»Nächstens könnt Ihr es uns ja wieder auftrumpfen,« zischelte ich — »nächstens läßt Prinz Wilhelm ja wieder schießen —«

»Und wir werden uns von Herzen darüber freuen! Das ist gute Preußenpflicht! Am Ende gar ist Sr. Königliche Hoheit Prinz Wilhelm schuld daran — die Geschichte wird immer besser! — hör’ mal, wenn du solche Angst vor dem Freudenschießen hast, so mach’ dich doch davon! Eine kleine Luftveränderung würde deinen Nerven gut thun.«

»Thu’ ich auch! Wird sie auch!« rief ich in sprühender Erregtheit, und mit einem lautschallenden Puff schlug ich das große Buch vor mir zu; von dem Winde wirbelten einige lose Blätter in der Stube umher.

»Deine Neuerungen mach’ ich ohnedies nicht mit, Vater! Such’ dir einen andern Beirat!«

Noch ein paar aufprallende Redensarten hin und her. Und ein scharfes, spitziges Wort, mein armes Weib betreffend, eine Grausamkeit, die ich Papa nie und nie zugetraut — dann war es genug! Ich verließ das Pult und die Stube, um für lange Zeit, vielleicht für immer, nicht mehr dorthin zurückzukehren. Alle Vermittelungsversuche von Mama und Tante scheiterten an meinem harten Sinn. »Luftveränderung — nun gut — Ihr sollt sie haben — wir reisen also!«

Übrigens hatten wir ja darin eine Unterstützung durch den Arzt, der längst schon einen, wenn auch nur kurzen Ortswechsel für »unsere Nervosität« in Vorschlag gebracht. Auf also und fort! — glaubt ihr wohl, daß ich närrisch genug war damals, mich wie ein Kind zu freuen, weil ich auf irgend eine Weise von dem Kanonendonner des neuen Prinzen erlöst sein sollte?

Und wir flohen, weit, recht weit, bis jenseits des Meeres, bis an den Rand der Wüste — mochten sie nun donnern, soviel sie wollten am Lustgarten, wir waren in Sicherheit!

Dennoch sollten wir auch in solcher Ferne nicht ganz verschont bleiben. Die unseligen Telegraphen und ihre meerdurchspannenden Kabel! Es war am Abend des 29. Januar 1887; wir waren gerade von einem Ausflug nach den Pyramiden zu unserm vorzüglichen Hotel Shepherd in Kairo zurückgekehrt, als das bedeutungsvolle Telegramm mitten in die Table d’hôte einschlug. Natürlich ein Anlaß für feierfrohe Deutsche, die Sektgläser schäumen zu lassen! Welch eine Ironie: wir, die wir mitten darunter saßen und uns nicht auszuschließen vermochten und gezwungen waren, mit unsern Gläsern einzustimmen in den patriotischen Jubel: — »Hoch der neue Prinz!« Und welch eine schalkige Stimmung: »Hurrah, die Nummer 4! Hurrah das drittel Dutzend junger Hohenzollern!«

Am Spätabend jedoch, nachdem wir wider Willen mitgelacht und mitgejubelt in der mutwillig heiteren Gesellschaft, gab es im Hotel Shepherd auf einem gewissen Zimmer eine seltsam stumme Rührungsscene zwischen zwei gewissen Ehegatten. Kein Wort über die Nummer 4 — keinerlei Anspielung, nur ein langes, lautloses Umarmen: schämten sie sich nicht ein wenig die beiden Leutchen, ob ihres Kleinmutes, ihrer Narretei, ob ihrer lächerlichen Flucht ...

Wie mochten wohl unsere Alten da oben in Berlin das Ereignis verbracht haben? Der Gedanke daran fiel mir schwer aufs Herz. War es nicht das einfachste, den Groll und Zwist hier im Wüstensande zu begraben und die Rückreise anzutreten? — Damit uns binnen Jahresfrist der Kanonendonner von Numero 5 aufs neue davonjagte ....