Ja, ich war ärgerlich, ich vermochte nicht in meines Vaters Jubel einzustimmen. War dieser Jubel ein rein sachlicher und die Begeisterung für das kräftige Gedeihen des Hohenzollernstammes nicht etwa absichtlich übertrieben, in Anbetracht seiner sonst so ruhigen und den mancherlei Fährnissen des Lebens gegenüber nicht aus dem Gleichgewicht schlagenden Art? O ich merkte es wohl: es geschah mir zum Tort! — eine herrliche und eindringliche Gelegenheit, mir meine beharrliche Kinderlosigkeit aufzutrumpfen ....
Mir und meinem herzigen, lieben, braven Frauchen, die gewiß ebenso und noch mehr darunter litt, daß sich über unserm Dache immer und immer noch kein Rauschen von Storchesflügeln einfinden wollte. Denn seit vier Jahren harrten wir dieses Rauschens. Und die ganze Familie mit uns. Ich konnte es meinem guten Vater nicht verargen, wenn ihm diese Großpapahoffnung all sein Fühlen und Denken immer eindringlicher und hartnäckiger versetzte. Stand doch auch die Zukunft unseres alten Geschäftshauses in Frage — unser Stamm würde mit Papa und mir aussterben, wenn auch der Name bliebe, denn wir trugen, obgleich in Berlin eingewandert, einen in der Berliner Luft sehr verbreiteten Namen.
Aber was war zu thun? Geduldig weiter zu harren und zu hoffen! Wenn nur nicht der Kummer über das ausbleibende chimärische Glück bedenklich an dem soliden Glücke zu rütteln begonnen hätte, das wir greifbar in den Händen hielten. Diese steten Anspielungen; diese fast brutal offenen Fragen, die an allerlei Gedenktagen herausplatzten; und die Kontrolle, die fast ans Polizeiliche streifende Überwachung der biedern Tanten- und Basenschaft! Zuletzt waren wir beiden unschuldig-schuldigen Verbrecher so argwöhnisch geworden, und überall, in sonst ganz harmlos klingenden Fragen und Bemerkungen, in Blicken und Mienen witterten wir die Anklage.
Z. B. am Neujahrstag. Ist es nicht zum verzweifeln, wenn Papa während unseres gemeinsamen traditionellen Familienfestessens wohl zehnmal die Bemerkung über den Tisch wirft: »Ja, ja, was wird uns das neue Jahr nicht für Überraschungen bringen ....« in allerlei Tonart, murmelnd, schmunzelnd, nachdenklich, dann vom Klang der Gläser begleitet, sogar in einem gewissen energisch ermunternden Ton. Und beileibe nicht aller Augen verstohlen oder offen nach uns beiden hinzielend! Beileibe waren wir ja gar nicht damit gemeint!
Z. B. wenn mein Frauchen ihre Schwiegermama besucht. Die rundliche, kleine, weiche Hand der in allen Dingen maßvollen und durchaus nicht schwiegermütterlichen Dame streichelt sanft, mit linder Zärtlichkeit meiner Frau über das Oval der Wangen, wobei sich die untersetzte Figur etwas herausrecken muß — keine Frage, höchstens ein kaum verlautbares »nun?« Aber Mamas eigenartig grellblaue Augen fragen um so deutlicher, ob es denn noch immer nichts zu beichten gäbe.
Z. B. bei Tante Eckberte. Sie war eine besondere Respektsperson in der Familie, eine alleinstehende Dame von ausgesprochener Erbtantenwürde, auf das vorsichtigste von uns allen behandelt, als wäre sie das kostbarste Porzellan. Sie hatte »das Geld« — als wenn wir nicht alle zur Zufriedenheit davon besäßen! — aber dieses Geld von ihr strahlte etwas wie eine Gloriole aus, in der sich mancherlei Hoffnungen sonnten. Doch schien ihr von uns allen niemand so besonders geeignet oder gar würdig, dereinst nach ihrem Ableben — Gott erhalte sie noch lange! — von solchem Sonnenschein überschüttet zu werden, niemand als das Kommende, sehnsüchtig Erwartete — mochte es auch nur ein Nichtchen sein, denn sie bestand nicht so dringend auf der Fortsetzung des Mannesstammes, einerlei, ihr Vorname würde sich so gut auf ein »er« wie eine »sie« übertragen lassen. Und das war Bedingung, schien sie doch in ihren Namen verliebt: — »nicht wahr, mein Söhnchen,« sagte sie zu mir, »Eckberte ist der schönste Name, ich möchte wohl, daß ihn noch ein anderer in der Familie trüge, ich möchte das wohl noch erleben.«
Und ihre überaus klugen grauen Äuglein glitzerten mit einer gewissen, naiven, verschmitzten Begehrlichkeit dazu.
Ja das war ausgemacht: »wenn« — dann sollte und mußte »es« Eckbert oder Eckberte heißen. Emmy hatte sich lange genug gegen diesen außergewöhnlichen, seltsam stachelichten Namen gesträubt, es hatte sogar Thränen deswegen gegeben, damals, vor Jahren, als unsere Hoffnungen noch nicht mit beharrlicher Enttäuschung vergällt waren. Nun waren wir einig, längst einig über diesen Namen, es fehlte nur noch das Köpfchen dort in jener imaginären Wiege, das ihn uns abnähme ....
Da schien mir doch Onkel Gustavs zutappende Art tausendmal lieber. Er war der Bruder meiner Mutter, ein Major a. D., der seine Muße damit ausfüllte, in seinem Villengarten zu Charlottenburg Rosen zu züchten, sonst aber eine durchaus nicht blütenzarte Persönlichkeit. Also ein energischer Schlag seiner rauhbehaarten Rechten auf meine Schulter: »Na, Alterchen, was machst du? Immer noch nichts zu taufen? Na mach’ doch kein so saures Gesicht! Komm her, wir wollen einmal anstoßen — sollst meinen Neuen kennen lernen, ein Graacher von 76 — hui! (und er stieß einen Pfiff des Entzückens aus) — Prosit also auf Euren Nachexercierer!«
Und nachdem wir von dem wirklich köstlichen Tropfen tüchtig genippt: »Übrigens viel Schererei mit solcher Krabbelgesellschaft!« Er deutete mit einem kräftigen Seufzer auf den jüngsten seiner drei Söhne, die er in der Armee hatte, »ein Schwerenöter, der die Haare auf seines Vaters Kopf nicht verschont mit seiner Schuldenpassion!« Allerdings hatte das leichtlebige Vetterchen auf diesem Boden stark geweidet, nach des Onkels leuchtender Glatze zu urteilen.