Die Weiße Sinter-Terrasse am Roto-mahana (Neuseeland).

In vielleicht zwanzig größern und gewiß ebenso viel oder mehr kleinern Terrassen erstreckt sich in einem Neigungswinkel von etwa 45° und bis zu einer Breite von über 50 m sich ausdehnend ein gar wunderbares Bauwerk bis zu dem Seeufer hin. Aus schneeigem Marmor scheint es geschaffen und von geübter Künstlerhand ausgearbeitet zu sein. Die einzelnen Terrassen bilden kurze und lange, breite und schmale, geradlinig, halbkreisförmig und oval geformte Becken mit breiten wulstigen Rändern und angefüllt mit köstlich blau gefärbtem Wasser. Und was dem Ganzen einen Hauptreiz verleiht, ist der matte weiche Farbenton der Sintergebilde, welcher so wunderbar absticht von dem glänzenden Spiegel der blauen Wasserfläche, den mit frischem Laub grün umsponnenen kleinen Felsrücken, welche an einzelnen Stellen zwischen die Terrassen geschoben sind, und dem theilweise roth gefärbten Boden der äußern Ränder. Die Sintergebilde erscheinen wie feine Filigranarbeit, und man kann es kaum fassen, wie es möglich ist, daß dieses riesige Bauwerk, diese 1 m dicken, oft 2 m hohen und bis zu 6 und 8 m langen Ränder und Wände der einzelnen Becken sich nur aus den kleinen Sintertropfen und Stäbchen zusammensetzen. Der vorher genannte Brunnen ist der eigentliche Bildner dieses Wunderwerks. Ein Geysir, wirft er unausgesetzt das von unten nachströmende dunkelgrüne Wasser aus, in welchem die zur Sinterbildung erforderlichen Kalksalze und nach Dr. von Hochstetter hier vornehmlich Kieselsäure enthalten sind. Siedend heiß strömt es über, füllt, himmelblaue Farbe annehmend, die obern Becken, läuft aus diesen über in die weiter unten gelegenen und kommt, sich allmählich abkühlend, unten im See mit einer Temperatur von vielleicht nur 20° C. an. So hat jedes Becken, von denen einzelne die Größe und Tiefe einer Badewanne haben, andere genügend groß sind, um mehrern Personen gleichzeitig ein Schwimmbad zu gestatten, einen verschiedenen Wärmegrad; oben hat man Siedehitze, in der Mitte ist es noch heiß und weiter unten lauwarm. Sehr verführerisch war es, in diesen schönen Becken und in dem durchsichtig blauen Wasser, für dessen Färbung ich keine Erklärung erhalten und finden konnte, ein Bad zu nehmen; mir wurde aber gesagt, daß das Bad in den Becken der andern Terrasse vorzuziehen sei und so beschied ich mich bis dahin.

Wir wanderten weiter, an verschiedenen merkwürdigen Quellen und Löchern vorbei, und kamen auch an das sogenannte Teufelsloch, eine unschuldig aussehende kleine dunkle Oeffnung im Erdboden, in welcher der hinterlistigste und verderblichste Ueberfall lauern soll, weshalb uns auch nicht gestattet wurde, zu nahe an das Loch heranzutreten. Stets ohne vorherige Warnung irgendeiner Art soll dieser Pfuhl plötzlich so große Massen kochend heißen Wassers und Schlammes ausspeien, daß alles in nächster Nähe befindliche Leben verbrüht, versengt und vernichtet wird. Wir machten, daß das Teufelsloch bald weit hinter uns lag, und bestiegen in der Mitte des östlichen Seeufers ein Kanu, das uns nach der andern Seite und nach der dort gelegenen rosafarbenen Sinterterasse bringen sollte. Sehr merkwürdig ist auf dieser kurzen Fahrt die häufig wechselnde Temperatur des Wassers, welche in dem ganzen See, je nachdem vom Boden aus heiße Quellen aufsteigen oder nicht, zwischen 15 und 40° schwanken soll. Wir umfuhren eine kleine Insel und vor uns lag in glitzerndem Sonnenschein unter dem blauen Himmel, oben und zu beiden Seiten eingerahmt von saftig grünen Hügeln, die 20 m hohe und etwa 30 m breite so duftig hellrosa überhauchte Terrasse, daß ich die Empfindung hatte, kaum je etwas Zarteres und dabei doch Großartigeres gesehen zu haben. Wir landeten am Fuß der Terrasse und hatten hier in der Nähe gleich wieder denselben unangenehmen Anblick wie bei der weißen Terrasse, daß kaum ein Fleck zu finden war, wo nicht die eitlen Besucher ihren höchst unnützen Namen mit Blei auf die zarten Wände gekritzelt hatten. Allerdings gab die unendliche Namenzahl einen Maßstab dafür, wie stark diese weit entlegenen Wunderwerke trotz der Kostspieligkeit der Reise doch besucht werden. Nachdem wir bis zu dem Brunnen, welcher die Terrasse speist, vorgedrungen waren und von dort den merkwürdigen Farbeneffect, welchen das blaue Wasser mit den rosafarbenen Umwandungen bildet, bewundert hatten, stiegen wir wieder hinab, der barfüßigen Frau Margarate folgend, welche leicht von Absatz zu Absatz sprang und ungefähr in halbe Höhe ein geeignetes Becken mit lauwarmem Wasser für unser Bad auswählte. Sie begab sich dann ganz hinunter zum Ufer, sodaß wir uns ungenirt entkleiden und ein höchst eigenartiges und schönes Schwimmbad nehmen konnten, nach welchem wir den Rückweg antraten, durch einen niedrigen Wald oder Busch zu unserm Boot und mit diesem nach Wairoa gelangten, von wo aus wir noch im Laufe des Nachmittags nach Ohinemutu zurückkehrten. Hier gelang es mir noch in dem Dorf der Eingeborenen aus einem Schutthaufen einige alte Schnitzereien auszugraben und zu erwerben, für welche ich dem Besitzer aber einen so hohen Preis zahlen mußte, daß ich denselben lieber verschweigen will.

Die rosafarbene Sinterterrasse am Roto-mahana.

Am 19. morgens verließen wir Ohinemutu und fanden den Wald nicht ganz so schön wie auf der Hinfahrt, weil stellenweise, wo wir den frischen Wind im Rücken hatten, der von unserm Wagen aufgewühlte Staub so fürchterlich war, daß wir vorzogen, den Wagen vorzuschicken und ein großes Stück zu Fuß zu gehen. Bei dieser Gelegenheit, nachdem wir etwa eine Stunde gegangen waren, begegneten wir auch der Postkutsche, welche sich schwerfällig bergauf bewegte und deren Insassen nebenhergingen, um den Thieren die Arbeit zu erleichtern. Die Kutsche und die Reisenden waren schon weit hinter uns, wir hatten schon mehrere Wegebiegungen passirt, da sahen wir noch zwei jedenfalls zur Post gehörige junge Damen am Waldesrand Blumen suchen. Leichtsinnig wie solche junge Damen sind, waren sie so weit zurückgeblieben, daß ihr Ruf hier mitten im Urwald weder die Mitreisenden, noch sonst irgendein menschliches Ohr hätte erreichen können. Wir sahen auch auf die Entfernung hin keineswegs vertrauenerweckend aus, waren so verstaubt, daß weder an unserer Kleidung noch an unsern schmutzigen Gesichtern jemand unsern Stand hätte errathen können; unser Wagen, welcher an der nächsten Pferdestation auf uns warten sollte, war uns so weit voraus, daß wir auch mit diesem nicht mehr in Verbindung gebracht werden konnten. Als die Damen uns erblickten, mußte ihnen daher die Gefahr klar werden, in welcher sie sich möglicherweise befanden, und sie wurde ihnen auch anscheinend klar. Sie gaben das Blumenpflücken auf und schienen anfänglich in dem Wald Schutz suchen zu wollen, wendeten sich aber doch wieder zur Straße und nahmen eine möglichst harmlose, furchtlose Haltung an. Als sie aber dicht bei uns waren und wir sie grüßten, weil der Consul in der einen eine Dame aus Auckland erkannte, welche erst nach diesem Gruß meinen Begleiter erkennen konnte, da half keine Heuchelei mehr. Die vorbrechende Freude in den Gesichtern der Damen war eine so ungekünstelte, daß diese klar zeigte, welche Angst sie vorher ausgestanden hatten.

Ohne weitere Abenteuer war ich nach Auckland heimgekehrt und stand am 20. nachmittags wohlbehalten wieder auf meinem Schiff.


Die vorstehenden Schilderungen über das Geysir-Gebiet in Neu-Seeland treffen zur Zeit nur noch in beschränktem Maße zu, weil der vulkanische Ausbruch des Berges Tarawera am 10. Juni 1886 sehr bedeutende Veränderungen in landschaftlicher Beziehung im Gefolge gehabt hat. Näheres siehe im Anhang S. [576].