Am 17. v. M. morgens 3 Uhr wurde das flache Wasser vor der Torres-Straße angelothet, worauf ich wieder alle Segel beisetzen ließ. Gegen 9 Uhr vormittags kam Bramble-Cay, eine kleine von Felsen umgebene und mit spärlichem Graswuchs überzogene etwa 3 m hohe Sanddüne, welche als Marke für die Einfahrt in den Großen Nordost-Kanal der Straße benutzt wird, in Sicht und kurze Zeit darauf liefen wir bei steifem Wind in denselben ein.

Nach den unruhigen Bewegungen des Schiffes während der letzten Woche wurde es eine große Wohlthat für uns, nun auf einmal wieder gewissermaßen auf festem Boden zu stehen. Die ungefähr 140 Seemeilen lange und nahezu ebenso breite Straße, in welcher bisjetzt nur erst zwei Passagen ausgelothet und bekannt sind, die eine und zwar die am meisten befahrene dicht unter der Nordküste Australiens, die andere, „Großer Nordost-Kanal“ genannt, ziemlich in der Mitte zwischen den Küsten von Neu-Guinea und Australien, ist derart von Land und ringartig von Korallenriffen, hinter welchen wieder Hunderte von kleinen Inseln und Korallenbänken liegen, umschlossen, daß das nur 20-40 m tiefe Wasser in dem größten Theil und zwar auf eine Strecke von nahezu 100 Seemeilen von dem Wind kaum oder nur unbedeutend aufgewühlt werden kann. Das hellgrüne, ins Weißliche schimmernde Wasser war zwar über und über mit Schaumköpfen bedeckt, eigentlicher Seegang konnte aber nicht aufkommen. Die Breite des Nordost-Kanals wechselt zwischen 2 und 20 Seemeilen; kleine Inseln, deren man über 30 zählen kann und von welchen die meisten bewaldet sind, sowie kahle Sandbänke und Korallenriffe liegen zu beiden Seiten der Wasserstraße. Von Eingeborenen haben wir, obgleich mehrere der Inseln bewohnt sein sollen und wir stellenweise bis auf Steinwurfweite an dieselben herankamen, nichts gesehen.

Am Abend des 17. Juni mit Sonnenuntergang mußten wir ankern, da die Fahrt bei Nacht hier, ohne das Schiff zu gefährden, nicht möglich ist. Wir legten uns hinter die Rennel-Insel, welche sich ungefähr in der Mitte des Kanals befindet.

Das erste Tagesgrauen am nächsten Morgen sah uns wieder unter Segel, obgleich ein solcher Sturm wehte, daß ein hinter einer andern Insel liegendes großes Kauffahrteischiff es wol wegen seiner schwachen Besatzung nicht wagte, die vor uns liegende Strecke abzukreuzen. Diese Windverhältnisse verschafften uns aber einen interessanten Tag, denn wir mußten, um vorwärts zu kommen, so viel Segel führen, daß ich wiederholt für unsere Raaen fürchtete, und solches Segeln regt die Nerven an. Ueberdies wurde durch den starken Wind die Hitze so gemildert, daß man bei der vorwiegend kahlen und farblosen Umgebung — helles Wasser und gelbe Sand- oder Korallenbänke — kaum die Empfindung hatte, in der heißesten Breite unsers Erdballs zu sein. Nachmittags verließen wir den Nordost-Kanal, liefen in ein großes Wasserbecken ein, wo schon wieder ziemlich hohe See stand, und setzten den Curs auf die kleine etwas über 200 m hohe Mount-Ernest-Insel, hinter welcher ich für die Nacht ankern wollte. Beim Einlaufen in die von dem Ufer der Insel gebildete Bucht meldete unser Posten in der Vorbramsaling, daß auf einem hinter Bäumen gelegenen großen, weiß angestrichenen Hause eine Flagge wehe, und kurze Zeit darauf, daß die Flagge wieder eingezogen sei. In dem Dorf, welches sich dann vor unsern Blicken am Strande ausbreitete, ließ sich, trotzdem mehrere Kanus und auch ein größeres europäisches Boot auf dem Lande aufgeschleppt lagen, keine Menschenseele sehen. Das Ganze war verdächtig und wir hatten hier wahrscheinlich eine unter dem Befehl eines Weißen stehende Seeräuberbande, deren es in diesen weit abgelegenen Gewässern noch manche geben soll, vor uns. Die aufgezogene Flagge sollte uns jedenfalls anlocken, sobald man aber in uns ein Kriegsschiff erkannte, wurde die Flagge wieder beseitigt und die sämmtlichen Bewohner flüchteten wol in das unwirthliche Innere. Die schnell eintretende Dunkelheit verhinderte eine Recognoscirung noch an demselben Abend und am nächsten Morgen mußte der Versuch zu einer solchen aufgegeben werden, weil es gerade Ebbe und so niedriges Wasser war, daß es ohne größere Vorbereitungen, Herbeischaffung von Bretern, um auf diesen über die scharfzackigen Korallen und tiefen Wasserlachen an Land zu kommen, unmöglich war, auch nur wenige Schritte auf der von dem Ufer weit in die See vorspringenden Korallenbank vorzudringen. Bei näherer Ueberlegung mußte ich mir auch sagen, daß wenn die Leute sich wirklich in einem Schlupfwinkel versteckt hatten, ich mindestens mehrerer Tage zu ihrer Auffindung bedürfe, und zu solcher Zeitvergeudung fehlte mir auf eine bloße Vermuthung hin die Berechtigung, da ich die Rückreise mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln beschleunigen mußte, weil das Schiff gleich nach unserer Rückkehr mit anderer Besatzung eine neue Reise antreten sollte. So gab ich den Landungsversuch auf und setzte eine halbe Stunde später die Reise weiter fort.

Nachmittags 3 Uhr liefen wir in den nur eine Seemeile breiten Prince of Wales-Kanal ein, welcher im Norden, also zu unserer Rechten, von weit ausgedehnten mächtigen Korallenbänken, im Süden von hohen Inseln, Wednesday-, Thursday-, Friday-, Horn- und Goode-Island, sowie der großen Prince of Wales-Insel begrenzt wird, und kurz nach 4 Uhr steuerten wir mit der stolzen Fahrt von 12 Knoten zwischen den nördlich von Goode-Island gelegenen Riffen hindurch aus dem Stillen Ocean in die Arafura-See.

Abends 7 Uhr passirten wir die kleine Booby-Insel, welche dadurch interessant ist, daß sie seit vielen Jahren als Herberge für Schiffbrüchige dient und für die vorbeipassirenden Schiffe als selbstthätig arbeitendes Postamt wirkt. Wie die Engländer seit fast einem Jahrhundert in allen die Seefahrt betreffenden Fragen die Führung in Händen hatten und, stets auf das Wohl und Wehe der Seefahrer bedacht, aller Orten nach Möglichkeit dafür sorgten, diesen ihren schweren Beruf zu erleichtern und ihnen jedmögliches Hülfsmittel zur Verfügung zu stellen, so erkannte der Commandant des englischen Kriegsschiffes „Bramble“ im Jahre 1845, daß die unbewohnte, von dem nächsten bewohnten Lande über zwölf Seemeilen weit abliegende und von den Eingeborenen nie besuchte, wahrscheinlich auch gar nicht gekannte kleine Booby-Insel sowol ein vorzüglich gelegener Rückzugsplatz für schiffbrüchige Seeleute sei, wie auch dazu dienen könne, vorbeipassirenden Schiffen die Gelegenheit zu geben, von hier aus Briefe oder wichtige Nachrichten befördern zu lassen. Er hinterlegte daher in einer Höhle am Strande größere Mengen von Dauerproviant und errichtete einen Kasten mit der Aufschrift „Post-Office“, in welchem er auch ein Buch und Bleistifte zur Eintragung von Nachrichten zurückließ. Die englische Admiralität ließ dann auf den Karten bei der Insel die Bezeichnung „Post-Office“ hinzusetzen und seit der Zeit schicken die Schiffe, welche bei guter Tageszeit hier vorbeilaufen, ein Boot an Land, um unter den angesammelten Briefen und Nachrichten das, was sie weiterbefördern können, auszuwählen und die etwa inzwischen zusammengeschmolzenen Vorräthe wieder zu ergänzen.

Von Booby-Island aus wählte ich durch die Arafura-See einen Curs, auf welchem in der Karte noch keine Tiefenangaben stehen, und ließ alle vier Stunden das Loth werfen, um dadurch auch etwas zur Vervollständigung der Kenntniß dieses Meeres beizutragen.

Am 27. Juni sahen wir Timor, dessen SW-Spitze wir um Mittag passirten. Am 28. abends kam Sumba in Sicht, an welcher Insel wir während des 29. vorbeisegelten. Am 30. waren wir dicht unter der hohen Küste von Sombawa und am 1. d. M. nachmittags liefen wir in die zwischen den Inseln Lombock und Bali liegende Lombock-Straße ein, wo wir so starke Stromschnellen antrafen, verbunden mit hoher durcheinanderlaufender und sich überstürzender See, daß das große Schiff, obgleich wir unter Segel 7½ Knoten liefen, zuweilen weit aus seinem Curs geworfen wurde. Ich nahm daher die Maschinenkraft noch mit zu Hülfe und brachte unsere Geschwindigkeit auf 12 Knoten, um das Schiff besser im Steuer zu behalten und möglichst schnell aus dieser wegen ihrer Stromverhältnisse berüchtigten Straße hinauszukommen. Noch am Abend desselben Tages liefen wir in die Java-See ein und steuern seitdem an der Nordküste Javas entlang Batavia zu, wo ich morgen Vormittag einzutreffen hoffe, nachdem wir der günstigen Wetterverhältnisse wegen den heutigen Tag zur Abhaltung einer gefechtsmäßigen Schießübung benutzt haben.

Im Indischen Ocean, 16. Juli.

Jetzt, wo wir der Heimat wieder ein gutes Stück näher gerückt sind und mit vollen Segeln der afrikanischen Küste zueilen, will ich in Kürze die letzte Zeit hier zusammenfassen, denn viel von Batavia zu erzählen vermag ich nicht, da berufenere Federn hierüber schon so erschöpfend berichtet haben, daß ich schwerlich etwas Neues bringen könnte.