So sind wir auf mancherlei Umwegen nach siebenmonatlicher Reise endlich an unserm eigentlichen Ziele, den Samoa-Inseln, angelangt. In etwa zwei Stunden, gegen 4 Uhr nachmittags, werden wir in Apia, dem auf der Insel Upolu gelegenen Haupthafen der Samoa-Gruppe, eintreffen. Wind und Wetter waren uns von Tahiti bis hierher nicht günstig gewesen, häufige Windstillen und ein zwei Tage anhaltender Weststurm haben unsere Reise sehr verzögert. Schließlich nach langem Warten auf den Passat, welcher in dieser Zone eigentlich die Verpflichtung hat zu wehen, mußte doch für den größten Theil des Weges die Dampfkraft zu Hülfe genommen werden, und in diesem Augenblick fahren wir mit Dampf und Segel in beschleunigter Gangart an der Nordküste von Upolu entlang.

Die Insel ist schön, wie all diese herrlichen Naturgebilde; von einer eingehendern Schilderung derselben will ich jedoch hier absehen, es mag daher nur eine flüchtige Skizze des vor uns liegenden Bildes folgen.

An eine niedrige Landzunge schließen sich die, die Mitte der Insel bildenden Berge an, welche eine Höhe bis zu 1000 m erreichen und derart abweichend voneinander geformt sind, daß sie der Insel ein auffallend zerrissenes Aussehen geben. Sie zeigen sich sowol in scharf geschnittenen Pics wie auch in runden Rücken und sind an einer Stelle von einer so weit herunterreichenden Kluft durchschnitten, daß man Upolu aus der Ferne für zwei Inseln halten kann. Zunächst der Küste besteht das Land aus weiten ebenen Flächen, und dieser Bodengestaltung verdankt die Insel ihren hohen Werth für Plantagenbau. Die Küste läuft theils flach nach dem Meere aus, theils springt sie in 50-100 m hohe Caps vor, zwischen welchen kleine Häfen und Buchten liegen, in die sich Bergflüsse ergießen, von denen derjenige bei Falifa sich als schöner Wasserfall in das Meer stürzt. Das ganze Land ist dicht mit Bäumen und zwar an der Küste vorherrschend mit Kokospalmen bestanden, zwischen und unter welchen in der Nähe des Strandes Dorf an Dorf liegt, da die ganze Küste dieser dichtbevölkerten Insel bewohnt ist, während auf einzelnen höher gelegenen Punkten sich stattlichere Häuser, die Wohnungen von Europäern zeigen. Die der Südsee eigenthümlichen Korallenriffe umgeben einen so großen Theil der Insel, daß man innerhalb der erstern mit Booten und Kanus fast um die ganze Insel in ruhigem und sicherm Wasser fahren kann.

Haus eines Europäers.
(Das jetzige deutsche Consulat.)

22. Juni, abends 10 Uhr.

Nachdem wir mit Hülfe des Lootsen, eines hier ansässigen Amerikaners, nachmittags 4 Uhr zu Anker gekommen waren und der Offizier, welcher das Schiff beim Consulat anmelden sollte, die Nachricht gebracht hatte, daß die deutschen Herren sämmtlich zu Pferde einen Ausflug gemacht hätten und wol erst sehr spät zurückkehren würden, begab ich mich an Land, um mir Stadt und Leute anzusehen, auch dem Sonnabend-Scheuerfest, welches die durch das Ankermanöver verursachten Schäden wieder beseitigen sollte, aus dem Wege zu gehen.

Die Stadt besteht, da der Berg Apia hier fast bis zum Strande herantritt, nur aus einer sich rings um den Hafen hinziehenden Straße, in welcher größere und kleinere, theilweise in Gärten liegende Häuser der Europäer mit den Hütten der Eingeborenen abwechseln. Sie bietet nichts besonders Sehenswerthes und befriedigte meine Neugierde um so weniger, als sie neben ihrer wenig anziehenden äußern Erscheinung auch noch vollständig ausgestorben zu sein schien.

Samoa schien mir überhaupt ein wunderliches Land zu sein. Die ganze Küste ist mit menschlichen Wohnungen besiedelt und wir sahen beim Vorbeifahren weder am Lande noch auf dem Wasser Menschen, noch bei den Wohnungen den sonst nie fehlenden Rauch des häuslichen Herdes; das Consulat mit dem ganzen Beamtenpersonal des großen Geschäftshauses macht am Wochenschluß einen Ausflug aufs Land; in der Stadt scheint die ganze Bevölkerung am hellen Tage zu schlafen. Was blieb mir anders übrig, als auf mein Schiff wieder zurückzukehren, wo doch mehr Leben war!

Als ich später, 9 Uhr abends, mich eben an den Schreibtisch gesetzt hatte, wird von unsern Posten ein Boot angerufen, welches doch noch die von ihrer Partie zurückgekehrten deutschen Herren brachte. Der Consul, ein Herr Weber, entschuldigte sich, daß er noch so spät komme, er hätte aber heute am Sonntag — „Was, Sonntag? Heute ist doch Sonnabend!“ unterbrach ich seine Rede. „Nein, Sonntag“, war die Antwort, und die Erklärung ergab, daß in Samoa, obgleich die Inseln noch auf Westlänge (169½° bis 173° W. nach Greenwich) liegen, doch die Kalenderrechnung von Australien und Neu-Seeland angenommen worden ist, weil alle Beziehungen Samoas mit der Außenwelt sich auf diese beiden großen englischen Colonien und die zwischen diesen und Europa laufenden Dampferlinien stützen. Nun war mir alles klar, der Ausflug der deutschen Herren und die Sonntagsheiligung nach der von den englischen Missionaren gegebenen Vorschrift, nach welcher am Sonntag nicht einmal gekocht werden darf, während wir uns zu gleicher Zeit am Sonnabend abgequält haben, unser Schiff für den nächsten Tag recht schön zu machen.