Keine Antwort vom Kamin her; nur das wie zornig aufgeregte Prasselgetös der Flammen. Und er fuhr fort, die Stimme zu noch größerer Schonung zwingend: »Ich möchte nur in aller Ruhe rekapitulieren. Du sollst dich entscheiden, wann du willst, wie du willst — wir werden dir nicht grollen — wir begreifen — auch Mariot wird verstehen, wenn auch nicht gleich — sie wird deine Gegengründe langsam, allmählich fassen lernen, obgleich es schwer sein mag für ihr blutjunges Herz —«
Er meinte ein Stöhnen vom Kamin her zu vernehmen — wohl auch nur eine Wirkung der Flammen, als wenn menschliche Stimmen jammerten; hie und da gab es in dem jungen Holz plötzliche Explosionen, wie das Aufpuffen von Schüssen. Sie saß immer noch regungslos, in das Geloder starrend, nicht ein Wimperschlag; das, was lebte in ihrem Antlitz, war das Lichter- und Schattenspiel des Feuers. Vielleicht hörte sie nicht einmal?
»Léonie — ma chérie —«
Er trat an ihren Sessel heran, die Hand auf die Rückenlehne stützend. Eine plötzliche Dunkelheit verfinsterte den Raum, wohl eine mit Schloßen überladene Wolke, die aus Südwest herangejagt war, eine gewitterartig unheimliche Stimmung verbreitend; die Scheine und Lichter des Feuers zuckten und züngelten jetzt über die ganze Zimmerweite hin, die Kanten der Bilder und Möbel anfachend, und die vielen eleganten Sächelchen und Japonerien, welche die Liebhaberei der Französin auf allen Tischen und Konsolen angehäuft, mit glitzernden und funkelnden Reflexen belebend, bis in das kleine originelle Bibelot-Museum des Erkers hinein.
»Machst du mir einen Vorwurf, daß ich ihm überhaupt unser Haus öffnete?« begann er von neuem, »dem Sohn eines alten, liebwerten Kollegen, in dessen Elternhaus in Königsberg ich so viel Liebes genossen. Hätten wir bei unsrer weitreichenden Gastlichkeit ihm unsre Thür verschließen sollen? Gerade ihm — seiner Uniform, da wir andre bunte Röcke genug an unserm Tische sehen: — eine Berliner Geselligkeit ohne zweierlei Tuch, ich bitte dich! Du hattest dich daran gewöhnt, du warst und bist meine tapfre Leonie! Aber gerade ihn auszuschließen, der unter all der schneidigen Buntheit die Elite vorstellt, einen Generalstäbler in seinen Jahren! — Das verstehst du nicht so, aber ich versichere dich, er hat die glänzendste Zukunft, er wird Karriere machen — die alten Tüchtigen treten ab, den jungen Tüchtigen gehört die Bahn —«
»Ich achte ihn, ich ahne und schätze seine Tüchtigkeit —« erwiderte sie zögernd, mit ihrer vom geheimen Weh verschleierten Stimme, ohne den Kopf nach ihrem Gatten aufzuwenden, die Augen wie fasziniert von der Flammenhelle. »Ich habe ihn lieb, er ist mir so sympathisch wie irgend jemand von ihnen allen — ich — ich —«
Sie schüttelte die zusammengefalteten Hände, die sie nicht gelöst hatte, gegen das Feuer hin, daß die Ringe aufblitzten. »Ah!« entfuhr es ihr laut und ächzend, wie in einer Verzweiflung.
»Quäle dich nicht —« beruhigte er. »Ich versichere dich nochmals, wir verstehen! Alle begreifen wir es; niemand, der dir deinen Widerstand als Verbrechen anrechnet, niemand! — Mariot freilich — nein, aber auch sie, auch sie nicht!«
»Mein armes, armes Kind —« flüsterte sie dumpf. »Jetzt soll sie für das Verbrechen ihrer noch ärmeren Mama büßen — O Gott!«
»Wir wollen es nicht so tragisch nehmen. Das bischen Uniform — sollten wir nicht darüber hinwegkommen? Oder hast du dich verschworen, (er wollte es mit einem leichten Scherzton versuchen) sie, unsre Einzige, nur an einen Spanier, oder an einen Brasilianer, etwas, das möglichst wenig preußisch ist, wegzugeben, wenn dich das Preußentuch so empört —«