Nicht als wenn es ihm an häuslichem Sinn gemangelt. Im Gegenteil, schon als Lieutenant zeigte er ein Mißbehagen an der leidigen Chambregarnie-Wirtschaft, und er hatte sich stückweise von seinen verschiedenen Wirtsleuten emanzipiert, indem er nach und nach eigene Möbel an Stelle der gemieteten anschaffte. Schließlich brachten ihn der chronische Überschwemmungszustand eines empörend altmodischen Waschtisches und die Gefühllosigkeit einer Wirtin, die sich der Mitbenutzung des hundertjährigen Sofas durch den Pinscher Schnurz widersetzte — (ich bitte Sie, Schnurz, der berühmteste und gescheiteste Hund der Garnison!) zum Entschluß, sich gänzlich »eigen« einzurichten.
Nichts Blankeres, als die hübsche kleine Wohnung, wo sein Bursche den ganzen Tag über putzte, »fummelte«, scheuerte und wedelte, zum Ärger der nachbarlichen Dienstmädchen, denen von ihren Herrinnen die Unermüdlichkeit dieses musterhaften Reinlichkeitsgenies, »das doch nur ein Mann ist!« hämisch vorgeworfen wurde.
Auch zog die Paradefront seiner fünf Fenster, hinter denen die weißen Gardinen vor Sauberkeit leuchteten, den heimlichen Neidblick mancher Mutter bedenklich überblühender Töchter auf sich: »ja, warum heiratet er denn nicht?«
I, er hat es so ja tausendmal besser! I, was für eine Veranlassung soll er haben, wildfremder Menschen Töchter zu füttern und mit Putz zu behangen — »pardon«! mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen einen Verheirateten, der mit am Wirtstische saß. Gleich darauf aber wieder in das zum Schnauzbart erhobene Bierglas hinein: »Lieber schöß ich mich tot!«
Er fürchtet sich vor dem Pantoffel! hieß es. Konnte er sich doch nicht einmal der Tyrannei seiner verschiedenen Burschen erwehren! So wollte man unter dem Regime des einen ihn weniger à quatre épingles gekleidet gesehen haben; ein anderer hätte es fertig gebracht, seinen Herrn an bestimmten Abenden der Woche von der gewohnten Kneipe fernzuhalten und zu einem hühnermäßig frühen Schlafengehen zu veranlassen.
Elende Verleumdung! Dergleichen Verdacht stand im grellen Widerspruch gegen seine bekannte und zuweilen berüchtigte Strammheit im Dienst. Er hatte seine Kompagnie »höllisch im Zug«; er besaß die hellste Kommandostimme des Regiments, er war ein schneidiger Exerziermeister und der Schrecken seines Kapitän-d’armes. Und die bunte Flagge seiner zahlreichen Ordensdekorationen bezeugte es, daß er die theoretische Strammheit der Friedenszeit in praktische Tapferkeit vor dem Feinde umzusetzen gewußt hatte.
So mußte es denn auch Wunder nehmen, daß er, der die gefährliche Majorsecke flott umsegelt, plötzlich mit dem ominösen »blauen Brief« eines Tages den Abschied auf den Tisch gelegt bekam. War es eine gewisse Meinungsverschiedenheit mit seinem Regimentskommandeur? Hatte er das Mißfallen eines Höheren auf dem Manöverfeld auf sich gezogen? Oder sollte wirklich die prinzipielle Abneigung der Frau Kommandeuse gegen das Junggesellentum schuld an seinem militärischen Untergang gewesen sein? Die hageren, schnippischen Stänglein ihrer beiden Mädchen besuchten zwar noch die Töchterschule, dennoch haßte sie jetzt schon den völlig unbegreiflichen Stand des Junggesellentums. Und es war ihr in ihrer durchgreifenden Art schon zuzutrauen, daß sie die Karriere eines »ihrer« Offiziere an dieser starren Hassesklippe zum Scheitern brächte.
Also a. D.! Das ist ein Ade! allen ehrgeizigen Hoffnungen. Das heißt einen Strich unter alle Lebensträume ziehen! Das heißt eine 0 mit einem Komma vor die Bedeutung eines Mannes in der weltlichen Rangordnung setzen! Wer wenigstens verheiratet wäre und Kinder zu erziehen hätte! Aber es giebt nichts Zweckloseres als ein a. D. ohne Familie!
Grollend packte er seine Sachen in einen Möbelwagen und siedelte nach Pensionopolis in Thüringen über. Er hätte die Möbel verkaufen oder versteigern lassen sollen, jetzt, da ihm kein Putzgenie in Gestalt eines Burschen mehr zu Gebote stand! Aber er vermochte sich nicht davon zu trennen — und Eigentum verpflichtet!
Eine Haushälterin? Brr! »lieber schöß’ ich ....«