Den Schluß bildeten Einzeltänze von drei Mädchen, die in Darstellung und Kleidung wieder ganz Neues boten. Namentlich die Kleidung war etwas so Vollendetes an reizendem Geschmack und mit so einfachen Mitteln hergestellt, daß ich sie näher beschreiben muß.

Die Tänzerinnen waren die beiden Töchter von Mulitalo, sowie ein Mädchen, welches einmal bei unsern frühern Aufenthalten in Apia unser Schiff besucht hatte, dann aber wieder spurlos verschwand, ohne daß es uns gelingen wollte, ihren Verbleib ausfindig zu machen. Daß wir nach ihr forschten, findet seine Erklärung in ihrer Erscheinung, welche so auffallend ist, daß jeder von unsern Herren sie gesehen hatte und die Bezeichnung „Königin der Nacht“, welche einer ihr gab, als zutreffend von allen angenommen wurde. Von mittelgroßem zierlichen Körperbau und tiefdunkler Hautfarbe, trug sie langes, bis auf die Hüften herunterhängendes schwarzes Haar und hatte zwei Augen im Kopfe, welche wie blitzende Sterne aus dem dunkeln Gesicht hervorleuchteten. Diese beherrschten auch in Verbindung mit den schönen Zähnen das keineswegs ideal geschnittene Gesicht so vollkommen, daß man nur sie sah und kaum den Blick von dem strahlenden Leben, welches von ihnen ausströmte, abwenden konnte.

Die jüngere Tochter Mulitalo's, eine Bajaderengestalt mit schmalen Hüften, kleinem Kopf und sonst edlen schlanken Körperformen, trat zuerst auf. Ihre Stirn umschloß ein schmales rothes Atlasband, das hinten geknüpft war und dessen lange Enden bis zu den Kniekehlen herunterreichten. Eine fest umgelegte Kette von erbsengroßen weißen Glasperlen umfaßte den schlanken Hals, und unter dieser Perlenkette lag eine von gleich großen rothen Beeren, welche sich hinten kreuzte, auf den halben Schultern wieder nach vorn kam und im Bogen bis auf die halbe Brust herunterreichte. Als Lava-lava diente ein sehr kurzer, aus einem schneeigen Handtuch gefertigter Schurz, welcher den Körper nur hinten bedeckte und vorn offen war, die Lücke vorn wurde durch eine kleine Schürze von rothbraunen schmalen Blättern ausgefüllt, welche in der Mitte lang, an den Seiten kurz waren und hinten in derselben Anordnung als Gürtel über den weißen Schurz fielen. Arme und Beine blieben ohne Schmuck. Der Tanz beschränkte sich auf leichte, mit vornehmer Ruhe ausgeführte Bewegungen und diente zweifellos nur dazu, die Schönheit der Formen zur Darstellung zu bringen.

Als zweite erschien die ältere Tochter, eine üppigere, aber auch durchaus feingegliederte Gestalt. Sie trug ein weißes Tuch um die Stirn geschlungen, aus dessen Mitte das eigene Haar kappenartig hervorstand; eine dünne Blumen- und Beerenkette umschloß den Hals und als Lava-lava diente hinten ein aus bunten kleinen Lappen zusammengeflicktes Stück Zeug mit darunter liegendem kleinen weißen Unterröckchen, vorn der kleine Blätterschurz. Der Tanz war ähnlich wie der vorhergegangene.

Während bei diesen beiden Mädchen die Kleidung andeutete, daß sie sich für den Zweck geputzt hatten, ihre Bewegungen vornehm ruhige waren, stellte die Königin der Nacht die unverfälschte Natur dar. Als Schmuck nur ihr langes, vorn etwas aufgethürmtes und im Nacken lose zusammengebundenes Haar, als Lava-lava hinten eine kleine feine Matte und vorn den kleinen Blätterschurz, welche eben nur den Mittelkörper bedecken; in ihren Bewegungen wild und leidenschaftlich, aber immer decent.

Als die Königin der Nacht auftrat, kam die jüngste Tochter Mulitalo's, welche auf der andern Seite ihres neben mir sitzenden Vaters gesessen hatte, zu mir und raunte mir, jedenfalls im Auftrage ihres Vaters, auf die Tänzerin deutend mit einigen englischen Worten etwas zu. Also auf dieses Mädchen, welches unserm ganzen Schiff die Köpfe verdreht hatte, war die Wahl gefallen. Ich war indeß gut, lehnte nach Beendigung der Festlichkeit jede weitere Unterhaltung ab und fand in Mulitalo's Bett erquickenden Schlaf. Am nächsten Morgen sprach Mulitalo mir seinen warmen Dank aus.

Gestern Morgen gaben wir den Samoanern noch ein Kriegsspiel nach europäischer Art und heute Morgen verließ ich Safune wieder. Mit der Schilderung samoanischer Art und samoanischen Lebens bin ich nun zu Ende. Meine Absicht war, ein Bild der merkwürdigen Vermischung von Sitte und Natürlichkeit, althergebrachten Formen und Formlosigkeit, Familienleben und Freiheit der einzelnen Mitglieder, der Tugenden und Fehler dieser Naturmenschen zu geben. Ob es mir gelungen ist, muß der Leser ermessen.

21. Mai 1879.

Gestern endlich ist unser Ablösungsschiff eingetroffen und so werden wir nun in den nächsten Tagen, sobald ich die Station meinem Nachfolger übergeben habe, die Heimreise antreten. Von Apia habe ich nicht mehr viel zu erzählen, Ruhestörungen sind bisjetzt keine vorgekommen und besondere Erlebnisse habe ich nicht mehr zu verzeichnen. Ich habe allerdings noch den 800 m hoch liegenden See Lauto besucht, die Partie ist aber nicht lohnend. Da ich nur einen Tag an dieselbe wenden wollte, so fand ich anfänglich keinen Führer; schließlich aber erklärte sich ein Halbweißer, der sich vorzugsweise mit Jagd auf verwilderte Schweine beschäftigt und von meiner Leistungsfähigkeit im Gehen gehört hatte, bereit, den Versuch mit mir zu machen. Diesmal schloß sich mir einer unserer Herren an, von dem ich wußte, daß er gut zu Fuß sei. Wir brachen morgens 6 Uhr auf und fanden einen sehr mühsamen Weg, da der letzte Orkan vom 8. März mit seiner Peripherie auch diesen Theil von Upolu gestreift und viele Baumstämme über einen großen Theil des Weges geworfen hatte. So mußten wir vielfach über diese vom Thau benäßten Verhaue hinüberklettern, was uns so aufhielt, daß wir statt um 12, erst um 2 Uhr oben bei dem See anlangten. Derselbe bietet an sich keine besondern landschaftlichen Reize, der Weg bis dorthin gar keine, weil er anhaltend unter dichtem Laub hinführt und keine Aussichten gewährt. Wir hätten aber doch noch rechtzeitig wieder in Apia eintreffen können, wenn unsere Gepäckträger mit uns gleichen Schritt gehalten hätten. Die Samoaner sind im Punkte des Marschirens aber keine Tahitier und trafen erst um 3 Uhr oben ein, sodaß es 4 Uhr geworden war, ehe wir gegessen hatten. Der Weg war bergab natürlich nicht besser wie bergauf, und so mußten wir, nachdem wir von 6-7 Uhr wegen der tiefen Dunkelheit nur langsam vorwärts gekommen waren, schließlich auf der Plantage eines Engländers, welche wir noch erreichten, um Nachtquartier bitten. Der See ist sehr viel kleiner als der auf Tahiti, soll 20 m tief sein und bietet auch nicht annähernd solche Naturschönheiten wie der Waihiria.