Zuschauer und Spieler versammeln sich gleichzeitig. Bis der Tanz beginnt, verharren die letztern in ungezwungener Haltung, sprechen leise miteinander, und die Damen haben mit ihrem Putz und Schmuck zu thun. Ein leises Klatschen dient als Vorspiel und kündigt den Anfang an. Die Tänzerinnen bleiben noch in ihrer bequemen Haltung, die mittlere setzt bald mit einigen leise gesungenen Strophen mit ein, streckt sich dann etwas und deutet nun, ihren Gesang mit einigen Armbewegungen begleitend, mit den Händen leise das kommende Spiel an, indem sie dieselben in wagerechter Haltung bis zur Brust hebt, mit ihnen nach links und rechts so spielt, daß die Hände nach dem Takt der Musik leicht gehoben und wieder gesenkt werden und zwar im Dreivierteltakt. Geht das Spiel nach links, dann ist die rechte Hand an der linken Brust und die linke in entsprechender Entfernung weiter nach links, geht das Spiel nach rechts ist das Umgekehrte der Fall. Das Klatschen wird stärker, die andern Tänzerinnen greifen mit ein, die vorige Ruhe ist abgeschüttelt, alle sind voll Feuer und Leben. Der Gesang wird lauter, die Armbewegungen werden bestimmter, bleiben aber doch leicht und geschmeidig. Die Hände greifen weiter nach links und rechts hinüber, der Oberkörper folgt nach, bis die Hände leicht auf den Fußboden aufschlagen, wobei die Tänzerinnen den Kopf so weit gehoben halten, daß sie die Zuschauer noch ansehen. Dann richten sie sich im Takt auf und gehen in eine andere Figur über, die Arme sind so weit gehoben, daß die Ellenbogen in der Höhe der Brust und die Hände nach oben gerichtet sind. Die rechte Hand liegt in der Höhe der linken Schulter, die linke weiter nach links in der Höhe des Kopfes, dieser ist nach rechts gedreht und die Finger laufen geräuschlos und geschmeidig langsam an dem Daumen entlang, ähnlich wie wir ein Schnippchen schlagen, wobei ein passender Triller gesungen wird. Kopf und Hände wechseln mit einer schnellen Bewegung die Stellung, um nach der andern Seite dieselbe Figur auszuführen, und nach einmaliger Wiederholung schlagen die Hände wieder auf den Boden, sind in halber Höhe des Körpers und so fort.
Aus diesen drei Figuren setzt sich der Tanz zusammen und wirkt anfänglich bald ermüdend; weiß man aber erst, daß keine neuen Figuren kommen und wartet man daher nicht mehr auf solche, dann fängt man an, dem lebendigen Spiel der Glieder zu folgen, wie die Bewegungen ein langsameres oder beschleunigteres Tempo annehmen, wie die Haltung des Körpers wechselt und die Drehungen und Stellungen dem Auge fortgesetzt neue, schön gerundete Linien zeigen, und wird dann ebenso wie die Eingeborenen von dem Feuer der Darstellerinnen mit fortgerissen. Ich habe mich erst durch verschiedene Tänze durchlangweilen müssen, ehe ich Geschmack an denselben fand und verstehen lernte, worin der Reiz liegt, welcher dem Samoaner die Kraft gibt, diesem scheinbar einförmigen Spiel ganze Nächte zu opfern.
Zuweilen, wenn Darsteller und Zuschauer erst warm geworden sind, erhebt sich auch die Vortänzerin, um mit wenigen Schritten nach links und rechts gehend mit den Armen andere Bewegungen als die vorher beschriebenen zu machen. Doch sind die Mädchen dann auf fremdem Gebiet, das unförmliche Lava-lava paßt nicht zu leichten Bewegungen, sie werden ungraziös. Der Tanz im Stehen gehört in Samoa nur den Männern.
Wie schon vorher angedeutet, bereitete Sangapolutele mir am Vorabend unserer Abreise von Saluafata noch eine besondere Ueberraschung. Als ich abends zu Bill kam, um dort von meinen samoanischen Freunden Abschied zu nehmen, wurde mir eine Einladung des Häuptlings übermittelt, zu ihm zu kommen, weil er mir vor meiner Abreise noch einen altsamoanischen Tanz vorführen lassen wolle. Da sämmtliche Anwesende mitkommen wollten, um auch theilzuhaben an dem seltenen Schauspiel, so wurde Bill's Haus zugeschlossen und ich fuhr mit ihm und seiner Frau in einem großen Kanu nach Saluafata, um doch auch einmal eine solche Fahrt gemacht zu haben. Die andern wählten den Landweg, welcher mir bei der Dunkelheit etwas zu unbequem war.
Die Häuptlinge mit ihren Familien waren vollzählig in der für den Tanz ausgewählten Hütte (derselbe findet nicht im Faletele statt) anwesend, weil ihre Töchter alle mitwirkten; auch Mulitalo, ein hoher Häuptling von Savai'i, dessen Bekanntschaft ich in den letzten Tagen in Saluafata gemacht und der mir, als Zeichen seiner Freundschaft, ein großes ausgewachsenes Schwein geschenkt hatte, war unter den Zuschauern. Daß die Bewohner Saluafatas, groß und klein, alle zur Stelle waren, versteht sich von selbst. Wie mir gesagt wurde, sollen sich die Mädchen, welche doch schon etwas unter dem Einfluß der Missionare stehen, zu denjenigen Tänzen, welche zur Darstellung kommen sollten, nur noch bei besonders festlichen Gelegenheiten hergeben und auch nur dann, wenn keine Fremden als Zuschauer zugegen sind, im übrigen werden nur jungfräuliche Häuptlingstöchter zu denselben zugelassen. Unter den Darstellerinnen befanden sich Toëtele, Lolle, Loautele und noch zwei Mädchen, Va und Vau, Verwandte Sangapolutele's von außerhalb.
Der Tanz bewegte sich zunächst in dem gewöhnlichen Rahmen, und nach Verlauf einer Stunde benutzten die anwesenden Aeltern der Tänzerinnen eine Pause, um sich zurückzuziehen, indem Sangapolutele mir verdolmetschen ließ, daß die Mädchen beauftragt seien, mir nun noch einen Tanz vorzuführen, bei welchem nach der Samoa-Sitte deren Aeltern nicht zugegen sein dürften. Einer seiner Leute indeß, einer der von mir bei Beschreibung des Talolo als Narren bezeichneten Männer, sei beauftragt, das Ganze zu leiten, und dieser trat dann auch vor, um sich neben den Tänzerinnen aufzustellen. Nachdem die betreffenden Aeltern sich entfernt hatten, nahm der Tanz seinen Fortgang und zwar zunächst in der gewöhnlichen Art; dann trat Va, welche mit einem kleinen enganliegenden Zott-Lava-lava bekleidet war, vor und führte stehend in gefälligen zierlichen Bewegungen einige hübsche Figuren aus. Danach trat Vau, eine hohe, schlanke, wol eben erst voll entwickelte jugendliche Gestalt mit etwas verängstigtem Gesicht vor. Sie trug nur ein leichtes Kattun-Lava-lava und begann ihren Tanz mit ähnlichen Bewegungen wie Va, ihr Gesichtsausdruck wurde wieder natürlicher, ein angenehmer Zug umspielte das unschöne Gesicht, und als sie erst ihre Sicherheit wiedergewonnen hatte, blieb sie plötzlich mit emporgehobenen leicht gebogenen Armen vor uns stehen. Der Narr trat an sie heran, doch sie entschlüpfte ihm wieder mit einer reizenden, eleganten Bewegung, bis sie von neuem in der vorangegebenen Stellung stand und der Narr gleichzeitig an ihrem Lava-lava nestelte; dann drehte sie sich langsam einmal um sich selbst und stand wieder in derselben Haltung vor mir, während der Narr mit dem Lava-lava zur Seite trat. Noch einige Drehungen und Wendungen, dann erwachte sie scheinbar aus einem Traume und verschwand draußen in der Dunkelheit ohne wieder zurückzukehren. Ihr folgte Loautele mit einer ähnlichen Vorführung, die damit endigte, daß das Mädchen mich vor ihrem Verschwinden plötzlich einmal heiß an sich preßte.
Es war inzwischen sehr spät geworden und Zeit zum Aufbruch.
Ich verließ daher das Land und zwar mit der befriedigenden Gewißheit, einen samoanischen Originaltanz gesehen zu haben, welcher von der unschönen Nachahmung, die uns bei meinem ersten Besuch hier in Apia mit dem bezahlten Tanz vorgeführt worden war, doch sehr wesentlich abstach und zwar sowol durch die ruhige, gemessene und im Vergleich zu der Nachahmung immerhin geräuschlose Handlung, wie auch durch die edlern Formen, in welchen das Ganze geboten wurde.
Wir bestiegen Bill's Kanu wieder und ich freute mich auf die schöne Fahrt bis zu seinem Hause, da der volle Mond, welcher jetzt hoch am Himmel stand, den Hafen wunderbar schön beleuchtete. Niedrige Dünung lief über das Wasser und gab unserm Fahrzeug leichte wiegende Bewegungen. Da bemerkte Bill's Diener Tom, welcher das Kanu allein ruderte, daß an dem Ausleger etwas nicht in Ordnung sei, ehe er aber noch den Fehler feststellen konnte, löste sich der Baum bei einer etwas stärkern Bewegung des Fahrzeugs auch schon von seinen Haltern, das Kanu kenterte und wir lagen sämmtlich im Wasser. Ich tauche wieder an die Oberfläche auf und greife zuerst nach Uhr und Cigarrentasche, um diese, in einer Hand sie hoch über das Wasser haltend, gegen den verderblichen Einfluß des Seewassers zu sichern. Dann schaue ich mich um und sehe eins des lächerlichsten Bilder, welche mir je vor die Augen gekommen sind. Dicht bei mir sind die Köpfe von Bill und Sa, der erstere seine von mir als Geschenk erhaltene schöne Meerschaumpfeife als Werthvollstes und die letztere meinen Regenschirm über Wasser haltend. Frau Bill's Kopf sehe ich nur einen Augenblick, dann, wie bei einem Tümmler, ihren weißen Rücken (sie trug ein weißes Kleid), einen Augenblick ihre zappelnden Füße und sie ist wieder verschwunden; halb auf das gekenterte weiße Kanu geklettert, müht der schwarze Tom sich ab, dasselbe auf den Kiel zurückzubringen. Dann erscheint der Kopf von Frau Bill wieder, welche ängstlich nach mir fragt und nachdem sie mich entdeckt hat noch einmal verschwindet, worauf sie, als sie zum dritten mal auftaucht, ihre Schuhe als ihr Werthvollstes hoch über Wasser hält, die sie sich auf dem Meeresgrund ausgezogen hatte. Die gute Seele hatte mich bei ihrem ersten Auftauchen nicht gesehen, weil sie durch einen schweren Schlag, welchen sie von dem einen Halter des Auslegers auf den Kopf erhalten hatte, halb betäubt war, dachte daher zunächst nur an meine Rettung und tauchte wieder unter, um mich auf dem Grund zu suchen. Das Lächerlichste war nun, daß von unsern sämmtlichen Sachen nur mein Regenschirm trocken geblieben war, welchen Sa bei der Katastrophe gleich gefaßt hatte und mit dem sie so platt aufs Wasser gesprungen war, daß der hoch gehaltene Schirm nicht mit eintauchte. Andererseits hatte des Schicksals Tücke es gewollt, daß gerade am Tage vorher meine zweite Uhr, welche ich bei Ausflügen immer zu mir steckte, stehen geblieben war und ich heute meine gute Uhr mitnehmen mußte, welche natürlich so viel Seewasser geschluckt hatte, daß sie für den Rest der Reise unbrauchbar ist. Um das Kanu wieder in Ordnung zu bringen, schleppten wir es schwimmend an den Strand, und es muß ein wunderbares Bild gewesen sein, wie wir um das Kanu vertheilt mit der einen Hand dieses angefaßt und mit der andern unsere Kleinodien hoch haltend, in dem schönen Mondschein mit kräftigen Schwimmstößen dem Strande zusteuerten. Dort angelangt machte ich den Vorschlag, den Rest des Weges auf dem Lande zurückzulegen, welchem die Frauen und Tom sich nur mit Widerstreben fügten, weil sie sich vor dem Geist eines kürzlich auf der Albatros-Insel beerdigten Unteroffiziers von unserm Schiff, der an den Folgen eines in Auckland erhaltenen Fiebers gestorben war, fürchteten. Das Kanu wurde auf den Strand gezogen, um am nächsten Morgen erst wieder in Ordnung gebracht zu werden, und bald war ich bei meinem Boot und an Bord.
Am 15. d. M. morgens verließ ich Saluafata, um über Savai'i wieder nach Apia zurückzukehren, weil bisher noch keins unserer Schiffe diese Insel angelaufen hatte.