Im Mittelmeer! Seit über drei Monaten eilen und hasten wir vorwärts, um das Endziel unserer zweijährigen Reise zu erreichen, das Ziel, welches nun schon so nahe vor uns liegt. Nirgends hatten wir Zeit, keine andere Aufgabe war uns mehr gestellt, als die, nach Hause zurückzukehren, und ihr, also der Seefahrt allein, galt neben der Erhaltung der Mannschaft in kriegstüchtiger Ausbildung und des Schiffes in kriegsbrauchbarem Zustande, unsere ganze Thätigkeit.
Am 11. August mittags ankerten wir vor Aden, welches wir schon am 12. nachmittags 4 Uhr wieder verließen, nachdem wir Kohlen, Proviant und Wasser eingenommen hatten. Dort fanden wir zu unserer freudigen Ueberraschung auch unser Kanonenboot „Nautilus“, welches sich auf der Reise nach den Samoa-Inseln befindet, zu Anker liegend vor. Die Freude wurde allerdings bald getrübt, als wir hörten, daß sein Commandant während der Fahrt durch das Rothe Meer gestorben war. Die Post brachte uns nur gute Nachrichten.
An Kriegsschiffen lag noch ein englisches Kanonenboot im Hafen, welches aus dem Rothen Meere hierher geflüchtet war, nachdem es durch Hitzschlag 1 Offizier und 3 Matrosen verloren hatte. Auch ein französisches Truppentransportschiff war 24 Stunden vor uns hier angekommen, dessen Commandant mich bei unserm Zusammentreffen gleich fragte, ob ich bei Ras-Hafun auch so starken Strom angetroffen hätte, denn er sei in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags 32 Seemeilen nach Osten versetzt worden. Es war mir eine gewisse Beruhigung, die Richtigkeit unserer Beobachtungen hierdurch bestätigt zu finden, denn wenn ich dieselben auch als zuverlässig betrachten mußte, so wollte mir das gefundene Resultat doch kaum glaubhaft erscheinen.
Den Vorschlag des commandirenden Offiziers vom „Nautilus“, die von ihnen aus Suez zur Bedienung der Feuer mitgebrachten Neger auch als Heizer für die Fahrt durch das Rothe Meer zu benutzen, lehnte ich ab, als er mir die allgemeine Ansicht über die geringe Leistungsfähigkeit dieser trägen Menschen bestätigen mußte. Ich konnte mich ja auch auf unser braves Maschinenpersonal verlassen und fand später die für die Fahrt durch das Rothe Meer getroffenen besondern Vorsichtsmaßregeln so ausreichend, daß wir sogar alle Kessel in Betrieb nehmen und mit Volldampf fahren konnten.
Ich habe die wenigen freien Stunden, welche mir in Aden blieben, natürlich auch dazu benutzt, den Platz oberflächlich zu besichtigen. Schön ist er nicht, aber sehenswerth. Ebenso aus fremdem Lande herausgebrochen wie Gibraltar, hat Aden auch sonst viel Aehnlichkeit mit diesem. Von ziemlich gleicher räumlicher Ausdehnung wie jenes spanische Cap, wird diese südlichste Spitze Arabiens ebenfalls durch hohe, hier hauptsächlich aus Kalkstein bestehenden Felsen gebildet, welche mit ihren steilen unwegsamen Wänden gewissermaßen aus der Ebene, in welcher sie stehen, herauswachsen. Die eigentliche Stadt ist von der Hafenstadt etwa 7 km entfernt, der Weg dahin liegt in der Ebene und windet sich zwischen den Felsen hindurch, deren Wände durch die vielen in ihnen befindlichen Löcher, in denen Affen wohnen und Vögel nisten, charakteristisch sind.
Die Stadt liegt in einer kleinen, nach der Landseite von Felsen umschlossenen, nach der Seeseite hin offenen Ebene. Ihre Hauptmerkwürdigkeit und Sehenswürdigkeit sind die großartigen Wasserwerke, welche aus großen Cisternen bestehen, die nebeneinander und terrassenförmig übereinander liegend, in den Fels gehauen und ausgemauert, das von den höher gelegenen Felswänden ablaufende Regenwasser auffangen. Welche Ausdehnung diese Anlage hat, geht vielleicht am besten aus der Angabe hervor, daß nur die Wiederherstellung dieser vor noch nicht langer Zeit erst entdeckten alten Bauwerke einen Kostenaufwand von 600000 Mark erfordert hat. Vordem waren die Einwohner von Aden, da Quell- oder Brunnenwasser nicht vorhanden ist, allein auf destillirtes Meerwasser angewiesen. Ein großer freier Platz bei der Stadt dient Marktzwecken und nimmt die ankommenden Karavanen auf. Er bietet trotz der weit vorgeschrittenen Tagesstunde ein geschäftiges, bewegtes Bild, aus welchem mich die auf der Erde kauernden, in langer gerader Linie schön ausgerichteten Kamele besonders interessiren, hauptsächlich wol, weil ich zufällig vor wenigen Tagen in Brehm's „Thierleben“ das Kapitel über diese Thiere gelesen hatte. Sie gehören jedenfalls sämmtlich einer Karavane an, welche erst vor kurzem eingetroffen sein muß, weil vor jedem Thier unter seinem Kopfe ein unberührtes Bündel Futter liegt und die Treiber noch mit den Waaren oder sonstwie beschäftigt sind. Daß diese dort kauernden, geduldig wartenden Thiere so gefräßig, bösartig und störrisch sein sollen, will mir nach dem sich hier darbietenden Anblick gar nicht in den Kopf. Keins von ihnen, die alle mit erhobenem Kopf nach ihren Wärtern ausschauen, rührt das jedenfalls wohlverdiente und ersehnte Futter an, sondern wartet geduldig, bis sein Wärter kommt und ihm das Futter mit den Händen reicht. Diejenigen, welche am längsten warten müssen, drehen wol den Kopf nach den bereits fressenden und dann nach ihrem Futterbündel zurück, aber keins rührt dieses an, sondern geduldet sich ergebungsvoll, bis es auch an die Reihe kommt.
Am 13. August liefen wir durch die Straße von Bab-el-Mandeb in das Rothe Meer ein, wo wir auch gleich die gefürchtete Hitze antrafen, am Tage 35° im Schatten, in den Nächten 32°, eine Temperatur, vor welcher im Interesse des Wohlbefindens der Besatzung alle Schranken der Schiffsetiquette fallen mußten. Exercitien und aufschiebbare Arbeiten wurden eingestellt, den Offizieren und der Mannschaft wurde das ganze mit einem Sonnenzelt geschützte Oberdeck zu freier Verfügung überlassen, sowol als Aufenthaltsort am Tage, wie als Schlafraum für die Nacht. Den luftigsten Raum, die Back, erhielten die Heizer, wo sie von dem leichten Wind umfächelt wurden und während der Nacht durch das Sonnenzelt doch auch gegen den Thau genügend geschützt waren. Der Dienst des Maschinenpersonals, welcher sonst in 4 Stunden Arbeit und 8 Stunden Ruhe zerfällt, wurde auf zwei Stunden Dienst und 4 Stunden Pause festgesetzt; regelmäßige Bäder nach Ablauf der zwei Dienststunden und ebenso regelmäßige Verabreichung von Getränken wurden streng eingehalten. Auch für die übrige Besatzung hielt ich die regelmäßige Verabreichung von Getränken für das beste Mittel zur Verhütung von Krankheitsanfällen, sodaß jedem Mann am Tage zweistündlich, während der Nacht vierstündlich je ein Viertelliter Wasser verabreicht wurde, um die durch Schweiß erfolgte Abgabe aus dem Blut zu ersetzen. So tyrannisch ein solches Verfahren erwachsenen Menschen gegenüber erscheinen mag, so begründet ist dasselbe doch durch die Erfahrung. Es gibt in den Tropen kaum etwas, was mehr erschlafft und größeres Unbehagen im Gefolge hat, als das unmäßige Trinken des lauwarmen Wassers, und trotzdem ist unter den jüngern, weniger erfahrenen Männern kaum einer, welcher seinen nagenden Durst soweit beherrschen kann, daß er nur mit Maß trinkt. Derjenige Arzt, welcher nicht aus langjähriger eigener Erfahrung urtheilen kann, und das ist oft der Fall, verordnet dann Limonade aus Wasser und Rum; der erfahrene Seeoffizier gibt nur Wasser, aber oft und immer wenig. Ob wir den vorzüglichen Gesundheitszustand und die verhältnißmäßige Frische der Besatzung während der Fahrt durch das Rothe Meer allein diesen Anordnungen zu danken haben, wird allerdings schwer zu entscheiden sein; aber Thatsache bleibt es, daß mit einer Ausnahme, welche ich noch anführen werde, kein Krankheitsfall oder selbst nur Schwächeanfall vorgekommen ist.
Am 19. August in der Nähe von Djidda angelangt, entschloß ich mich, diesen Hafen zur Auffüllung von Kohlen anzulaufen, weil es mir zweifelhaft erschien, ob wir mit dem uns verbliebenen Rest bis Port-Said kommen würden. Am 20. mittags erhielten wir einen Lootsen, mit dessen Hülfe wir durch die vor Djidda liegenden Korallenriffe steuerten und um 2 Uhr in dem Hafen ankerten.
Größere Contraste, wie sie sich hier dem Auge bieten, werden sich kaum finden lassen. Im Vordergrund innerhalb der Korallenriffe, welche den Hafen bilden und das hellgrüne Wasser desselben von dem tiefblauen des offenen Meeres scheiden, viele Schiffe, europäische Dampfer und Segler von den größten bis zu den kleinsten und eine Unzahl von Booten, welche den Hafen beleben. Am Lande die von einem etwa 15 km von der Küste abliegenden rothbraunen Höhenzug begrenzte rothbraune Wüste ohne Pflanzenwuchs, ohne Wohnstätten und Menschen mit Ausnahme der am Hafen liegenden echt arabischen Stadt, welche nur einen viereckigen Raum von weniger als 1000 m Länge nach jeder Seite hin einnimmt. Eine mit befestigten Thürmen verzierte hohe Mauer umschließt eng die Stadt, welcher zierliche Minarets und hohe Häuser mit vergitterten Fenstern, vielfachen Zierathen und platten Dächern das ihr eigenthümliche Gepräge geben. Ein merkwürdiges, von einer langen, niedrigen, weißen Mauer umschlossenes Bauwerk liegt außerhalb der Stadtmauer, aber in ihrer unmittelbaren Nähe.
Djidda ist wol der wichtigste der wenigen Häfen an der langen arabischen Küste, welcher zumal in seiner Eigenschaft als Hafenstadt von Mekka eine hervorragende Bedeutung hat, da die Zahl der jährlich hier durchpassirenden Mekka-Pilger, die sogar von Indien, den Sunda-Inseln und Borneo kommen, bis an 200000 betragen soll. Aus diesem Grunde haben es auch England, Frankreich und Holland für erforderlich erachtet, diplomatische Consuln hierher zu setzen, welche wol weniger die Aufgabe haben dürften, die Interessen der zu ihren Ländern gehörigen Pilger wahrzunehmen, als dieselben zu beaufsichtigen, denn Mekka ist der Ort, wo die Mohammedaner aller Himmelsstriche die Mittel und Wege erwägen, wie sie das Joch der Christen wieder abschütteln können.