Berathungshaus der Maori bei Wairoa.
Nachdem wir uns erfrischt hatten, war unsere erste Sorge, uns einen Führer und ein Boot für den nächsten Tag nach dem Roto-mahana zu sichern, da noch einige Fremde hier waren, welche ebenfalls an demselben Tage den See besuchen wollten. Wir konnten indeß nur noch eine Führerin, eine halbweiße junge Frau, erhalten, weil die beiden männlichen Führer bereits vergriffen waren, hatten dies aber nicht zu bereuen, da die Person sich als durchaus zuverlässig und ihrer Aufgabe gewachsen erwies.
Der Reiz von Wairoa liegt vorzugsweise in seiner Abgeschiedenheit und der erhabenen Ruhe der ganzen Umgebung. Am Fuße einer niedrigen bewaldeten Hügelkette gelegen, hat man von der Ansiedelung aus einen freien Ueberblick über den Tarawera-See und kann, auf der Veranda des Gasthauses sitzend, ungestört das allmähliche Schwinden des Tages genießen und nach Herzenslust träumen. Der südliche Sternenhimmel schaut auf uns hernieder und gemahnt uns an die Nachtruhe, um am nächsten Morgen in aller Frühe frisch den neuen Strapazen entgegengehen zu können. Doch da entsendet über uns aus einem offenen Fenster ein Flötenbläser seine seltsamen Weisen in die stille Nacht hinaus und bannt uns noch für eine Weile an unsern Platz. Ein merkwürdiger Zauber liegt in diesen Tönen in dieser Umgebung, und von wahrhaft ergreifender Wirkung müßten die über die Seefläche hinlaufenden Töne eines Hornes sein. Hätte ich vorher an diesen Umstand gedacht, dann hätte ich sicher unsern Kapellmeister, welcher ein vorzüglicher Cornettbläser ist, mitgenommen, um mir diesen zwar etwas kostspieligen aber einzigen Genuß zu verschaffen.
Morgens 6 Uhr verließen wir das Gasthaus und hatten etwa 10 Minuten bis zu der Stelle zu gehen, wo am Seeufer die Boote untergebracht sind. Die Partie wird nämlich so gemacht, daß man von Wairoa aus mit einem Boot einen großen Theil des Tarawera durchfährt, dann in einen flußähnlichen Wasserlauf, welcher den Tarawera-See mit dem Roto-mahana verbindet, einbiegt und in diesem bis zu den dicht am Roto-mahana liegenden Stromschnellen, welche ein weiteres Vordringen verbieten, fährt. Von hier aus muß man zu Fuß gehen.
Maori-Weib.
Unsere Führerin, welche ich noch nicht gesehen hatte, da sie von dem Consul angenommen worden war, machte einen guten Eindruck. Es war eine etwa zwanzigjährige hübsche junge Frau mit schönen großen, fragenden Augen, von hellbrauner Hautfarbe und vollen Formen, welcher der kurze nur eben über die Knie reichende schottische Rock und die bloßen Füße gut standen. Ebenso wie ihre Tracht derjenigen der Eingeborenen entsprach, hatte sie auch ihr Kinn nach Art der eingeborenen Frauen tätowirt, auch zierte ein schönes Schmuckstück aus dem nur auf Neu-Seeland vorkommenden halbdurchsichtigen grasgrünen Halbedelstein ihren bloßen Hals. Ein Plaid umschloß ihre Schultern, wie die hiesigen Eingeborenen es überhaupt lieben, sich als Bergschotten zu kleiden. Ihre gute Herkunft von väterlicher Seite gab die Erklärung für ihr gewähltes Englisch und ihre guten Umgangsformen, ohne daß sie etwas anderes sein wollte als die bezahlte Führerin. Das für uns bestimmte Boot wurde von vier eingeborenen Männern gerudert; der Consul, ich und unsere Führerin nahmen hinten Platz. Wir hatten zunächst dicht an dem Seeufer entlang ungefähr 6 km in östlicher Richtung zurückzulegen, bogen dann um ein vorspringendes Cap nach Süden und befanden uns nun in einer etwa 4 km langen und 1-2 km breiten, von hohen Ufern eingerahmten Straße. War es vorher schon frisch gewesen, so wurde es hier geradezu kalt und zwar so empfindlich, daß ich in meiner leichten Kleidung, welche ich für das spätere Marschiren angelegt hatte, ganz jämmerlich fror. Dies merkte auch Frau Margarate, wie ich unsere Führerin nennen will, denn sie sagte kurz zu mir: „Sie frieren!“ rückte, dem polynesischen Theil ihres Blutes folgend, dicht neben mich, nahm ihren Plaid von den Schultern und ehe ich ahnte, was sie eigentlich wollte, hatte sie ihren linken Arm um meinen Hals geschlungen, meinen Kopf an ihre warme Schulter gebettet und uns beide in den Plaid wieder eingehüllt. Behaglich warm war es an der Seite dieser sauber und nett angezogenen jungen Person, von der Umgebung bekam ich aber nicht mehr viel zu sehen, denn Margarate erzählte mir nun so vielerlei, daß ich mehr auf dieses und unwillkürlich auch auf das Pochen ihres Herzens, welches in regelmäßigen Schlägen an mein rechtes Ohr klopfte, achten mußte. (Ich führe dies übrigens nur als Beitrag zur Charakteristik der Südsee-Insulaner an.) Sie erzählte mir unter anderm, was mir auch sonst bestätigt wurde, daß ihr Vater ein reicher Mann sei, der Aufenthalt im elterlichen Hause für sie aber nach dem Tode ihrer Mutter und nachdem ihr Vater in zweiter Ehe eine Weiße geheirathet habe, unerträglich geworden sei, sodaß sie dem Drang ihres polynesischen Blutes nach Freiheit nachgebend das elterliche Haus mit Einwilligung ihres Vaters verlassen habe, um sich dem Stamme ihrer Mutter wieder anzuschließen. Sie lebe nun wieder als Maori-Frau, habe einen halbweißen Mann geheirathet und würde ganz glücklich sein, wenn ihre Ehe mit Kindern gesegnet wäre; auf dieses Glück müsse sie aber verzichten, weil die Ehen zwischen zwei Halbweißen stets kinderlos blieben.
Die Straße verlief in eine enge Schlucht, wo wir in den zwischen Felswänden eingekeilten Fluß einfuhren und nach Verlauf einer weitern Viertelstunde an dessen Ostufer landeten, um uns nunmehr auf unsere eigenen Füße zu verlassen. Wir hatten nicht weit zu gehen. Schon nach kurzer Zeit deuteten weiße Dämpfe auf halber Höhe der vor uns liegenden Hügel an, daß wir am Ziele seien, und gleich darauf lag auch der 1 km lange und ½ km breite Roto-mahana (der warme See) vor unsern Augen, klein und unscheinbar, mit trübem schmutzig-grünen Wasser und umgeben von niedrigen, theils nackten, theils nur mit niedrigem Buschwerk bedeckten Hügeln, von welchen allenthalben weiße Dämpfe emporstiegen. Dieses wenig anziehende Stück Erde birgt also das Sehenswertheste von Neu-Seeland, Wunder, zu welchen die Menschen jahraus jahrein hinströmen und sogar von Sydney aus hinkommen. Auch wir stehen jetzt vor einem solchen Wunder. Vorsichtig Frau Margarate folgend, gehen wir an dampfenden Pfützen von klarem Wasser und kleinen Gruben, in denen eine kalkartige Masse auf- und niederwallt, vorbei, überschreiten feuchte, durch Eisenoxyd geröthete Stellen, winden uns durch hohes, halbverdorrtes Gras und kommen endlich, nachdem wir (wie später festgestellt) 25 m hoch gestiegen waren, an einen brodelnden, über seinen Rand überlaufenden Brunnen. Wir wenden uns um und — ja die Landschaft ist reizlos, aber das, was zu unsern Füßen liegt, die weiße Sinterterrasse, ist großartig schön.