»So ist’s recht! Und nun kein Wort mehr davon! Ich hab’ dich lieb — du hast mich lieb — von einer Chimäre laß’ ich mir meine Liebe nicht über den Haufen werfen! Auf die Gesundheit also des kleinsten aller Königlichen Hoheiten!«

Durch ihre Thränen lächelte sie innig, während der Wiederschein des goldgelben Rheinweines wie Sonnenlicht über ihre Züge flimmerte. —

Ein Jahr darauf kam ich zufällig über den Opernplatz nach dem Schloß zu, als gegen die Museumsseite des Lustgartens sich Auflauf und Gedräng bemerkbar machte. Was fragte ich noch? — es war jährig! es war wieder Juli! — natürlich ein neuer Prinz! Soeben ist die Artillerie dort am Anfahren, um auch diesem Sproß am kräftigen Hohenzollernstamm den hundertfach dröhnenden Willkommgruß zu entbieten.

Da packte mich ein lächerlicher Zorn. Jetzt ins Kontor? Nimmermehr! Damit mir Papa abermals wie im vorigen Jahr auf die Schulter tippt, mit seinem höhnischen »Numero Drei, mein Junge!« Abermals soll ich die Qual von hundert und ein Kanonendonnern wehrlos ertragen, jeder Schlag eine Mahnung und ein Verweis. Schießt Ihr, so viel Ihr wollt, ich mach’ mich davon ....

Hüpfte also eilends in eine »Erster« und befahl dem Kutscher, die Linden herunter zu jagen — wohin? — nun einerlei, nach dem Tiergarten zu, tief in den Tiergarten hinein! Der Kerl auf dem Bock blickte mich unter dem Lederrand seines Hutes etwas verwundert an: ich wollte mich doch nicht etwa totschießen dort im Gebüsch — und so eilig?

Aber die Kanonenschüsse waren schneller als mein Droschkengaul. Jetzt schütterte der erste Donner durch die Luft. Die Leute auf dem Trottoir blieben stehn und horchten, andere nickten, die wußten schon — wieder breitete sich der freudige Schein über die Gesichter, wieder bekam das Grün der alten Linden ein so festliches Ansehen. Und Schuß auf Schuß mir nachjagend in den Tiergarten hinein, ja dort in der Waldesstille hallte es erst recht deutlich über den Wipfeln. Umsonst dieser Qual zu entfliehen!

Vielleicht war es nur eine Prinzessin, und das Geschieße hatte bald ein Ende. Da wandte mein Kutscher seinen breiten Rücken ein wenig herum und warf über die Schulter die Bemerkung hin: »Is schon wieder’n Prinz — dacht’ ick mir doch!«

»Wieso? haben Sie gezählt?« rief ich dagegen, und meine Stimme mochte wohl die Erregung nicht verbergen.

»Ick wußt’ schon, auch ohne zu zählen — bei’n Prinzen Wilhelm is det schon nich’ anders. Jedet Jahr eene Nummer — lauter Jungens! —«

»Fahren Sie um den See herum zurück!« befahl ich. Hatte ich wohl nötig gehabt, in den Tiergarten zu entfliehen, um mir den Prinzen Wilhelm als ein vorbildliches Muster auftrumpfen zu lassen? Das hätte ich auch im Kontor haben können!