»Prinzeß Wilhelm, das ist eine Natur! alle Wetter! (sie scheute sich nicht, ihre innere Kraftart durch ein gelegentliches kleines Flüchlein zu beweisen). Und schon das dritte! Natürlich wieder ein Junge! — die Schüsse klingen schon so, als ob es ein Prinz wäre.«
Jetzt erschien auch Papa in der Thüre. Nur ganz kurz: »N’tag, Emmy, wie geht’s dir?« Und dann gleich losfahrend in seinem auftrumpfenden Enthusiasmus: »Was sagt ihr nun? Nummer drei! Das ist ja wundervoll! — das ist ja geradezu verblüffend! — bumm!«
Darauf eine Pause, während der die drei Alten mit Blicken und Nicken und Ausrufen und signalmäßigen Bewegungen ihr Entzücken austauschten. O ich konnte mir die Scene genau vorstellen, es bedurfte nur Emmys Andeutungen! Hatte sie nicht dort vor ihnen gesessen wie eine eines Verbrechens Angeklagte? Am liebsten wäre sie dem schrecklichen Kanonendonner und den noch schrecklicheren Bemerkungen entflohen, aber ihr Urteil mußte ja doch erst deutlich gesprochen werden!
»Na freust du dich denn nicht auch, Emmy?« fing Mama an.
Gleich nachdem Papa: »Wir werden ja nun wohl verzichten, nicht wahr? — Das Beispiel da zieht eben nicht — na ich weiß, du kannst ja nicht dafür, aber ....«
Was denn »aber«? Nun sie verlangten ja wohl, daß sich das arme Frauchen auch duckte wie eine Verbrecherin — man mochte ihr nicht verzeihen, daß sie ihren Sinn trotzdem stolz und hoch aufrecht hielt, wie es ihrer prächtigen Art entsprach.
Tante Eckberte aber gab den Trumpf: »Ich werde also meinen Namen unbenutzt mit ins Grab nehmen — niemand ist da, der ihn haben will! Wenn mir doch wenigstens der Gefallen geschähe — aber so!«
Dann mit einem listig-anzüglichen Blinzeln ihrer klugen Äuglein, zu Papa gewandt: »Du, Franz, ich habe mich also entschlossen, daß nach meinem Tode der Lützowplatz endlich geräumt wird — ich werde in meinem Testament dafür sorgen.«
Ich kann mir die Wirkung auf meinen Vater und meine Mutter denken. Wie sie in sich zusammensanken vor Schreck und sprachlos das unsichtbare Wort »Testament« anstierten. Tante Eckberte’s Testament — ein Popanz, der von Zeit zu Zeit in unserer Familie auftauchte, um allerlei Verstörungen darin anzurichten. Die schrullenhafte alte Dame gefiel sich darin, da sie diese Wirkung kannte, das Schreckmittel bei angemessenen Gelegenheiten spielen zu lassen. Es gab allerlei Stiftungen und Verwendungsarten, auf die das ominöse Testament hinzielte — »mein Geld will von euch ja keiner! — ja wenn Kurtens (das waren wir) Nachkommen hätten, da braucht’ ich mir nicht meinen alten Kopf zu zerplagen — aber so!«
Diesmal war es also der Lützowplatz. Man kennt diesen Schandfleck Berlins, ein herrlicher, zu einem eleganten Schmuckplatz mitten im vornehmen Westen wie geschaffener Raum, den aber das Besitzrecht eines Finanzkonsortiums in einer allem Geschmack hohnsprechenden Weise ausnutzt, indem es ihn an Kohlenhandlungen vermietet und allerlei hökerhafte Wirtschaften dort duldet. Tante Eckberte war eine Anwohnerin dieses Platzes; gewiß wäre ihr Andenken ein gesegnetes gewesen im ganzen Westen, ja in ganz Berlin, wenn sie dem unausstehlichen Zustand ein Ende gemacht — freilich auf Kosten von uns andern Erbberechtigten.