Nein, meine Nerven waren noch lange nicht wieder in Ordnung! Und mein Starrsinn nahm also die Gelegenheit wahr, eine sehr günstige Stellung, die sich mir bei einer großen Handelsgesellschaft in Alexandrien bot, nicht auszuschlagen. Wer weiß, was sich vielleicht in Jahr und Tag geändert haben würde!
Freilich gab es gewaltige Änderungen droben in der Heimat. Über dem Hohenzollernhause zog sich das verhängnisvolle Wolkendunkel zusammen; in banger Erwartung, zwischen Furcht und Hoffnung, lauschten die Herzen aller Deutschen nach San Remo hinüber, wo sich die grausam bittere Tragödie des edlen fürstlichen Dulders abspielte. Wer dachte an eignes oder eigengemachtes Leid vor solchem, ganz Deutschland bewegenden Schmerz?
Dann senkten sich die Fahnen Europas, ja der ganzen zivilisierten Welt, über dem Grabe des greisen Heldenkaisers. Dann setzte sich Kaiser Friedrich die Dornenkrone aufs Haupt, und Tropfen für Tropfen sahen wir das Blut rinnen über das blasse Märtyrerantlitz, bis die grausam bittere Tragödie ihren Abschluß fand in der stillen, grünumschatteten Friedenskirche zu Potsdam.
Heil Wilhelms II. jungstrotzender Kaiserkraft! Hei, wie sie sich in den Sattel schwang! Wie sie alle, auch die Widerspenstischsten in ihren Bann zwang, nach neuen wetterumleuchteten Zielen aufwärts!
Und hinweg mit dem pietätlos lächerlichen Groll, der mich Kinderlosen gegen das üppig sprossende Hohenzollernglück geplagt! Vier Buben, ei und das Sprossen am alten Königsstamme will noch lange kein Ende nehmen. — giebt es nicht zum Juli abermals ein neues Prinzenschießen?
Wie wäre es, wenn wir der egyptischen Komödie ein Ende machten und unserm Heimweh nachgäben und alles zum Alten kehrten? Nur die Nervosität vor dem Kanonendonner, die wollten wir im Wüstensande begraben.
Noch gab es ein Schwanken, als eines Tages ein abermaliges langes und stilles Umarmen stattfand zwischen zwei gewissen Leutchen. Nicht ganz stumm: — ein paar zögernd hingehauchte, bebend schämige Worte von den Lippen des jungen Weibes, das seine glühende Stirn an dem bärtigen Halse des Gatten barg ...
»Was?! — Nicht möglich! — Wirklich!? Ach, du Liebe, Liebe, Einzige!« Und ich in der Stube wie närrisch umherjubeln, und mich nicht mehr lassen können vor unbändiger Freude — wißt ihr, es ging nun ins siebente Jahr, daß wir vergeblich — »darauf« geharrt!
Es war am Mittag des 27. Juli, als ich, von der Anhalter Bahn kommend, mit meiner Droschke die Friedrichsstraße entlang fuhr; hatte ich es doch recht eilig gehabt mit meiner Heimfahrt. Plötzlich, im lärmenden Geräusch, hallte ein dumpfdröhnender Ton von fernher. Die Leute auf dem Trottoir hielten an und horchten — Fenster öffneten sich, über die Gesichter flog jener fröhliche Sonnenschein. Mein Kutscher wandte sich langsam herum, wies mit der Peitsche nach der Gegend des Kanonenhalles und meinte phlegmatisch wie sein Vorgänger damals: — »Wird wohl Numero fünfe sind!«
»Fahren Sie so fix als möglich!« rief ich dem Manne erregt zu. Als wenn sie zu schnell hintereinander knallen könnten und ich die Schwelle des Elternhauses nicht erreichte, ehe das Schießen zu Ende; — aber es würden wohl 101 Schüsse werden!