Da der Häuptling Mulitalo, welcher in Safune zu Hause ist, mich zu sich eingeladen und ich ihm vorher schon versprochen hatte, ihn von Saluafata aus mitzunehmen und in seinem Hafen abzusetzen, so wählte ich diesen Platz.
Sangapolutele, welcher auch in dieser Zeit nach Safune wollte, folgte ebenfalls meiner Einladung, für die Dauer der Ueberfahrt mein Gast zu sein, und Bill ging als Lootse und Dolmetscher mit. Sangapolutele, welchem ich am Abend vorher einen schönen Revolver als Andenken geschenkt hatte, brachte mir bei dieser Gelegenheit noch verschiedene Geschenke mit, unter welchen sich auch eine besonders große Kawawurzel befand, weil er glaubte, daß ich dieses Geschenk auch würdigen würde. Er hat allerdings darin recht, daß ich, wie ich früher auch schon angedeutet habe, das aromatische, leichtbittere Getränk, mit dem beißenden Geschmack auf der Zunge und dem leichten Brennen im Magen, schätzen gelernt habe, wie denn auch zu einem behaglichen Abendbesuch am Lande ein Kawatrunk mit gehörte. Erst wenn meine braunen Freundinnen mit der Bowle uns gegenübersaßen und das Getränk zurecht machten, zog ein gewisser häuslicher Friede in die Hütte ein, welchem sich eine außerordentlich wohlthuende Erschlaffung der Beine zugesellte, sobald man erst einige Becher Kawa getrunken hatte. Die Wirkung auf den menschlichen Organismus besteht in einer leichten, angenehm schmerzhaften Lähmung der Beinmuskeln, wobei man etwa dieselben Empfindungen hat, als wenn man nach einem ungewohnten Ritt oder anstrengenden Marsch im Bett die schmerzenden Glieder streckt. Es thut ja weh, aber so angenehm weh, daß man sich absichtlich immer wieder den leichten Schmerz durch erneutes Strecken bereitet. Magen und Kopf werden nicht in Mitleidenschaft gezogen, auch bleiben keinerlei Beschwerden zurück, wenn der Beinrausch nach ein bis zwei Stunden wieder verflogen ist.
An dieser Stelle will ich auch, ehe ich von Sangapolutele Abschied nehme, noch kurz erzählen, wie der Häuptling Recht spricht.
Es war einem Matrosen von uns auf dem Schiffe eine kleine hölzerne Tabackspfeife gestohlen worden und der Verdacht der Thäterschaft auf einen bestimmten Samoaner gefallen. Ich schickte den Bestohlenen mit einem Unteroffizier und einem Dolmetscher an Land zu Sangapolutele, welcher sich gleich bereit zeigte, den Fall zu untersuchen. Der Mann war bald ausfindig gemacht, die Pfeife wurde bei ihm gefunden und er gestand ohne weiteres den Diebstahl ein. Ein Faustschlag Sangapolutele's zwischen die Augen des Diebes, sodaß er betäubt zusammenbrach, war der erste Theil der Strafe, und nachmittags kam der Dieb von einem Häuptling geführt an Bord, um dem Matrosen, welcher seine Pfeife gleich am Vormittag zurückerhalten hatte, als Entschädigung ein mittelgroßes Schwein zu bringen. Hiermit aber nicht genug, war er auch noch für den Zeitraum von vier Wochen aus Saluafata verbannt worden, wie der Häuptling mir mitzutheilen beauftragt war.
Im Laufe des Nachmittags des 15. wurde in Safune geankert und ich versprach Mulitalo, ehe er an Land ging, für den folgenden Tag und die anschließende Nacht sein Gast zu sein. Dieser Tag brachte mir eine solche Fülle interessanter und zum Theil neuer Eindrücke, daß ich dem braven Mulitalo für seine Einladung und Gastfreundschaft aufrichtig dankbar bin.
Als ich vormittags an Land kam, mußte ich zunächst einen Rundgang durch die drei Districte von Safune machen, um die Häuptlinge zu besuchen. Die Stadt setzt sich nämlich aus drei voneinander unabhängigen Plätzen zusammen, über welche Mulitalo als Haupt des bedeutendsten aber doch eine gewisse Oberhoheit ausübt. Savai'i sucht nun einen gewissen Stolz darin, an den alten Gebräuchen festzuhalten, und es ist auch die einzige Insel, welche den alten für die Schrift angenommenen Dialekt noch rein spricht, dessen Hauptmerkmal darin besteht, daß er kein „k“ kennt, während die andern Inseln in der gewöhnlichen Umgangssprache kein „t“ gebrauchen, sondern dafür „k“ setzen. So heißt z. B. „Guten Tag“ in Savai'i und in der Schriftsprache talófa, bei den andern Samoanern kalófa; „ich danke“ fafatéi bezw. fafakéi. Die alte Samoa-Sitte verlangt nun auch, daß der Fremde nicht von selbst einen Besuch macht, sondern sich dazu auffordern läßt, wenn er an dem betreffenden Hause, wohin er möchte, vorbeigeht. So durfte auch ich nicht zu den Häuptlingen, welche mich erwartend und von ihren Familien umgeben in ihrem Faletele saßen, herantreten, sondern mußte gleichgültig thuend meines Weges ziehen, bis ich angerufen wurde. Als wir nun in die Nähe einer solchen Hütte kamen, trat ein Mann mit Rednerstock und Fliegenwedel an den Dachrand vor, musterte uns eine Weile und dann erst rief er uns mit lauter Stimme an. Wir mußten stehen bleiben, Fragen und Antworten wechselten miteinander ab, und als mein Dolmetscher zufriedenstellende Antwort gegeben hatte, wurde ich als Gast bewillkommnet, trat zur Hütte heran, während der Häuptling mir entgegenkam, und nahm unter den Anwesenden Platz, nachdem ich mit allen die Hand geschüttelt hatte. Darauf wurde mir als Erstes ein großer gekochter Fisch einer gewissen mir unbekannten Art vorgesetzt, worin die höchste Begrüßungsauszeichnung eines Fremden liegen soll, aber natürlich nur statthaben kann, wenn der Besuch vorher angemeldet ist, da die Fische nicht jeden Augenblick zu haben sind. Nachdem wir von dem Fisch gegessen hatten, wurde Kawa getrunken, und nach etwa einstündigem Aufenthalt zog ich weiter, um dasselbe bei dem nächsten Häuptling durchzumachen. Bei Mulitalo angelangt, wurden keine Umstände gemacht, er empfing mich mit seiner stattlichen Frau und zwei auffallend hübschen, elegant gewachsenen Töchtern von sehr heller Hautfarbe, die eine 19, die andere 17 Jahre alt, an der Thür seines großen, stark europäisirten Hauses und führte mich in sein Schlafzimmer, welches er mir abgetreten hatte. Neben einem breiten Bett mit Mosquitonetz fand ich noch einen Tisch mit zwei Stühlen und, was zunächst für mich das Beste war, ein Waschbecken mit einer Kanne frischen Quellwassers vor.
Nachdem ich mich frisch gekleidet hatte, setzten wir uns zum Essen an einen leidlich gut gedeckten Tisch. Waren Teller, Löffel, Messer und Gabel auch sehr einfach und etwas zusammengewürfelt, so waren sie doch da und sauber. Erst gab es Suppe und zwar eine, nach deren Genuß ich mich in spätern Jahren wol noch manches mal sehnen werde. Es war eigentlich nur zu dünnem Brei gekochtes Fleisch, zur Hälfte vom Schwein, zur andern Hälfte aus Tauben bestehend und mit mancherlei Gewürzen so schmackhaft gemacht, daß ich mir einen zweiten Teller voll geben ließ und nachher auf die andern Genüsse, welche in Tauben- und Schweinefleisch, Brotfrucht und Taro bestanden, verzichtete.
Nachmittags fand ein Talolo statt, welcher in seinen Grundzügen, was auch von der Kleidung gilt, dasselbe war wie in Saluafata und nur durch örtliche Verhältnisse bedingte Abweichungen zeigte. Denn während dort die Leute sich auf engen Waldwegen zum Festplatz begeben mußten und erst auf diesem sich sammeln konnten, steht ihnen hier eine lange breite Straße zur Verfügung, auf welcher der Zug sich in geschlossener, imposanter und malerischer Masse fortbewegen kann.
In weiter Ferne ertönt Getöse, eine hin- und herwogende Masse tritt vor den im Hintergrund liegenden Häusern in die Erscheinung. Ein Menschenstrom füllt die ganze Breite der Straße aus und wächst in der Tiefe immer mehr an. Das Getöse verwandelt sich in rhythmischen Gesang, einzelne Figuren lösen sich von dem Ganzen ab und erscheinen als Vortrab; die seitlichen sind dunkel, die in der Mitte hell; die schwarzen springen und tanzen, die hellen tänzeln und einige von ihnen bewegen sich wie Berauschte. Auch aus der Masse treten nun Figuren hervor, geputzte festesfreudige Menschen, welche nebeneinandergehend etwas zu tragen scheinen. Die Schwarzen sind jetzt deutlich zu erkennen, es sind die Buschmänner; die Hellen sind Mädchen, von denen die meisten eine feine Matte oder ein blendend weißes Zott-Lava-lava umhaben, die scheinbar Berauschten aber von den Hüften bis zu den Knöcheln mit vielen feinen Matten behängt sind, welche ihnen ein vornehmes Ansehen geben. Diese sind die Vortänzerinnen, sie sind nicht berauscht, ihre Bewegungen sehen auch nicht mehr so aus, im Gegentheil, mit graziösen Armbewegungen laufen sie, jedenfalls mit ganz schnellen kleinen Schritten, hin und her und sind in ihrer ganzen Erscheinung geradezu bezaubernd. Der Zug ist bei uns angelangt, der Vortrab schwenkt zur Seite ab, die Träger der Geschenke nahen sich mir in geschlossener Linie und legen erschreckend große Massen von Nahrungsmitteln, darunter viele lebende Schweine, vor mir nieder. Die Leute treten wieder zurück, alle setzen sich im Halbkreis auf den Boden, der Redner tritt vor, begrüßt mich und dann vertheilt sich das Volk wieder, nachdem ihm noch unter der Hand mitgetheilt ist, daß ich den Leuten die Geschenke überlasse und sie dieselben wieder abholen können, sobald wir uns zurückgezogen haben.
Am Abend versammelten wir uns in einem großen Hause, wo Tänze nach einem sehr reichen Programm zur Darstellung kamen, unter welchen sich auch Männertänze befanden, die ich bisher noch nicht gesehen hatte. Erst erschien eine Gruppe von Mädchen, dann eine zweite und eine dritte, welche alle die auch schon in Saluafata gesehenen Tänze in der Sitzstellung ausführten, aber doch in ihrem exacten Zusammenwirken und durch einzelne Feinheiten zeigten, daß der Tanz hier auf Savai'i mehr noch als eine edle Kunst angesehen und geübt wird. Angenehm fiel hier auch auf, daß hinter den tanzenden Mädchen kein anderes Publikum stand, welches doch immer störend wirkt. Als vierte Gruppe traten drei Mädchen auf, welche eigenartig in ihrem Anzug jedenfalls Waldgeister vorstellen wollten. Sie waren ganz in frisches Laub gekleidet und wichen in ihren Bewegungen vollständig von dem Gewohnten ab. Die in der Mitte sitzende kleine Häuptlingstochter, ein Mädchen von 14 oder 15 Jahren, welche ich früher schon in Apia auf unserm Schiffe gesehen hatte, schien die Erfinderin dieser neuen Figur zu sein, da sie mit einer außerordentlichen Sicherheit den Tanz leitete. Alle Bewegungen waren schnell und voll Feuer und bannten durch ihr fortwährend wechselndes Spiel das Auge des Zuschauers. Eigentlich hätten, wie mir gesagt wurde, diese Mädchen als Halsschmuck auf Savai'i vorkommende lebende rothe Schlangen haben müssen, doch hatten sie in der Kürze der Zeit keine mehr fangen können. Auf diese Gruppentänze folgten Einzeltänze junger Häuptlinge. Der Anzug derselben bestand eigentlich nur in ihrer Tätowirung und einer kleinen Schürze aus rothbraunen Blättern. Als Schmuck dienten Blumen oder ein grüner Kranz im Haar, ein Stirnband aus den früher genannten kleinen Muscheln oder aus Flittergold, ein Band um jeden Oberarm und unterhalb der Knie. Der Tanz, welcher in sitzender Stellung beginnt und stehend endet, wo dann noch zwei Männer hinzutreten, um das Bild abzurunden, gewährte mir großen Genuß. Die kraftvollen, jugendlich schönen Gestalten, der eigenartige Putz in Verbindung mit der Hautfarbe und der reichen Tätowirung, das Spiel der Muskeln und die lebendigen schönen Bewegungen vereinten sich zu einem sehenswerthen Ganzen.