»Nein —« kam es über ihre Lippen, nur ein flüsternder Hauch.
Sie meinte das Wort laut hallen zu hören durch die Weite des Salons, und nun harrte sie, was darauf folgen würde, innerlich erbebend, während ihr Antlitz starr, ohne eine Spur der Erregung, auf die Flackerglut des Kaminfeuers gerichtet blieb.
Aber das prasselnde Getös dieses Feuers, von den durch den Schlot herabfauchenden Windstößen erregt, hatte das Wort verschlungen; im wütenden Ungestüm prallte der Sturm gegen die breiten Scheibenflächen des Erkervorbaues; irgendwo an der Außenseite girrte etwas Losgerissenes; auf dem Korridor schlug eine Thür donnernd ins Schloß: wie sich für uns mauervergrabene Städter der Frühling anzukündigen pflegt.
»Nein —« Der Mann, der den Raum in der Länge mit seinen wuchtig aufsetzenden Schritten maß, hatte das Wort nicht vernommen, so sehr der dicke Smyrna die Tritte dämpfte. Aber er wußte, daß es kommen würde, er fürchtete: — bedeutete es nicht wie einen Axthieb, der das Glück ihres Kindes jäh daniederschlagen würde? Denn gegen dieses »Nein,« gerade gegen dieses, gäbe es keinen Widerstand.
Er war ein Fünfziger, von straff aufrechter Haltung und bestimmt abgegrenzten Bewegungen; Gepräge und Ausdruck seines Gesichtes, der gepflegte und energische dunkelgraue Schnurrbart bei sonstiger Wangenglätte, das eigenartig anliegende und uniformsmäßig Zugeknöpfte seines Anzugs konnten auf den Militär schließen lassen; doch diese Augen schienen in dem Lampenschein nächtlicher Aktenarbeit erbleicht, es fehlte ihnen der falkenartige, scharf zufassende Blick, wie ihn beim Soldaten der stete Umgang mit vielen Menschen und die Notwendigkeit schnellen Entschlusses auszubilden pflegen.
Jedesmal, wenn der Wirkliche Geheime und Vortragende Rat von Wussow von dem Erker aus nach dem Kamin zuschritt, aus der wechselnden Tageshelle des stürmischen Aprilnachmittags nach dem durch die roten Huschlichter phantastisch erleuchteten Hintergrund, wobei er gewisse Umwege um einzelne der vielen in dem Raum verteilten Sessel machen mußte, ruhte sein sorgenvoll erwartender Blick auf der Gestalt seines Weibes. Es war wie ein erbarmendes Umhüllen: — oh, er hätte ihr das wohl ersparen mögen! Er wußte, was ihr Mutterherz litt und kämpfte in dieser Stunde. Er verstand das »nein,« das sich immer wieder bis zu ihren Lippen rang, um von neuem unterdrückt zu werden.
Es war die Rasse, die Herkunft, die Leidenschaft, der verhängnisvolle Drang der Umstände, die ihr die Weigerung auspreßten. Vergebens wehrte sich die andre Macht, die Mutterliebe, dagegen. Oh, wohl hätte er ihr den Auskampf dieses Zwiespalts ersparen mögen ... sie, die geborene Französin, die ihrem Gatten, dem Deutschen, dem von ihrer Nation heiß gehaßten Preußen, in die Ehe gefolgt war, sich selbst verbannend aus ihrem Vaterlande, von den Ihren mit dem Fluch völligen Schweigens belastet, zwanzig Jahre hindurch — sie also sollte ihr Jawort geben, daß ihre Tochter einen preußischen Offizier heiratete! Das war zuviel! Dagegen bäumte sich ihr Franzosenstolz. Nimmermehr! — Vieles hatte sie erduldet, manche geheime Demütigung um des geliebten Mannes willen. Aber ihr eignes Kind, das Blut ihres Blutes, an einen »prussien« in Uniform auszuliefern, die Wiederholung ihres eignen Verbrechens — nein, das nicht!
Sie saß auf einem Sessel vor der Mitte des Kamins, ihre Füße, die in ausgeschnittenen Lackschuhen staken, auf das vergoldete Bronzegitter gestemmt, die Arme flach über die Kniee gestreckt, mit gefalteten Händen; es war mehr als ein Falten, ein konvulsivisches Ineinanderklammern der länglichen Finger, der Ausdruck ihres innern Kampfes, ja wie ein Beschwören: man möchte Erbarmen mit ihr haben und ihr das verhängnisvolle »Nein« ersparen. Aber der Oberkörper ohne Anlehnung, hoch aufrecht, in seiner schlank-stolzen Haltung, die ihr zu eigen war, den Kopf unmerklich zur Seite geneigt, eine leichte und graziös erscheinende Milderung jener etwas an das Unnahbare gemahnenden Haltung. Die Glut flackerte über ihr Antlitz und belebte seine starre Verlorenheit. Es war ein feines Oval mit etwas nervös ausgeprägten Zügen, von einem großen Augenpaar beherrscht; graubraune Pupillen, jetzt unruhig erglänzend von der Erregung, wie von dem Wiederschein des Flammenspiels, im Schatten der langen, dichten, aufgebogenen Wimpern; die Lippen, ohnedies schmal und von energischer Zeichnung, fest eingepreßt, mit leicht herabgezogenen Winkeln, wo der Hauch eines für Rassefranzösinnen unerläßlichen Flaums angedeutet war. Ihr mattes, glanzloses Haar war in einem kunstlosen Knoten am Hinterkopf aufgeschlungen, mit einer reizvollen Schwere auf den Nacken herablastend; die in Scheitel geteilten Stirnbanden zeigten einzelne graue Fäden, den Tribut an ihre ungeleugneten Vierzig.
Jetzt blieb der Schreitende in der Mitte des Raumes halten und sagte in sanftgedämpftem Tone: »Du sollst dich frei entschließen, Leonie — deinem Herzen soll keine Gewalt angethan werden —«
Es geschah auf französisch, wie die Gatten oft, besonders in der Intimität häuslicher Sorgen, in dieser Sprache zu verkehren pflegten. Diesmal mochte deren Anwendung überdies noch eine Konzession an die Französin bedeuten: — würde das Opfer, das man von ihr verlangte, in rauhe, deutsche Barbarenworte gefaßt (Leonies scherzhafte Bezeichnung) nicht um so brutaler erscheinen?