Aber wie in einem Zwang willenloser Suggestion erlahmte ihr Zögern, und sie war an das Bett herangetreten und hatte ihn begrüßt; das, was sie ihm wie den andern als Herrin des Hauses schuldig war. Stand sie nicht jetzt im Dienst der Barmherzigkeit, die keine nationalen Stachelzäune kennt? War sie ihm nicht zu Dankbarkeit verpflichtet? Denn was wäre aus La Mireille geworden, wenn ihr nicht die Fahrt hierher verstattet worden, und sie dann nicht durch ihre tapfere Haltung die Schätze des Schlosses vor den Vandalismen der barbarischen Soldateska, wie sie meinte, zu schützen vermocht? Heftig hatte der Kampf um La Mireille getobt, sie war nicht von ihrem Posten gewichen, ja einen Brand, der auf dem linken Flügel ausbrach und diesen einäscherte, hatte nicht am wenigsten ihre Energie einzuschränken gewußt.

Dieser Begegnung folgten andere, immer häufigere, besonders später, da der Verwundete in der Genesung war und sich im milden Sonnenschein der Touraine auf der Terrasse des Schlosses bewegen konnte. So sehr das »Nein« in ihrer Brust sich sträubte dagegen. Was geschah denn? Ein liebenswürdiger, ein hochgebildeter Mann, der das reichste Verständnis zeigte für die edle Geisteskultur ihres Vaterlandes, und der dessen Sprache in seltener Vollendung sprach — durchaus nichts von einem Barbar! An diesen schien sie erst erinnert zu werden, als er in seiner vollen Montur vor ihr stand, um Abschied zu nehmen. Er hatte sie wiederholt gebeten, mit ihr korrespondieren zu dürfen, jetzt wiederholte er die Bitte, nichts als diese, aber sie fühlten beide die stille Glut verhaltener Leidenschaft, das Weh des Abschiedes durch ihre Worte vibrieren. Sie fand abermals nicht die Kraft, das »Nein!« über ihre Lippen zu bringen, während doch ihre Augen, wider ihren Willen, so jakräftig erglänzten.

Das verbrecherische Geheimnis eines Briefwechsels zwischen einem Preußen und einer Französin, während gerade die Ihrigen, besonders ihr Vater, in dem Schmerz und der Entrüstung über den schreienden Hohn dieses Frankfurter Friedens patriotisch schwelgten! Oft genug war sie im Begriffe, die geheime Schmach dieser komplottartigen Verbindung mit einer jähen Entsagung abzuthun — vergeblich!

Da tauchte er plötzlich vor ihren erschrockenen Augen leibhaftig wieder auf. Es war zu Spaa, wo sich die Familie S. zur Kur befand. Er war gekommen, um von ihrem Vater nichts Geringeres als ihre Hand zu erbitten. Alles durfte er für diese Werbung in die Wagschale legen: seine stattliche Persönlichkeit, seinen Namen, sein Vermögen, seine bevorzugte Staatsstellung, die zu einer glänzenden Karriere berechtigte — aber auf der gegnerischen Schale nichts als die beiden Worte: »Frankfurter Friede,« die der Vater und berühmte Schriftsteller mit einer gewissen theatralischen Entrüstung zur Antwort einsetzte. Hiermit wäre wohl der Schluß dieses so romantisch begonnenen Abenteuers gegeben gewesen, wenn nicht im Winter darauf Herr S. selbst eine unerwartete Lösung herbeigeführt: eine blendende, reiche Partie, die er seiner Tochter, als eine feste Abmachung hinter ihrem Rücken, vorschlug und kraft seiner väterlichen Autorität aufzwingen wollte. Da geschah es, daß ein andres »Nein« sich in ihrem Herzen aufbäumte gegen solche Vergewaltigung. Das heilige Vaterland verzeihe ihr das Verbrechen, wenn sie in dieser grausamen Drängnis wankend wurde und sich dem geliebten Manne nunmehr auslieferte, allen Hassesvorurteilen zum Trotz. So lief also in den Dezembertagen von 1871, da jene Kämpfe um Orleans jährig wurden, eine Notiz durch die Boulevardblätter, die Tochter des Schriftstellers S. habe sich gegen den Willen der Ihrigen mit einem Prüssien ehelich verbunden. Welche Blasphemie! Die offenbare Kirchenschändung, begangen an dem Namen eines der patriotischsten Schriftsteller etc. etc.

Der Schritt bedeutete für sie die Verbannung; sie hatte seitdem die Ihren weder wiedergesehen, noch den Boden ihres Heimatlandes betreten. Zwischen ihr und jenen stand noch immer die Mauer des Frankfurter Friedens aufgerichtet. Und sie hoffte auf deren Fall, sei es, daß die Revanche sie im kühnen Wagemut eines Tages gewaltsam umstürzte, sei es, daß der Großmut des Siegers sie in reuiger Einkehr von selbst beseitigte, wie sie mit vielen ihrer Landsleute chimärisch beanspruchte. So hoffte und hoffte sie in ererbter französischer Selbstverblendung — »c’est plus fort que moi!« — man soll und muß ihr verzeihen! — auch Mariot! —

Jetzt öffnete sich die Flügelthüre, und Mariot erschien auf der Schwelle. Léonie’s schlankes, stolzes Ebenbild, doch von liebreizender Frische, mit freien, offenen, hellen Augen, den deutschen Augen ihres Vaters; auch der vollere Mund zeigte nicht die energische und strenge Verschlossenheit, die den Lippen ihrer Mutter solch herben Ausdruck verlieh. Jetzt war das Oval ihrer Wangen von fahler Blässe überhaucht, und ihre Augen hatten etwas angstvoll Gespanntes, als fürchteten sie, sich in Thränen zu verraten; ihre Lippen, aus denen die sonst blühende Farbe gewichen, atmeten halb geöffnet, in verhaltener Erregung.

Langsam näherte sie sich dem Kamin. Langsam erhob sich Léonie, nicht ohne daß ihre Hand sich tastend auf die Lehne des Sessels stützte. Dann ruhte der Kopf der Tochter stumm, in zitterndem Schweigen an der Schulter der Mutter.

»Wirst du mir verzeihen, mein Kind, mein armes Kind?«

»Mutter, wie du beschließest, so ist es — so ist es« — (ein kurzes Stocken, dann laut und fest:) »so ist es recht, Mutter!«

Die Mutter hatte die Frage in französischer Sprache gestellt; Mariots Antwort geschah auf deutsch. In Léonies Brust war es wie ein Zurückzucken. Deutsch — jetzt, in solcher Stunde! Wie hart, wie abweisend es klang, wie feindlich, trotz der Bedeutung der Worte! Als wenn sich ein zweiter Friede von Frankfurt plötzlich aufgerichtet zwischen ihrem Herzen und dem ihres Kindes. —