Wenige Wochen darauf hatte sich das junge Paar, dessen Bund die gesetzliche Gültigkeit erhalten, in seinem neuen Heim eingenistet. Als Wohnort war Pankow mit seinem herrlichen Park und seiner würzigen Landluft erwählt worden, in erster Rücksicht auf Emmys Genesung; später, auch den Winter hindurch, hielt sie die Not an den billigen Vorort gefesselt.
Sie bewohnten den Oberstock einer kleinen Villa in der Damerowstraße, zwei Stuben, zwei Kammern mit schrägen Wänden, Balkon und Gartengenuß. Magnus’ Mittel, die er aus dem Verkauf seiner Pretiosen, seiner kostbaren Brillanten, seiner Uhr und einiger Kunstgegenstände flüssig gemacht, hätten etwas Besseres als diese spießbürgerliche Einrichtung, die von der ökonomischen Frau Köster besorgt worden war, möglich gemacht, aber Emmy widersetzte sich jedem Luxus. So verharrten sie in den Gewohnheiten ihres ersten kargen Liebeslebens: — ein stilles verschwiegenes Nestchen, wo sie jeden Augenblick des Glückes der diskreten Himmelslaune abzustehlen schienen.
Die junge Frau wagte sich dieses Glückes nur mit einem angstvollen Beben zu freuen. Wie eine Betäubung war es über sie gekommen — sie hatte damals auch körperlich nicht Kraft genug besessen, »Nein« zu sagen, oder den Kampf mit ihrem eigenen Herzen aufzunehmen. Es war alles ein Traum, die rätselhafte, geheimnisvolle Trauung, ihr beider Beisammensein — auch der Alp fehlte nicht in diesem Traum: die geheime Furcht vor einem Schicksal, das die so seltsam Geeinten wieder auseinander reißen werde ...
Erst die Not rüttelte sie aus dem Traum zu vollem Erwachen.
Magnus hatte sie belogen und er betrog sie fort und fort. Er fürchtete von ihrer energischen Art irgend einen unheilvollen Entschluß. So hatte er die Verfehmung, die von den Joëls über ihn und seine Ehe verhängt war, nur als eine vorübergehende Verstimmung hingestellt, welche die Zeit schon heilen müßte; ja, er that so, als wäre er des Alten sicher, der nur aus Furcht vor Gisbert und dessen tyrannischer Frau den Bannstrahl hatte fallen lassen. Und er erzwang seiner Phantasie allerlei Märchen, die das gutmütige und zum Verzeihen geneigte Herz seines Vaters erweichen sollten.
Anfangs hatte er sich selbst belogen. Vor allem konnte er sich nicht in den Gedanken finden, daß ein Joël genauere Bekanntschaft mit der Not machen sollte. Immer wieder stutzte er erstaunt, wie schwer es ihm hielt, eine Stellung zu finden und zu behaupten. Sein eigener Name, dem er nun einmal Rücksicht schuldig war, und die Illusionen seines sanguinischen Gemütes waren ihm fort und fort ein Hindernis. Er war unpraktisch und kein tüchtiger Geschäftsmann, und es war kein Comptoir so naiv, ihn auf den Namen Joël hin über seine Leistungen zu honorieren. Seine Fertigkeiten als Buchhalter schienen nur auf die Großfirma zugeschnitten. So wechselte er von Stelle zu Stelle, jedesmal mit herabgeminderten Ansprüchen. Ein Unmut bemächtigte sich seiner: sie haben einen neidischen Tick auf den Namen Joël, jetzt rächen sich diese Kleinen wenigstens an dem Namen, da sie der Firma selbst nichts anhaben können! Einmal glaubte er sich schlecht behandelt und verließ die Stelle, ein andermal ward ihm seiner ungenügenden Leistungen wegen gekündigt. Er fühlte den Fluch seines ehemaligen Reichtums auf sich lasten, und das drängte ihn immer mehr abseits.
Er schämte sich, das einzugestehen und brauchte allerlei Ausflüchte, wenn die Adresse seines Prinzipals abermals wechselte. Emmy begann aufzumerken und sein Gehen und Kommen argwöhnisch zu belauern. Aber die freundlichen Glücksstunden, die ihnen das trauliche Nest bot, täuschten sie beide immer wieder über den Ernst der Lage hinweg. Ihre anschmiegende Liebe tröstete ihn für alle Widerwärtigkeit, und wenn er nach der sauren Arbeit des Tages heimkehrte, so schien ihn das heimische Glück immer wieder mit neuer Kraft zu stählen.
Plötzlich öffnete ihr der Zufall die Augen. Eines Morgens im späten November war sie nach Berlin hineingefahren, um eine lang verschobene Besorgung auszuführen. Um die elfte Stunde kam sie durch die Königgrätzer Straße am Rande des Tiergartens vorbei. Es war ein eisig rauher Tag, die Bäume des Parkes ächzten unter den zausenden Händen des Sturmes; raschelnd wirbelten die welken Blätter über die Wege. Emmy eilte mit fester verzogenem Mantel, um den Schutz der Straße wiederzugewinnen. In der Nähe des Goethedenkmals streifte ihr Blick eine Bank, auf der ein Herr saß. Stutzend hielt sie an — sie meinte Magnus dort zu erblicken. Unsinn! Er sitzt jetzt drüben in der Königstadt in seinem Comptoir — am Morgen beim Fortgehen hatte er noch so dringende Arbeit vorgeschützt.
Und dennoch! Sie traut ihren Blicken kaum. Seine breiten Schultern, der flache Krämpenhut — er ist’s! Wie kommt er denn dahin, um diese Stunde? — man sitzt doch nicht bei diesem Wetter im Tiergarten! Die Ahnung eines Unheils krampfte ihr das Herz zusammen, ihre Tritte wankten, als sie auf den Sitzenden zutrat.