»Ich kann nicht! — ich darf nicht! — ich bin es meinem alten Vater schuldig! — genug, daß seine Tochter das Verbrechen — pardon! — das Verbrechen begangen! — und nun seine Enkelin — das ist zuviel! — Ich, ich zähle nicht — aber die Meinen! Ich hoffe auf eine Versöhnung — seit zwanzig Jahren — seit jenem unseligen Frankfurter Frieden harre ich darauf — es hieße diese Hoffnung kurz abschneiden — für immer ...«
Sie hob die zusammengefalteten Hände gegen das Antlitz und bedeckte die Augen mit den geöffneten Flächen. Abermals entfuhr ihr ein quälender Ächzton.
Er fühlte, daß es grausam wäre, sie jetzt in dieser Stunde mit weiteren Argumenten zu bedrängen. Sie würde sich beruhigen. Dergleichen Krisen kannte er, und er achtete sie. Hätte sie leichtsinniger und banaler das Los ihrer Verbannung tragen sollen, da sie sich doch aus freiem Entschluß in solche begeben? Hätte sie den dünnen Hoffnungsfaden, der sie an die Ihrigen und an ihr Vaterland band, mit einem trotzig herausfordernden Ruck zerreißen sollen? Achtung vor ihrer starken Heimatliebe, der wir Deutschen doch nacheifern sollten! Pietät vor dem bittern Kampf, den ihr Herz auszufechten im Begriff ist! — Übrigens, keine drohende Lebensfrage, die Liebe einer achtzehnjährigen Geheimratstochter zu einem jungen und stattlichen Hauptmann! — und er lieh diesem Troste sogar offenen Ausdruck in Form einer Selbstanklage:
»Wir hätten es freilich nicht so weit kommen lassen sollen. Wir waren blind. Ich sage wir — was sehen wir Väter zumal? Aber du, Leonie! Sahst du denn nicht? Musik ist stets gefährlich; auf solchem vierhändigen Tönespiel vergaukeln sich die Herzen. — Du hast überhaupt wohl nicht mit einem deutschen Mädchenherzen gerechnet? Bei euch giebt es keine sogenannte Mädchenliebe, nach euern Romançiers zu urteilen, ich weiß nicht. Du warst eine hochromantische Ausnahme. Sie ist eben die Tochter ihrer Mutter, sie hat von dir das französische Temperament. — Sie thut mir leid, er ebenso — sie lieben sich, diese leichtsinnigen Herrschaften? Es ist mehr als ein gesellschaftlicher Flirt. Daß ich so blind war, daß du mich nicht warntest! — Welch eine Überrumpelung, als Herr von Werthern sich vor einer Stunde bei mir anmelden ließ und in seiner famosen Art, die stets weiß, was sie will, um Mariots Hand bat! Keine Spur einer Besorgnis, daß er auf eine Weigerung stoßen könnte — die Siegesgewißheit seines militärischen Erfolges! Die beiden Leutchen sind eben einig —«
»Oh!« fuhr sie mit einem leisen Ton der Entrüstung auf.
»Bei euch in Frankreich, Léonie, gilt dergleichen als eine Ungeheuerlichkeit. Sie werden sich gestern abend auf dem Balle ausgesprochen haben; er gestand es selber.«
»Laß mich mit ihm reden, Adolf! Laß mich! Ich werde ihm alles erklären. Er ist loyal. Er wird mich verstehen — er wird — er muß —«
»Und Mariot? — Du kannst versichert sein, daß sie unter Thränen erklären wird, nicht leben zu wollen, wenn wir nicht .... Nun, auch das wird sich geben! Aber sei darauf gefaßt, sie hat ganz das Temperament ihrer Mutter. Verschworst du dich nicht auch desgleichen, damals?«
Er schwieg und begann von neuem auf und ab zu schreiten, ihre Gestalt und jede ihrer Bewegungen belauernd. Jetzt öffnete sich die Wolkenschleuse, dichte Schloßenmassen schütteten hernieder und schlugen mit scharfem Trommelgetön gegen die Scheiben; die ganze Luft von einem gewaltigen Rauschen erfüllt. Es war fast Nacht; das Reich gehörte den Kaminflammen. Doch achteten sie beide nicht des Unwetters. Ihre Arme waren mit gelösten Händen herabgesunken, das sah fast aus wie Ergebung, doch ihr Kopf schien sich um so energischer aufgeregt zu haben, und die Augen starrten wieder ins Feuer, ohne einen Wimperschlag. Ein rotglühender Schein übergoß Gestalt und Gesicht, die Umrisse des Kopfes hoben sich, von der Fensterseite gesehen, scharfgezeichnet gegen die Helle ab, ein eigenartig effektvolles Bildnis — hatte er dergleichen nicht schon einmal gesehen? Oh, es lebte in seinem Gedächtnis wie eingebrannt, jenes andre, seltsam Gleiche! Ihre Gestalt wie heute, von dem grellen Flammenschein überloht, dieselbe stolze Haltung, dasselbe Starren der wundervoll großen Augen. Nur, daß jener Schein dem brodelnden Glutrachen einer Lokomotivesse entfachte und daß, statt der Geborgenheit vor den Schloßen da draußen, wirbelnder Schneesturm des Winters von Anno 70 sie umbrandete, während er mit ihr auf der Lokomotive durch die Nacht daherfuhr ....
Ein Stück wildpoetischer Romantik in dem gewaltigen, männermordenden Drama des deutsch-französischen Krieges. Es war in jenen letzten Novembertagen, da der Kampf um den Besitz von Orleans tobte, das wichtige, strategische Bollwerk, an dem der Glaube an die Befreiung Frankreichs zäh angeklammert haftete, auch noch nach den Niederlagen von Beaune la Rolande und Loigny, die dem Vormarsch der Loire-Armee unter Aurelle de Paladines ein energisches Halt geboten und die zähen Verzweiflungsschlachten um Orleans am 2. und 5. Dezember einleiteten. Es war am Abend des 30. November, als der damalige Reservelieutenant in einem holsteinischen Regiment, von Wussow, den Auftrag erhielt, wichtige und eilige Ordres von seiten seines Korpskommandos nach den Vorposten zu befördern; da die Telegraphenleitungen gekappt waren und nicht spielten, und ein Depeschenritt durch das unsichere, von feindlichen Rächerbanden bedrohte Land nicht ratsam schien, so wurde eine Lokomotive zur Beförderung gewählt. Die Rekognoszierung hatte zwar eine Fahrbarkeit der betreffenden von Eisenbahnabteilungen wiederhergestellten Linie ergeben, doch mußte man auch hier auf rächerische Tücken seitens der Bevölkerung gefaßt sein; die Fahrt war um so mehr nicht ungefährlich, als man sie ohne die Sicherung durch Telegraphen und bei völliger Löschung der Lichtsignale ausführen mußte. Im Begriffe, auf den Bahnhof von P. mit seiner kleinen Eskorte von Mannschaften das Plateau der Lokomotive zu besteigen, wurde Lieutenant von Wussow von einer dunkel vermummten Dame angesprochen, deren Wunsch, mitzufahren, zuerst in dem scharftönenden Auszischeln des Maschinendampfes nicht sofort verstanden wurde.