Los — ja los! Doch das Wort erwies sich als ohnmächtig gegen den Zauber solcher Erinnerung. Immer wieder tauchte das Bildnis ihrer Erscheinung, in den vibrierenden Glutmantel gehüllt, gaukelnd vor seinen Sinnen empor, auf dem Marsche, im Schneeschlamm der grundlosen Wege, im Bivouac, dem schlaf- und feuerlosen, jetzt, während des Gefechts — da schien es erst recht in seinem Element, wo die Hornsignale gellten, die Kugeln zischelten, die Erde unter dem Donner der Geschütze erbebte, und der Tod sich seiner reichen Ernte freute unter den stürmenden, vom beißenden Pulverqualm umwogten Kolonnen.

Plötzlich aber war es fort, mit jeder Dämmerung seines Bewußtseins getilgt. Als es dann wiederkehrte, nach einigen Tagen, hatte es die Gestalt eines gespenstischen Phantoms angenommen, das mit feurigen Flügeln vor ihm hereilte, da draußen im stöbernden Schnee, während er mit immer qualvollerer Sehnsucht die Lokomotive zur Eile spornte und das brüllende »Los! Los!« seines Wundfieberwahns ihn, zur Verzweiflung der Wärter, bis an die Grenze der Erschöpfung brachte. —

Der Schloßensturm hatte sich ausgetobt, und die Tageshelle rückte vom Erker aus wieder gegen den Kamin vor, dessen Glüheffekte dämpfend. Da hallte die Korridorglocke. Erschreckt fuhr Léonie aus ihrem brütenden Schweigen empor: »Ich bin für niemand zu sprechen!« rief sie. »Adolf, willst du dafür sorgen?«

»Es ist Mariot,« entgegnete er — »ich kenne ihre Art zu läuten, frisch, resolut wie ihr ganzes Wesen.« (Das letztere nicht unabsichtlich).

»Noch nicht!« rief Léonie, die flach übereinander gelegten Hände in flehender Gebärde zu ihrem Gatten erhoben. »Jetzt noch nicht! — ich möchte mich besinnen — ich will mich ...«

Und sie stockte, die Hände fielen herab, und ihre Augen wandten sich wieder dem Feuer zu, es war ein leidenschaftliches Auflodern darin, und zwischen den Brauen wetterten die kurzen, tiefen Furchen: ein abermaliges Aufbäumen der Französin in ihr. Mehr als das! In diesen Minuten flog mit blitzartigem Zickzack all das vor nun zwanzig Jahren Geschehene an ihr vorüber. Sie wiegte langsam den Kopf, und jetzt schüttelte sie ihn heftig: »Nein, ich kann nicht! Ich bin entschlossen! Ich durfte nicht wanken, auch das war ja schon sündhaft — — nein!«

Diesmal gellte das Wort laut durch den Saal. Es war der Axthieb, der in den jungen Blütenbaum gefahren. Der Geheimrat fühlte, daß es dagegen für ihn keinen Widerstand geben dürfte. Man sollte sie nicht quälen, gerade jetzt nicht, da der Mai heranrückte, der den Frankfurter Frieden gebracht. War es nicht jedesmal um diese Zeit, daß die alten Zweifel und Schmerzen, ja die geheim gärenden Reuegedanken in ihr mit oft erschreckender Gewalt wieder auflebten. Und sie sollte jetzt, gerade jetzt, ihre Zustimmung geben, daß die Enkelin ihres Vaters einen Preußen ... Nein! Es würde schon so bleiben müssen! »Armes Kind!« entfuhr es ihm unhörbar. Und lauter: »Beruhige dich nur, Léonie, ich werde mit Mariot alles besprechen —«

Dann saß sie, die Hände an die Augen pressend, wie gelähmt, und horchte auf den Klang seiner Stimme im Nebenraum, die berichtete, entschuldigte, in einen bedauernden, dann zärtlichen Ton fiel und schließlich ganz verstummte. Vergeblich wartete sie auf Mariots Antwort: — doch kein Ton ihrer Stimme. Kannte sie ihre Tochter denn nicht? Mußte sie nicht wissen, daß das Mädchen eine solche Nachricht mit stummem Stolze hinnehmen werde? — kein weichlicher Ausbruch der Verzweiflung! — nicht vor anderen!

»Nein« — Würde es unabwendbar, unverrückbar bleiben, dies grausame Wort? Hatte sich damals, vor zwanzig Jahren, nicht ein andres »Nein« dennoch in ein »Ja« verwandelt?

Nein! — jenes erste, das die Französin ausstieß gegen die stutzende Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, da sie an einem Dezembermorgen die in ein Lazarett verwandelten Säle ihres väterlichen Schlosses La Mireille durchschritt und auf einem der Lager, in der Reihe französischer Verwundeter, auf sein Antlitz stieß. Sie hatte es wohl erkannt. Wieder, wie in jener Nacht auf der Lokomotive, fühlte sie die Augen des Preußen auf sich gerichtet, jetzt leidensgroß, wie von dem Schreck einer fiebernden Vision geweitet, da auch er sie erkannt haben mußte. Welch ein tückischer Zufallskobold! Welch eine Brutalität romantischer Verkettung!