Sie ist ein erloschener Krater, dessen Sohle noch etwas unter der Meeresoberfläche liegt und dessen Ränder sich 100-150 m über dieselbe erheben, jedoch an der Nordseite an einer Stelle einen Einschnitt bilden, durch welchen bei ruhiger See und Hochwasser auch größere Boote in den Krater und in die dort gebildete Lagune fahren können. Die Ufer der Lagune sind mit so üppigem Pflanzenwuchs bedeckt, daß eine große Zahl von Eingeborenen hier alles für sie zum Leben Nothwendige finden kann, wenn auch in der Regel hier nur etwa 100 Menschen leben. Die Insel hat nun für die hiesigen Verhältnisse insofern eine besondere Bedeutung, als die Samoaner sie für eine unüberwindliche Festung halten und ihr Besitz die Eingeborenen gegen fremde Forderungen oft trotziger macht, als sie es sonst wol sein würden. Sie gehört eigentlich zu der kleinen Insel Manono und hat diesem District von jeher in allen politischen Fragen ein gewisses Uebergewicht verliehen. Die Annahme ihrer Unüberwindlichkeit stützt sich darauf, daß Boote oder Kanus an den Außenrändern überhaupt nicht anlegen können, mit Ausnahme einer kleinen Stelle, wo dies aber auch nur bei ganz ruhiger See, welche sich in solcher Gestalt jährlich vielleicht einigemale zeigt, erfolgen kann. Eine Landung hier sichert aber auch noch keinen Erfolg, weil von dem Landungsplatz aus nur ein schmaler Fußpfad nach oben führt und so steil ansteigt, daß einige von oben heruntergeworfene große Steine genügen müssen, den Weg zu säubern oder frei zu halten.
Die Kraterinsel Apolima.
Der Wasserweg durch den Felseinschnitt in die Lagune ist für gewöhnlich nur den leichten Kanus offen, da, wie schon erwähnt, größere Boote hier auch nur bei ganz ruhiger See die Einfahrt wagen können und zum Ueberfluß der Kanal so schmal ist, daß zur Zeit nur ein Boot einlaufen kann und dieses von den hinter den Felsen in sicherer Deckung liegenden Schützen auf kürzeste Entfernungen ein so scharfes Feuer erhalten kann, daß kaum ein Mann den Versuch überstehen dürfte. Schließlich wird der Einschnitt noch durch einen im Meere liegenden Felsen derart gedeckt, daß dieser sich für ein außerhalb vorbeifahrendes Schiff als Schild vor den Einschnitt schiebt und das Schiff daher auch von dort aus keinen Gebrauch von seiner Artillerie machen kann; und hierauf sind die Samoaner ganz besonders stolz, weil bisher noch kein Schiff zwischen Insel und Fels hindurchgefahren ist und sie daher glauben, daß dies nicht möglich ist.
Dies alles war mir bekannt, als ich heute Morgen um die Ostspitze von Savai'i herumdampfend auf Apolima zulief, und deswegen kam mir wol der Gedanke, einmal zwischen Fels und Krater durchzusteuern, um den Samoanern den Glauben an die Unüberwindlichkeit ihrer Festung zu nehmen und mir damit vielleicht ein Druckmittel zur Beschleunigung des Vertragsschlusses zu verschaffen. Die Karte zeigt zwar eine genügende Wassertiefe, ich holte aber doch noch den Rath meines halbweißen Lootsen ein, auf dessen Angaben ich hier sicher bauen konnte. Er erklärte das Fahrwasser als ganz rein von Untiefen, und da die Entfernung zwischen Fels und Apolima auch ausreichend ist, um mit einem gut steuernden Schiff hindurchzufahren, so ließ ich die „Ariadne“ als erstes Schiff diesen Weg nehmen. Die hohe Dünung war mir allerdings etwas hinderlich und die Enden unserer Raaen kamen beim Schlingern des Schiffes in so bedenkliche Nähe der Kraterwände, daß ich nach der andern Seite hin dicht an den Fels bis auf 8 m Wassertiefe herandrehen mußte; doch war dies natürlich nur für einen Augenblick. Um sicher zu gehen, mußte ich das Schiff mit großer Geschwindigkeit durch die Enge laufen lassen, sodaß mir keine Zeit blieb, das Innere des Kraters genauer zu betrachten. Ich sah zur Seite und oben nur eine schwarze Felswand, unten starke Brandung; ein Lichtblick, wo sich dem Auge die ruhige Lagune mit Kokospalmen und Brotfruchtbäumen, Hütten, Kanus, Menschen und blauem Himmel zeigte; wieder eine dunkle schwarze Felswand und das Augenblicksbild lag hinter uns.
Noch heute Vormittag werden wir in Apia sein und ich bin sehr gespannt, wie sich unsere Angelegenheiten dort nun abwickeln werden; aber entschlossen bin ich, die Sache nunmehr zu einem Ende zu führen, sollte ich auch den gordischen Knoten mit dem Schwert durchhauen müssen.
Abends.
Bei unserer Ankunft hierselbst wurden mir zwei Ueberraschungen zutheil, eine sehr angenehme, nämlich unser Kanonenboot „Albatros“ hier vorzufinden, welches zur Verstärkung der Station vor zwei Tagen von Japan aus hier eingetroffen ist und uns die Freude macht, einmal wieder liebe altbekannte Gesichter sehen zu können, mir auch die Möglichkeit gibt, unsere Post von Levuka abholen zu lassen, da ich mit der „Ariadne“ zur Zeit Apia nicht verlassen kann, und wir doch seit vier Monaten ohne alle Nachrichten von der Heimat und Europa überhaupt sind. Die zweite Ueberraschung ist weniger angenehmer Natur und bedeutet wieder einmal innere Unruhen im Samoa-Reich. Die Tuamasanga (mittlerer District von Upolu) hat während unserer Abwesenheit im Verein mit Manono, und heimlich von dem größten Theil von Savai'i unterstützt, Malietoa den Aeltern, Oheim des letzten Königs gleichen Namens, nach Mulinu'u gebracht, ihn dort vor der versammelten Taimua als König ausgerufen und ihn trotz des Widerspruchs der Regierungsgewalten in Mulinu'u eingesetzt, wo er jetzt unter dem Schutz der Regierung lebt, da die Taimua sich nicht stark genug fühlt, den ihr von der Tuamasanga für den Fall der Ausweisung Malietoa's angedrohten Krieg aufzunehmen, obgleich sie sich auf die im letzten Krieg siegreiche und den Malietoas feindlich gesinnte Partei der Tupuas stützt.
Es bestehen nämlich hier zwei große sogenannte Königsparteien: die Anhänger der Familie Malietoa und die der Familie Tupua. Die letztere ist nach den Ueberlieferungen die ältere (tupu ist der samoanische Begriff für „König“) und glaubt das größere Anrecht an den Thron zu haben, wogegen die Familie Malietoa ihn während der letzten zwei Jahrhunderte, soweit eine derartige Zeitrechnung nach den mündlichen samoanischen Ueberlieferungen überhaupt möglich ist, im Besitz hatte. Die Malietoas entstammen übrigens auch der Familie Tupua. In alten Zeiten hat ein jüngerer Sproß dieser Familie die Samoa-Inseln von der Fremdherrschaft der Tonganer befreit, dafür von dem Volk den Namen „malietoa“, welcher gleichbedeutend mit „großer Held“ oder „starker Hort“ ist, erhalten und ihn von da ab als Familiennamen angenommen. Man sollte nun meinen, daß es gleichgültig sei, aus welcher der beiden Familien der König gewählt wird, wenn nur überhaupt eine Wahl dem Hader endlich ein Ende macht, dem ist aber nicht so, denn der Tupuas gibt es so viele, daß fast jedes Dorf den Thron für seinen Tupua in Anspruch nimmt. Dagegen haben die Malietoas den großen Vorzug, daß deren männliche Nachkommen nur noch in zwei Vertretern bestehen und diese sich geeinigt haben, da der frühere König die jetzige Wahl seines Oheims ebenfalls billigt. Doch ich will nicht weiter auf die innern samoanischen Verhältnisse eingehen, die für uns nur soweit Interesse haben, als sie unsere Vertragsangelegenheit berühren, in welcher Beziehung ein neuer König uns allerdings neue Schwierigkeiten machen könnte. Doch sind der Consul und ich dahin übereingekommen, daß wir die alte Regierung, welche immer noch am Ruder ist und den Malietoa nur als Scheinkönig unter sich duldet, als noch zu Recht bestehend ansehen und uns an die von ihr gegebenen bindenden Versprechungen halten.
Zu meiner großen Freude habe ich heute Abend noch gehört, daß hier am Lande unter den Eingeborenen eine hochgradige Aufregung darüber herrscht, daß unser Schiff durch die Enge bei Apolima gegangen ist. Die Samoaner sind deshalb sehr niedergeschlagen und sollen das Stichwort gegeben haben, daß ihre Festung durch uns ihre jungfräuliche Reinheit verloren hat. Ich denke, daß sich dies für unsere Angelegenheiten als nützlich erweisen wird.