Als die Hauptmerkwürdigkeit von Djidda möchte ich es bezeichnen, daß unter den wenigen Europäern, welche sich überhaupt innerhalb seiner Mauern befinden, kein Deutscher ist; der einzige Platz dieser Art von allen, welche wir während der zweijährigen Reise angelaufen haben. Die Stadt selbst hat nur enge Straßen, mit hohen, thurmartigen Gebäuden, von welchen die am Hafen liegenden als Gasthäuser für die Pilger dienen und fürchterliche Brutstätten von Ungeziefer und Krankheiten sein sollen. Der Bazar, welcher die Länge einer Straße einnimmt, bietet nichts Hervorragendes, was zur Kauflust anregen könnte. Das Interessanteste sind die Passanten und unter diesen die phantastisch gekleideten, übermäßig mit Waffen behangenen und stets herausfordernd und frech um sich blickenden Beduinen. Einige vornehme Weiber, scheußlich gekleidet und vermummt und wie Enten daherwatschelnd, vermögen unsere Blicke nicht zu fesseln.

Zu großem Dank verpflichtet bin ich dem holländischen Consul, welcher Herr sich in der liebenswürdigsten Weise meiner annahm, mir bei Erledigung meiner Dienstgeschäfte behülflich war, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigte und mir, wie unsern Offizieren, in der gastfreiesten Weise sein Haus öffnete. Er wohnt natürlich auch in einem echt arabischen Hause, welches aus vier Stockwerken besteht und in jedem Stockwerk nur zwei Zimmer hat. Am Tage wohnt man unten, abends und in der Nacht oben.

Djidda hat als Festung natürlich auch eine türkische Besatzung und einen türkischen Pascha als Gouverneur. Diesem, einem vornehm aussehenden Manne mit hochblondem Haar und Bart, machte ich selbstverständlich meinen Besuch, wobei der holländische Consul auch so liebenswürdig war, mich zu begleiten. Ich wurde in türkisch gastfreier Weise empfangen, mußte Kaffee trinken, mancherlei Süßigkeiten essen, welche der Pascha mir mit zierlicher Handbewegung selbst in den Mund stopfte, und eine Cigarette rauchen. Bei dem Frühstück, welches der holländische Diplomat uns gab, concertirte unsere Kapelle, welche vorher dem Pascha ein Ständchen gebracht hatte, und lockte mit ihren Weisen die sämmtlichen weiblichen Bewohnerinnen der angrenzenden Häuser auf die Dächer, wodurch wir unbeabsichtigt in die Lage kamen, diese Damen durch ein Fernrohr betrachten zu können. Die meisten waren Negerinnen und alle häßlich.

Zu dem außerhalb der Stadt liegenden merkwürdigen Bauwerk, welches der Ueberlieferung nach das Grab unserer Urmutter Eva sein soll, wurde ich auch geführt. Die Dame soll so groß gewesen sein wie die ganze Stätte; Kopf und Füße sind durch niedrige querstehende Mauern innerhalb der Umfassungsmauer bezeichnet und über dem Schoß befindet sich ein gemauerter viereckiger, etwa 3 m im Geviert großer Kasten, über welchem sich ein kleiner Tempel wölbt. Die Größenverhältnisse der Eva würden nach diesen Angaben die folgenden gewesen sein: vom Kopf bis zum Schoß 120 und vom Schoß bis zu den Füßen 80 Schritte; eine etwas vertrackte Gestalt. Einer der im Tempel anwesenden Aufseher faßte meine Hand und steckte dieselbe durch eine kleine eiserne Thür in den Kasten, womit ich nach der Erklärung des Dolmetschers in den Schoß der Eva gefaßt hatte und dafür ein entsprechendes Trinkgeld bezahlen mußte. An der bei den Füßen befindlichen Mauer fanden wir mehrere Weiber vor, welche den dort bereits angenagelten roth gefärbten Läppchen auch ihre Opfergaben beifügten, um den ihnen bisher versagten Kindersegen dadurch zu erflehen.

Als wir von Eva's Grab zurückkehrten, war die Sonne bereits untergegangen und wir mußten nun den Weg durch das Mekkathor nehmen, weil die andern Thore bereits geschlossen waren. Hier begegneten wir einem Trupp nach Mekka ausziehender Pilger, welche ihre Reise stets mit Sonnenuntergang beginnen sollen. Es war ein langer bunter Zug, die Pilger auf Kamelen und die sie begleitenden Beduinen zu Pferde. Die türkischen und indischen Frauen in viereckigen, mit Gardinen verschlossenen Kasten, und merkwürdigerweise die sundanesischen Frauen offen und unverschleiert, wie sie auch in ihrer Heimat sich tragen.

Die wenigen Europäer in Djidda leben auf einem Vulkan und sind der fanatischen Bevölkerung gegenüber nie ihres Lebens sicher, ganz gewiß aber würden sie nie wieder zurückkehren, wenn sie bei ihren Spazierritten außerhalb der Stadt die ihnen gesteckte Grenze von etwa 5 km überschreiten wollten. Jenseit dieser Grenze würde der türkische Pascha sie nicht mehr schützen können.

Am 21. nachmittags 5 Uhr verließ ich Djidda wieder. Abends meldete mir der Arzt, daß ein Maschinistenmaat am Hitzschlag erkrankt sei, aber nicht infolge seines Dienstes an der Maschine, sondern durch Unvorsichtigkeit auf dem englischen Kohlendampfer, wo er das Gewicht der für uns verladenen Kohlen zu controliren hatte. Anstatt nur in seinem weißen Hemde dahin zu gehen, hatte er seine Uniformsjacke aus dickem Tuch angezogen und sich außerdem mit schwerem Bier bewirthen lassen. Da blieb es schließlich ein Glück, daß er nur mit einem Schreckschuß davonkam und am zweiten Tage wieder hergestellt war.

Am 26. morgens, eine Stunde nach Mitternacht, wurde vor Suez geankert und um 12 Uhr mittags, nach Erfüllung der erforderlichen Formalitäten, in den Suezkanal gedampft. Wir hatten das Glück, nur wenig Verkehr zu finden, sodaß wir schon am 27. nachmittags 5½ Uhr in Port-Said anlangten, welchen Hafen wir vorgestern Morgen wieder verlassen haben.

In der Jade, 30. September 1879 abends.

So sind wir denn am Ziel, in der Heimat. In wenigen Stunden werden wir wieder vor Wilhelmshaven liegen, das wir vor 697 Tagen, am 3. November 1877 verlassen haben. Die Reise von Port-Said bis hierher war ein Gemisch von Windstillen und uns ungünstigen Stürmen; Malta, Gibraltar und Plymouth haben wir noch angelaufen, aber nur zur Einnahme von Kohlen, sodaß unser Aufenthalt sich immer nur auf wenige Stunden, 19, 24 und 10, beschränkte.