Im Golf von Aden, 10. August 1879.

Erhaben ernst schaut die todte rothbraune Nordküste des Somalilandes auf uns hernieder, und ernst sind wol die Gedanken der meisten von uns. Sind wir doch nicht mehr fern von Aden, wo wir nach fünf Monaten wieder die ersten Briefe und jedenfalls solche neuern Datums erhalten werden. Wenn dieselben uns hoffentlich auch nur frohe Botschaft bringen, so ist doch auch das Gegentheil nicht ausgeschlossen; hat doch wol schon jeder von uns bei ähnlicher Gelegenheit vor den Thoren der Heimat Tiefernstes selbst erfahren oder an andern miterlebt. Auch die uns umgebende Scenerie wirkt in ihrer großartigen Ruhe und wunderbaren Farbenzusammenstellung ganz eigenartig auf das Gemüth. Früh ist es noch am Tage, niedrig steht die Sonne, deren heiße Strahlen das Land noch nicht in ein flimmerndes Dunstkleid hüllen. Selten klar ist die Luft, durchsichtig blau der Aether, tiefblau das Meer und rothbraun das Gebirgsland, auf dessen weitem Gelände wir nur eine einzige arabische Wohnstätte entdecken können, welche, festungsartig von Mauern umgeben, uns in ihrem blendenden weißen Anstrich wie ein Edelstein aus der todten Umgebung entgegenleuchtet. Kein Hauch bewegt die Luft und das Meer, kein Leben hier und dort, kein Baum, kein Strauch am Lande, kein Schiff, kein Vogel auf dem Wasser, Stille rings um uns her, soweit das Auge schaut.

Als wir am 6. August nach unsern Berechnungen so nahe an die afrikanische Küste gekommen waren, daß wir bald den von Süden, vom Cap der Guten Hoffnung kommenden kalten Nordstrom treffen mußten, machte ich den Versuch, uns von der Annäherung an die afrikanische Küste in der Weise durch den Thermometer zu überzeugen, daß wir durch Messung der Temperatur des Wassers den Eintritt in die Stromgrenze festzustellen suchten. Die Küste bei Ras-Hafun ist gefährlich und hat schon manches Schiff verschlungen, weil sie am Tage in der Regel in Dunst oder leichten Nebel gehüllt nur auf 3-4 Seemeilen Entfernung zu sehen ist, das Loth bei den großen Wassertiefen nur in allernächster Nähe der Küste wirklich von Nutzen ist und die Meeresströmungen hier so unregelmäßige sind, daß sie die Sicherheit der Ortsbestimmung des Schiffes in hohem Grade beeinträchtigen. Weiß man aber erst, daß man sich überhaupt schon in der Nähe der Küste befindet, dann kann man mit einiger Vorsicht jede Gefahr ziemlich sicher vermeiden. Die Segelanweisungen deuten allerdings nicht an, daß man den kalten Strom zu dem angegebenen Zweck benutzen kann, weshalb ich nur geringes Vertrauen zu dem Versuch hatte, um so überraschender war der Erfolg.

Im Laufe des Tages, des 7., fiel die Wassertemperatur von 26° C. bis auf 24,5°, der kalte Strom machte sich also schon bemerklich; am 8. aber fiel sie weiter bis auf 16,7°, wahrlich ein kaum glaublicher Wärmegrad auf 10° Nordbreite, nachdem das Wasser bereits von 34° Süd an fast den ganzen Tropengürtel, jedenfalls an 2000 Seemeilen innerhalb der Tropen, durchlaufen hatte. Sobald wir in der Mitte der breiten Meeresströmung angekommen waren, hätten wir allerdings der Messung der Wasserwärme nicht mehr bedurft, denn die Abkühlung der Luft war hier eine derartige, daß wir warme Kleider anlegen mußten und ich der Mannschaft während der Nacht heißen Kaffee geben ließ, um sie vor Erkrankung zu schützen. Welchen Temperaturschwankungen wir ausgesetzt waren, wird am besten der Thermometer ergeben.

Am 8. d. M. 4Uhrmorgens hatten wir in der Luft24,9° C. =19,9° R.
8"vormittags24,8"19,8 "
10"  "24,0"19,2 "
12"mittags21,7"17,4 "
4"nachmittags20,4"16,3 "
8"abends19,7"15,8 "
12"Mitternacht18,5"14,8 "
Am 9. d. M. 4"morgens21,5"17,2 "
8"vormittags26,0"20,8 "
12"mittags32,1"25,7 "
12"Mitternacht29,5"23,6 "

Mit welcher Wucht der kalte Strom sich zeitweise seinen Weg nach Norden bahnt, konnten wir auch an seiner Geschwindigkeit erkennen, denn am 8. d. M. in der Zeit von 8 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags stellten wir vermittelst durchaus zuverlässiger Beobachtungen an der Sonne fest, daß wir durch ihn in diesen 6 Stunden 30 Seemeilen oder über 56 km allein nach Osten versetzt worden waren, sodaß seine Geschwindigkeit mindestens 9,5 km in der Stunde, wahrscheinlich aber, da wir keine Gelegenheit fanden, die Versetzung nach Norden mit zu bestimmen, bis zu 12 km oder 6-7 Seemeilen stündlich betragen hat.

Während nun der Einfluß des kalten Stroms zweifellos die Veranlassung ist, daß am Tage leichte Nebel sich auf die heiße Küste legen, bewirkt er in den ersten Nachtstunden einen so starken Thaufall, daß dieser nur mit leichtem Regen verglichen werden kann, der späterhin die Luft klar und sichtig macht. So haben wir es auch dem Nebel und Gegenstrom jedenfalls zuzuschreiben, daß wir die afrikanische Küste nicht schon am 8., wie ich sicher erwartet hatte, in Sicht bekamen. Als dann am Abend dieses Tages aber der starke Thaufall eintrat, wurde es mir gleich klar, daß ich die Nacht zum Ansteuern des Landes benutzen müsse und segelte dann auch unter Zuhülfenahme des Loths direct auf die Küste los. Meinen Nachtschlaf mußte ich nun allerdings wieder einmal opfern, doch dies war nicht zu ändern.

Gegen Mitternacht wird die Luft durchsichtig klar, die Nacht so hell, wie sie es unter dem alleinigen Einfluß der blitzenden Sterne zu werden vermag, und eiligen Laufes mit geblähten Segeln durchschneidet das Schiff rauschend die Meereswogen. Lautlos, mit geschärften Sinnen aufmerksam nach vorn schauend, stehen die in warme Winterkleider gehüllten Menschen auf ihren Posten, um mit den Augen das ersehnte Land zu erspähen oder mit dem Gehör die Brandung zu erlauschen. Von Stunde zu Stunde wird das Loth geworfen, welches um 1½ Uhr nach Mitternacht zum ersten mal den Grund erreicht und eine Tiefe von 95 m angibt.

Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, erst um 3 Uhr morgens, aber dann auch urplötzlich, von allen zugleich gesehen, steht das hohe Bergland scharf gezeichnet und massig vor uns, die Küste zwischen Ras-Hafun und Cap Guardafui. Nach der Wassertiefe müssen wir 15 Seemeilen vom Lande ab sein, und von diesem als richtig angenommenen Standpunkte aus wird der Curs nach dem Cap Guardafui gesetzt, welches um 5½ Uhr in Sicht kommt. Um 7 Uhr passiren wir dasselbe und jetzt konnte ich auch daran denken, etwas der Ruhe zu pflegen, doch nur für kurze Zeit, denn um 8 Uhr schon wurde ich mit der Meldung geweckt, daß Windstille eingetreten sei, und ich mußte wieder an Deck das Wetter prüfen, ehe ich den Befehl zum Dampfmachen geben konnte.

Im Mittelmeer, 3. September 1879.