Vierzehn Tage darauf, an einem Spätmorgen, trat der Geheimrat mit einem Zeitungsblatt in der Hand an seine Gattin heran, die auf einer Chaiselongue ruhte, lässig und müde in Journalen stöbernd. Die Balkonthüre stand auf, wohlig warme Luft strömte herein, die Straße lag geblendet im lachenden Frühlingssonnenschein, und der Reflex der goldig-grellen Lichtflut umspielte mit einer gewissen frohen Deutlichkeit die Gegenstände des Zimmers. Auf dem Balkon sonnten sich die Stubenpflanzen, die Palmenfächer glänzten in breitem Metallglanz, die Azaleen standen im leuchtenden Flor, helle Knospenpunkte schimmerten im jungen hellgrünen Laub. Doch Léonie hatte keine Freude an diesem Frühlingsweben; es lastete auf ihr wie ein schwerer Alp: nicht die Nähe des unseligen 10. Mai allein, die auch in anderen Jahren eine gewisse krankhafte Krise in ihr hervorrief, nein das dumpf anklagende Schmerzgefühl, daß sie sich ihren Lieben, dem Gatten wie dem Kinde, entfremdet durch ihr trotzig-beharrliches »Nein«, daß sie in ihrem eignen Hause eine Fremde geworden, als Französin geduldet unter den Preußen — ja so war es! Das schonende Benehmen täuschte sie nicht darüber hinweg. Oh, sie empfand sehr wohl, wie hinter jeder Liebkosung ihres Gatten der geheime Vorwurf lauerte. Hatte sie nicht wie erleichtert aufgeatmet, als Mariot, wie beschlossen wurde, nachdem man die Werbung des Freiherrn von Werthern in aller Form abgewiesen, zu ihrer Tante nach Schlesien abgereist war? Nun hatte sie nicht mehr die Anklage der großen, wie im geheimen Weh erstarrten Mädchenaugen zu bestehen. Hier galt es nicht eine jener flatternden Ballneigungen durch einen Thränenstrom wegzuschwemmen, nein, Wussow hatte recht, ein Blütenbaum war niedergehauen worden, da hilft kein tröstendes Anbinden und Aufrichten ....
Wegen einer Uniform! Fast war es zum Lachen. So sind wir von der hohen Civilisation; ein Vorurteil, ein Fetzen alter Tradition, eine Phrase, ein gelltönendes Wort: Revanche, Satisfaktion, Ehre, Standesbewußtsein, dergleichen vermag bestimmend in unser Schicksal einzugreifen; der rote Lappen des Frankfurter Friedens stachelt immer wieder von neuem den Preußenhaß unserer westlichen Nachbarn zum wütenden Koller auf.
Aber durfte sie anders handeln? Durfte sie ihrem alten Vater diese neue Schmach anthun? Ihm, der gerade jetzt, als die Beschickung der Berliner Ausstellung durch französische Künstler im Werk war, seinen chauvinistischen Warnruf in poetischen Trompetenworten à la Victor Hugo hatte erschallen lassen; da ihr älterer Bruder, ein Schlachten- und Revanchemaler von Ruf, als einer der ersten sich zu dem Gang à Berlin weigerte? Jetzt, gerade jetzt! — arme Mariot, deren Glück einer Verkettung politischer Zufälle zum Opfer fallen mußte! — daran klammerte sie sich zum Schutz gegen ihre Selbstanklage. —
»Léonie, ich wollte dich avertieren —« sagte der Geheimrat, »du sollst nicht überrascht werden. In der Zeitung steht eine gewisse Notiz —«
»Gieb her!«
»Du darfst nicht erschrecken — es handelt sich um deinen Vater —«
»Wieder einen seiner Ausfälle gegen euch Preußen? Gieb!«
»Nicht das. Dein Papa ist krank, er liegt auf Schloß La Mireille danieder.«
»Tot!« schnellte sie auf.
»Nicht das, armes Herz! Aber wir wollen auf alles gefaßt sein! — komm, laß dich nicht zu sehr alterieren.«