in solchem Lokal. Wir haben ungleich luftigere Räume, und die Seide staubt nicht; dennoch ist unsere zweite Kassiererin krank geworden, und der Arzt hat sie gezwungen, ihre Stelle aufzugeben.«
»Du weißt doch, Maggi, ich hab’ es Dir schon ein dutzendmal erzählt, welche Mühe ich hatte, die Stelle zu bekommen. Das Handelsinstitut, wo ich die Buchführung lernte, hat Geld genug gekostet. Die verstehen es, einen auszupressen. Solche Stellen sind rar.«
»Laß mich nur sorgen, mein armer Liebling! Ich dulde und dulde nicht, daß Du Deine Gesundheit um der paar Mark wegen opferst!«
»Neunzig Mark — keine Kleinigkeit! Meine armen Eltern sind überglücklich. Übrigens kennst Du meine Meinung. Ich bitte Dich, fange nicht wieder davon an.«
Es hatte ihn vom Beginn ihrer Bekanntschaft an geschmerzt, sie sich quälen zu sehen, während er im Vollen saß. Aber alle Versuche, ihr mit irgend einer Hülfe beizustehen, scheiterten an ihrem Stolz. Fast wäre es einmal deswegen zu einem Bruch gekommen: — ein einfaches, harmloses Schmuckstück, das er ihr zum Ersatz der häßlichen und an die Knechtschaft erinnernden Uniformsbrosche in die Tasche geschmuggelt. Höchstens duldete sie eine seltene Rose oder ein Sträußlein, das die Gelegenheit auf der Straße bot.
Ein wundergroßes Paar, das in das moderne Berlin mit seinen Pferdebahnen, seiner elektrischen Beleuchtung und seinen Wiener Cafés nicht hineinpaßte; es schien einer älteren Periode anzugehören, wo die Liebenden in kleinen Winkelkonditoreien hinter Chokoladentassen ihrer Sehnsucht Genüge thaten, wo stille, entlegene Orte, wie der damalige Hafenplatz, zu zaghaften Rendezvous dienten, und die klassische Musik eines Papa Liebig in Sommer’s Salon die Begleitung zu dem Liebesweben schmachtender Augen gab. Man staune — ein reicher Kaufmannssohn, der mit geschlossenem Geldbeutel wie ein Primaner liebte, und ein armes, auf sauren Verdienst angewiesenes Mädchen, das ihr liebendes Herz von der Befleckung des Goldes rein erhielt!
Der Zufall der Straße hatte sie zusammengeführt. Er besaß keinerlei Routine in der Kunst, Herzen zu stürmen, trotz seiner vierundzwanzig Jahre und seines Geldes, das die mächtigste Hülfstruppe bei solchen Eroberungen bedeutet. Staunte er doch anfangs selbst über seine Verwegenheit und über die Beharrlichkeit, mit der er den Gegenstand seiner plötzlichen Leidenschaft umlagerte. Wochenlang, nach Schluß des eigenen Geschäftes, patrouillierte er, einem Grenadier gleich, der auf sein Mädchen wartet, vor den Schaufenstern von Kapp und Müller in der Breitenstraße. Er ließ sich durch ihre Abweisungen nicht abschrecken. Alle die hübschen kleinen Künste, die das ABC der Verführungskunst vorschreibt, wie anonyme Bouquets, Theaterbillets, selbst Verse, die an der Kasse von Kapp und Müller abgegeben wurden, erwiesen sich als wirkungslose Trivialität. Eine andere Trivialität, ein Regenschirm, der sich bei einem herabstürzenden Regenguß mitten auf dem Schloßplatz plötzlich über ihrem schutzlosen Kopf öffnete, brachte die endliche Annäherung. Viele Wochen lang begnügte Magnus sich damit, sie von der Breitenstraße bis zum Lustgarten an den dort vorüberfahrenden Omnibus zu geleiten. Und er war schon überglücklich, wenn der Omnibus sich um einige Minuten verzögerte. Bald schrak er nicht davor zurück, in den dumpfen Kasten des rumpelnden Fuhrwerks selbst zu kriechen, um die Seligkeit ihrer Nähe bis zur Rosenthaler Vorstadt, wo ihre Eltern wohnten, zu genießen. Dann folgten flüchtige Besuche in einer Konditorei, kurze Rendezvous an den Sonntagen, wo sie auf ungeheuren Umwegen den menschengefüllten Straßen auswichen, um irgend einen diskreten, nur von dem verschwiegenen Himmelsblau eingesehenen Erdenwinkel draußen in der Bannmeile zu erreichen.
Sie zwang ihn zu der Genügsamkeit ihrer Armut, und ihre beiderseitige Liebe erstarkte nur um so mächtiger und glühte um so heißer in dieser Kargheit. Sie wußten, daß sie einander nicht gehören durften und daß ihrem Liebestraume nur das kurze Leben eines Frühlingstages beschieden wäre. Die drohende Trennung lag wie ein Schatten über diesem Frühlingstag. Sie war ihnen so sicher wie der Tod, und sie meinten ein jedes, daß sie die Scheidestunde nicht überleben würden. —
Emmy hatte sich erholt, Magnus begann wieder aufzuatmen: es war nichts weiter, als ein Schwächeanfall, vielleicht auch die Aufregung dieses ihres ersten Besuches in seiner Wohnung.
»Komm, wir wollen uns wieder zu Tische setzen, liebes Herz, —« sagte er, »die Zeit eilt!«