Es war zu viel! Die Luft war so überladen mit Anzüglichkeitsstoff, und der Schall des Kanonendonners schien die feindliche Stimmung zu vermehren — noch ein paar ähnlich spitzige Bemerkungen, dann fand es Emmy für geratener, das Feld zu räumen. Sie that es mit einem bösen, häßlichen, nicht ganz pietätvollen Wort, das ihnen die unerhörte Grausamkeit vorwarf. Hier erst, im eignen Hause, brach der ganze Jammer los: — ist sie nicht das unglücklichste Weib auf der Welt? Sie will nie wieder das Haus meiner Eltern betreten! Sie hat nun genug all der Kränkung! Und erneutes Weinen und Schluchzen. Vergeblich suchte ich sie zu beschwichtigen: ich wollte mit Papa und Mama ein ernstliches Wort reden — es ist nur die Schrulle! — sie können doch nicht im Ernst ihr und mir ein Verbrechen anrechnen!
»Thun sie aber, Kurt!« schluchzte Emmy. »Es kommt noch viel schlimmer! Sie werden mich ganz verdrängen! Sie werden nicht ruhen, bis ich abgereist bin! Ich bin ja nichts — ich bin keinen Kanonenschuß wert — laß mich — ich will fort — ganz fort von hier — es soll mich niemand wiedersehen!«
Ein Anfall, den ihr meisten von uns Ehemännern wohl kennen möget. Doch kein noch so wohlgemeintes Hohnlachen und keine Zärtlichkeit half dagegen.
Hatte sie mich nicht in dies Verbrechertum gestürzt? Nein, sie wollte nicht schuld sein, daß ich selbst den Herzen der Meinen entfremdet würde! Wenn es so weiter ginge, so liefe ich noch Gefahr, enterbt zu werden, und andere schlimme Dinge.
Ich schlug unsanft genug mit der Hand auf den Tisch, daß die Gegenstände darauf hüpften: »Einerlei, mag kommen, was will — ich geh’ hin! — ich will mich aussprechen! — ich will doch sehn, ob ich dieser Lächerlichkeit nicht Herr werde!«
Eine Stunde darauf befand ich mich im feindlichen Lager, das in großer Erregung war. Emmy hätte sie, die alten Leute, beleidigt.
»Sie wird Abbitte thun deswegen!« fuhr ich heraus — »aber man wird sie nicht ferner quälen! — und mich nicht!«
Wo und wann hätte jemand irgend eine Anspielung gemacht? Ist jemand schuld daran, wenn sich alljährlich Kanonen aufpflanzen, um Prinz Wilhelm einen neuen Jungen anzuschießen? Nie und nirgends wäre auch nur die Spur eines Vorwurfes gefallen — Emmy’s und mein argwöhnischer Sinn sähen Gespenster. Ja, fühlten wir uns denn schuldig? »Enttäuscht sind wir alle ein wenig — aber daran gewöhnt man sich — nicht wahr, Eckbertchen?«
»I, was werdet Ihr Euch echauffieren — deswegen!« meinte Tante listig — »ich kann den Lützowplatz ja immer schon als Kinderspielplatz einrichten lassen inzwischen ....«
Das »inzwischen« brachte uns alle zum Lachen. Sie also hielt an der Hoffnung fest, die gute, brave Polterin — mit dem Lützowplatz war es also nur ein Scherz gewesen! Sie wehrte sich gegen diese Auffassung, aber der Friede war gemacht. Wir wollten uns künftig nicht mehr das Leben verbittern, es sollte keine Anspielung fallen »inzwischen« — nicht einmal, wenn Prinz Wilhelm im nächsten Jahr abermals schießen lassen würde.