»Was unfehlbar eintreffen wird!« rief der unverbesserliche Papa. —
Was aber nicht eintraf, nicht in diesem und nicht im nächstfolgenden Jahre, wie ihr alle wißt. Aber auch die Hoffnung, die von uns wie von der gegnerischen Seite in Tante Eckberte’s bedeutungsvolles »inzwischen« gesetzt worden war, ging ebensowenig in Erfüllung. Weiter warteten wir vergeblich, daß sich das Rauschen von Storchflügeln über unserm Dache vernehmen ließe. Und eine stille Resignation bemächtigte sich unser: sollten wir deshalb mit Harm in die Zukunft schauen, oder uns gar unsere kostbare Liebe gefährden lassen?
Das Verhältnis zu unsern Eltern hatte sich nach jenem Gewitter am Geburtstag Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Adalbert leidlich freundlich gestaltet. Wenigstens im äußeren Verkehr. Eine rührende und thränenreiche Scene schien den unheimlichen Bann gebrochen zu haben, und das Schwiegertöchterchen war zu Gnaden und Frieden aufgenommen worden. War es nicht besser, daß wir gemeinsam an unserer aller großer Enttäuschung trugen und uns gelegentlich in offenen Worten darüber ausließen?
Doch alles das nur ein Waffenstillstand! Von Potsdam her, wo Prinz Wilhelms junges Familienglück eingenistet war, zog ein neues Gewitter gegen uns herauf. Schon im Sommer des Jahres 1886, bei der ersten interessanten Nachricht, die vom Marmorpalais her ins Publikum drang, glaubten wir die Luft vom Kanonendonner erzitternd. O wir hatten uns wohl, auf die längere Pause vertrauend, zu vorzeitig in unsern Frieden gewiegt! Nun brach die alte Unseligkeit von neuem los.
Nicht, daß im gegnerischen Lager auch nur eine Andeutung gefallen wäre, die uns allarmiert hätte. O nein — vollkommenes Schweigen von jetzt ab, eine Art Abkommen, daß von der neuen Prinzenhoffnung kein Spürchen erwähnt werde. Das aber gerade war’s! Gerade in diesem Schweigen ließ sich der gespenstische Kanonendonner um so deutlicher und unheilvoller vernehmen. Er würde gegen den Winter hin immer lauter heraufschwellen — um Ruhe und Gemütlichkeit dieser Saison wäre es geschehen! Wir ahnten, wir wußten, daß eine neue Katastrophe bevorstände. Papa würde nicht an sich halten, und die altjüngferliche Schadenfreude der alten Tante Eckberte, die mit listigem Äugleinzwinkern das Thema an seiner empfindlichsten Stelle anfassen würde! Welch neue Qualen standen uns bevor!
Nervös — nun ja, wir schwelgten beide förmlich in dieser Modekrankheit, und sie verbitterte uns unser schönes, stilles, heiteres Eheglück. Zum Teufel! wegen einiger Dutzend Kanonenschüsse, die in vielen Wochen vom Lustgarten heraufdonnern sollten ... Wir waren närrisch! ach, wir waren damals durchaus keine Helden!
Und diesmal mitten im Winter! Im Sommer hätte man dem Geknall entfliehen können und der unausbleiblichen Katastrophe im Elternhaus. Wir hätten uns durch Berge und Wälder dagegen schützen können; nun aber galt es auszuharren und die Narretei nicht gar zu weit zu treiben.
Ach, auszuharren! Zufällig fiel meine offenbare und vom Arzt beglaubigte Nervosität mit einer gewissen Krisis zusammen, die über unserm Geschäftsverkehre wetterleuchtete. Papa und ich, wir vermochten uns diesmal nicht wie sonst immer über die einzuschlagenden Maßnahmen zu einigen. Diesmal war er es, der gewisse kostspielige Neuerungen vertrat, während ich in hartnäckigem Eigensinn meine Hand zu solchen Extravaganzen, wie ich es nannte, nicht bieten wollte. Da gab es Streit und Widerstreit und heftige Erörterungen von einer Seite unseres gemeinsamen Doppelpultes zur anderen. Und über all dem Zwiespalt das unheimliche Kanonendonnern, das näher und näher rückte.
Zuletzt eine Explosion! Aus einem mißstimmigen Schweigen platzte Papa eines Morgens plötzlich hervor: »Ich weiß wirklich nicht, Söhnchen, für wen du, gerade du sparen willst —« (das »du« doppelt und dreifach unterstrichen!) und einen gewissen zwinkernden Seitenblick des mit kurzen, grauen, borstigen Härchen bedeckten Kopfes nach mir hinüber; ein gewisses spöttisches Zucken um die bartlosen, aber stets glänzend glatt rasierten Lippen, dazu das dreifach unterstrichene »du!« Es brachte mich außer mir, und innerlich schnellte etwas in mir auf.
»Das brauchst du mir nicht gerade heute vorzuhalten, Papa —« drückte ich mit einer Anstrengung, ruhig zu bleiben, mühsam genug hervor. »Ich dächte, das hätte noch Zeit bis zum Januar —«