Doch der Schreckliche dort auf dem Bock ließ nicht nach. Der Kanonendonner reizte seinen eignen Vaterstolz; nach einer Pause wandte er sich abermals herum: »Stücker acht hab’ ick och. Nich lauter Jungens, Mächens müssen och sind. Det wird Prinz Wilhelm och insehn dhun, und det nächste Jahr um die Zeit, wann sie wieder knallen, da können se wat mit’s Pulver sparen — nu is en Mächen dran.«
Genug! Welche Aussicht! Ich fürchtete damals, der Mann möchte recht haben mit seiner Prophezeiung der Prinzen-Serie. »Jedet Jahr ene Nummer ....« Jedes Jahr wohl ungefähr um diese Zeit würde ich mir meine eigne Kinderlosigkeit mit Kanonengeknall vorwerfen lassen müssen! Es war zu viel! Ich gab dem Kutscher die Adresse unserer Firma an — ich wollte hin, mich an das Pult setzen und dem Angriff von der anderen Seite energisch stand bieten — ich wollte mir dergleichen Anspielungen und Trümpfe ein für allemal ernstlich verbitten.
Unterwegs aber stellte sich mir immer deutlicher die vorigjährige Scene an unserm Mittagstische dar. Mein armes Weibchen — diesmal würde sie noch ganz anders unter dem alle Poren des Hauses durchdringenden Kanonendonner gelitten haben! Denn die unselige geheime Gegnerschaft, die sich innerhalb meiner Familie gegen sie gebildet hatte, war im Laufe dieses Jahres noch gewachsen. Es klingt grausam, dennoch muß ich die alten Leute nicht ganz ohne Verteidigung lassen. Meines Vaters Stammesbewußtsein litt unter der Aussicht, daß unsere Familie ganz verlöschen müßte; die Firma, die alte, angesehene Firma, die den Wandlungen von Jahrhunderten zu trotzen schien, so fest war sie gegründet, sollte in absehbarer Zeit an andere Namen und Menschen übergehen — die fixe Idee dieser enttäuschten Großvaterhoffnungen war in ihrer Beharrlichkeit wohl erklärlich, mußte sie nicht im Gegenteil immer mehr an Schärfe und Bitternis zunehmen? Die ganze Familie war zuletzt auf diesen Ton gestimmt, die Sticheleien mehrten sich, immer deutlicher die Anspielungen, immer häufiger die Verstimmungen zwischen uns Verbrechern und dem Gros der andern Partei. Unser Argwohn lauerte auf Schritt und Tritt der neuen Demütigung. Ja, als eine andauernde Kränkung empfand es meine gute Frau. Sie hatte recht gehabt: man sah sie nicht für voll an in unserer Familie; allerlei dumme kleine Geschichten, die vor unserer Ehe gespielt und die das entsetzliche liebe Mein und Dein betrafen, wurden ausgekramt, von neuem wurde an ihrer Mitgift gemäkelt und die Standesgemäßheit meiner Heirat, über die der Adel einiger Hunderttausende von Mark zu entscheiden hatte, abermals auf die Wagschale gelegt. Zwar nicht vor unsern Augen, doch der Klatsch wisperte uns dies und das ins Ohr, die Dinge natürlich vergrößernd.
Unsere Besuche hatten sich mehr und mehr auf festliche Gelegenheiten eingeschränkt. Da unterstanden wir aber auch um so erbarmungsloser dem Gemäkel und der Kritik der ganzen Verwandtensippe. Ein böses Wort wurde mir zugeraunt: man hätte sich an maßgebender Stelle geäußert, meine Frau wäre unbedeutend, eine schöne Puppe, die aber nichts bedeutet. —
Emmy war unter der Last ihres Verbrechens immer stiller geworden, sie hatte fast ihre alte herzige Fröhlichkeit eingebüßt, wenigstens ihnen gegenüber. Gewiß lag die Acht meiner Familie wie ein böser Bann auf ihrem Herzen — kein Wunder, daß die Kritik ein wenig recht bekam! Freilich bedeutete sie nichts, da sie der Firma keinen Nachfolger geschenkt — eine Mutter zu sein, ist stets ein Verdienst! »Unbedeutend« — ein schlimmer Hieb für einen Ehemann, der in seiner Frau den Ausbund aller äußeren und seelischen Vorzüge anbetete!
Wie immer blieb etwas von solcher Kritik als ein schmerzlicher Stachel hangen. Auch unser schönes intimes Glück bekam von Zeit zu Zeit einen häßlichen Hauch. Eine bange Ahnung beschlich mich zuweilen: — sollte unserer Liebe und unserm Frieden eine Gefahr drohen? Hatte sie mich nicht vor Jahresfrist gewarnt: »Zuletzt wirst du selbst mich nicht mehr lieb haben, Kurt —«
Eine ungeheure Angst erfaßte mich plötzlich. »Nicht Markgrafenstraße!« rief ich dem Besitzer der Acht, »aber nicht lauter Jungens,« zu. »Fahren Sie Kurfürstenstraße!«
Der lederne Kutscherhut reckte sich kurz auf mit der stummen Bemerkung, was es doch für Käuze gäbe unter den Fahrgästen; dann in einer equipagenmäßigen Kurve lenkte das Gefährte zur Seite, um den Kanal entlang nach meiner Wohnung zu rollen.
Wie ich es geahnt — meine Frau in Thränen! Und welch eine schluchzende Bitternis, die sich weder durch mein ärgerliches und einen Hohn heuchelndes Lachen, noch durch meine Liebkosungen beschwichtigen lassen wollte. Sie mochte kurz vor mir nach Hause gekehrt sein, das Capotehütchen saß ihr noch auf dem Kopf, die Handschuhe lagen in der Hast abgestreift auf dem Teppich. Auf der Straße hatte der Kanonendonner sie wohl überrascht, und all das im Laufe des letzten Jahres angesammelte Leid brach nun in einer Flut von Thränen aus. Aber immerhin eine Lächerlichkeit — Gott wie oft muß man das betonen und beschwören!
Es war etwas anderes, schlimmeres, wie sie mir endlich schluchzend gestand. Sie hatte also ihrer Schwiegermama einen Besuch abgestattet, einen rücksichtsvollen Mußbesuch, den sie der alten Dame längst schuldig gewesen. Auch Tante Eckberte war zufällig anwesend; und dort, mitten in das Gespräch, war der Kanonendonner hineingefahren. Emmy wußte sofort, und das Blut war ihr heiß zu Kopf geströmt. Der Wind mußte so stehn, daß das Gedonner ganz nahe klang — »Der neue Prinz!« rief Mama nach dem dritten Schuß. Tante Eckberte in ihrer nervös beweglichen Art war ans Fenster getrippelt, um nur ja nichts von den kostbaren Tönen zu versäumen — »na aber so was!« kicherte sie wie in kindlicher Freude, und bei den nächsten Schüssen schlug sie die Händchen zusammen vor Entzücken.