Bei dem Hause des Engländers angekommen, fanden wir eine scheunenartige große Hütte, in welcher mehrere Frauen damit beschäftigt waren, Kokosnüsse handelsfertig zu machen. In einer Ecke lagen die faserigen Nußhüllen, in einer andern fertige Copra, in einer dritten wurden die frischen Nußkerne geschnitten und zum Trocknen vorbereitet. Was wir hier über die Handelsverhältnisse erfuhren, war nicht sehr verlockend, weil die Sicherheit des Lebens der Fremden vorläufig noch eine sehr zweifelhafte ist. Die Eingeborenen sind passionirte Menschenfresser und stets auf Raubzügen begriffen, um sich das begehrte Menschenfleisch, Siegestrophäen und Sklaven zu verschaffen. Wenn nun auch ein fremder Händler, solange er nicht gegen die Gebräuche des Landes verstößt, was er unbewußt sehr leicht thun kann, im allgemeinen sein Leben für gesichert halten kann, weil die Eingeborenen gern handeln und lüstern nach europäischen Handelsartikeln sind, so ist sein Leben doch keinen Pfifferling werth, sobald einem andern Stamm ein Ueberfall auf das Dorf, in welchem er lebt, gelingen sollte, und dies kann jederzeit geschehen. Bewundernswerth ist es daher, daß sich immer wieder Leute finden, die verhältnißmäßig geringen Gelderwerbs wegen ihr Leben derart in die Schanze schlagen. Ob es mit der Zeit gelingen wird, hier für die Samoa-Inseln Plantagenarbeiter zu gewinnen, muß die Erfahrung lehren, eine schwierige Sache dabei bleibt aber immer die große Entfernung zwischen den beiden Inselgruppen und für Segelschiffe namentlich die ungünstigen Windverhältnisse.
Wir machten uns bald wieder auf den Rückweg, um auch noch einen Blick in das Dorf zu werfen, doch fanden wir an unserer Landungsstelle die Brandung so hoch geworden und das Einsteigen in die Boote bereits so gefährdet, daß ich mich zum sofortigen Verlassen des Landes entschloß, weil eine Zunahme des Seegangs noch zu erwarten war und bei weiter auffrischendem Winde auch die Lage des Schiffes mir gefährdet schien. Zwar hätte ich mich gern noch überzeugt, was die Ansammlung von vielleicht 200 bewaffneten Eingeborenen bei unsern andern Booten zu bedeuten habe, ließ mich aber durch die gefährliche Lage meiner Gig bestimmen, davon abzusehen, weil sich an den Booten selbst nichts Auffälliges zeigte und unser Schiff auch so nahe bei denselben lag, daß man von dessen erhöhtem Standpunkt aus mußte übersehen können, was an Land vorging. Der Consul und ich kamen mit etwas geschundenen Schienbeinen in das Boot, der Diener des Consuls aber, ein Marshall-Insulaner, kam schon nicht mehr hinein, sondern verschwand unter demselben und mußte schwimmend außerhalb der Brandung aufgenommen werden. Dem Offizier, welcher die beiden Kutter befehligte, rief ich dann zu, die Beurlaubten zu sofortiger Einschiffung zu veranlassen, was denn auch kurze Zeit darauf geschah, sodaß wir um 3½ Uhr schon wieder auf der Weiterreise waren, aber doch noch einmal stoppten, als von dem Punkt aus, wo die Hütte des Engländers liegen mußte, ein Kanu, in welchem sich zwei Leute befanden, von denen einer, wie durch das Fernrohr zu erkennen war, mit Hemd und schwarzem Filzhut bekleidet war, mit aller Macht auf uns zuruderte. Ich hielt es nicht für unmöglich, daß der Engländer vielleicht durch irgendeinen Umstand gefährdet worden sei und bei uns Schutz suchen wollte, hielt daher auf das Fahrzeug ab, sah aber bald, daß der Bekleidete auch ein Eingeborener war. Die Leute wollten nur einige Sachen zum Verkauf stellen, und da sie einmal den weiten Weg gemacht hatten, wartete ich so lange, bis sie ihre Sachen losgeworden waren. Ich erstand mir auch etwas, eine mit gelbem und rothem Stroh außerordentlich schön umflochtene Keule, einen in ähnlicher Arbeit ausgeführten kleinen Holzkamm, sowie einen reizenden kleinen Kakadu, wie sie nur auf den Salomons-Inseln vorkommen.
Die Salomons-Insulaner sind dafür bekannt, besonders feine Handarbeiten auszuführen, und die von mir gekauften Sachen bestätigten diesen Ruf. Speere, Pfeile, Armbänder aus Muscheln, und ein aus einer Muschel mit Schildkrotverzierung hergestelltes Stirnschild, welche sämmtlich von der Geschicklichkeit und dem guten Geschmack dieser Eingeborenen Zeugniß ablegten, besaß ich schon, die hier erworbenen Sachen übertrafen aber die letztgenannten noch an zierlicher, geschmackvoller und sauberer Ausführung. Der Kakadu ist dadurch merkwürdig, daß er wesentlich von den sonst vorkommenden Arten abweicht, einen besonders geformten Schopf, kleinen, scharf gebogenen weißen Schnabel, weiße Füße und auffallend weite Schwingen hat. Sein Gefieder ist außen schneeweiß, unter dem Schopf dagegen orangefarben und unter den Flügeln hellgelb. Die Augen sind tief braunroth und die feine Haut um die Augen hat eine hell-wasserblaue Farbe.
An dem auf unsern Besuch Savos folgenden Tage hörte ich, daß die Ansammlung der Eingeborenen bei unsern Booten doch eine ernstere Bedeutung gehabt hatte und ohne das entschlossene Eingreifen eines jungen Offiziers wahrscheinlich zu einem ernsten Conflict geführt haben würde. Einige der von unsern Schiffen an Land gegangenen Personen hatten auch das Tabu-Haus des Dorfes besucht und die dort ausgestellten Sachen besichtigt, von welchen einem der Unserigen ein besonders schöner Speer so gut gefiel, daß er ihn durchaus haben wollte. Als der Hüter des Hauses jedes Gebot unter dem Hinweis darauf, daß der Speer „Tabu“ sei, zurückwies, nahm der Mann trotz der ausdrücklichen Warnung seiner Begleiter dennoch den Speer an sich, indem er einige Stücke Taback als Gegenleistung auf den Boden warf, da der anwesende Eingeborene sich standhaft weigerte, irgendetwas entgegenzunehmen. Als die Unserigen sich nun mit dem Speer auf der Straße zeigten, gesellten sich gleich Eingeborene zu ihnen, welche wiederholt das Wort „Tabu“ hören ließen. Die Zahl der Eingeborenen wuchs und ihre Haltung wurde bald so drohend, daß der Speerträger es nunmehr doch gerathen fand, das Streitobject an seinen ursprünglichen Platz zurückzubringen und im Anschluß daran gleich unsere in der Nähe befindlichen Boote aufzusuchen, wo die andern Beurlaubten sich bereits zu deren Besteigung anschickten. Doch ehe sie dies ausführen konnten, waren sie plötzlich von bewaffneten Eingeborenen eingeschlossen, von denen einer in gebrochenem Englisch sagte: „Wir wollen den Mann haben, welcher den Speer gestohlen hat; wir müssen ihn tödten, weil er Tabu gebrochen hat.“ Gleichzeitig trat er vor und legte die Hand an den, welcher so unvorsichtig gewesen war, doch in demselben Augenblick sprang auch ein junger Offizier hinzu und versetzte dem Angreifer einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daß er taumelnd zur Seite fiel und die andern Eingeborenen im ersten Augenblick der Ueberraschung so weit zurückwichen, daß die Unserigen Gelegenheit fanden in die Boote zu springen, worauf die Eingeborenen keinen weitern Angriff wagten, sondern sich zurückzogen.
Daß mir von diesem Vorfall, welcher zeigt, wie streng die Eingeborenen an der Heiligkeit ihres Tabu festhalten und wie sie in ihrem Drang nach Rache weder unserer bewaffneten Boote noch des in allernächster Nähe liegenden Schiffes achteten, so spät erst Kenntniß gegeben wurde, bedaure ich deshalb lebhaft, weil ich sonst gleich dem Engländer anheimgegeben hätte, mit auf unser Schiff zu kommen und die Insel zu verlassen, da ich es nicht für unmöglich halte, daß die Eingeborenen, um den Bruch des Tabu zu sühnen, auf ihn als Opfer zurückgreifen, wenngleich andererseits aus dem Umstande, daß sie nur die Ueberlassung des Schuldigen forderten und keinen allgemeinen Angriff ausführten, gefolgert werden dürfte, daß sie einen Unschuldigen nicht zur Verantwortung ziehen werden. Nachträglich nach Savo zurückzukehren, hatte aber keinen Zweck, da die Gewaltthat, wenn sie überhaupt geschehen sein sollte, sich jedenfalls gleich nach unserer Abreise abgespielt hat und es mir unmöglich gewesen wäre, in der mir zur Verfügung stehenden Zeit die Wahrheit zu erfahren. Ist der Mord geschehen, dann würde ich bei unserer Rückkehr das Dorf verlassen gefunden haben und hätte bei einem Streifzug durch die dichtbewaldete Insel wahrscheinlich keinen andern Erfolg gehabt, als noch einige Menschenleben auf das Spiel zu setzen ohne etwas Wesentliches zu erreichen.
Die weitere Reise bis hierher zeichnete sich durch Einförmigkeit des regnerischen windstillen Wetters aus; nur unser Tisch fand eine kleine Abwechselung durch die mitgenommenen Buschhuhneier, wenn dieselben auch gerade keine besondere Delicatesse waren. Hart oder weich gekocht sind sie für unsern Gaumen überhaupt ungenießbar, und die einzige Form, in welcher das Gericht angenommen wurde, war die eines stark gepfefferten Rührei, aber auch in dieser genügten wenige Bissen der tiefrothen Speise zur vorläufigen Sättigung.
16. Januar vormittags.
Wegen des uns gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths habe ich während der Nacht einen Umweg gemacht und bin an der Südküste von Savai'i entlang gesegelt, um den dort stehenden Passatwind zu benutzen; derselbe brachte uns auch bis zur Ostspitze der Insel, starb aber dann in der Nähe des Landes ab, sodaß wir seit heute Morgen 5½ Uhr wieder unter Dampf sind. Dieser Umweg führte mich übrigens heute Morgen dicht an die kleine Insel Apolima, welche auch einer kurzen Erwähnung werth ist.
Die Kraterinsel Apolima.
(Der kleine Fels, welcher in der Zeichnung mit Absicht etwas zur Seite geschoben ist, um einen Einblick in den Krater zu gestatten, ist vor der Einfahrt liegend zu denken.)