Herr Weber erzählte mir noch so viel über samoanische Verhältnisse und was alles meiner warte, daß mir ganz wirr im Kopfe wurde und ich nur so viel behalten habe, daß ich gleich am nächsten Tage mitten im Kampfgewühl mit den aufsässigen Samoanern sein würde. Dann gingen wir noch für einige Zeit zu den Offizieren und jetzt sitze ich am Schreibtisch und habe soeben in das Befehlsbuch für morgen den wunderlichen Satz geschrieben: „Der heutige Tag ist nicht als Sonntag den 23., sondern als Montag den 24. Juni zu rechnen, doch wird der Dienst nach der Sonntagsroutine gehandhabt.“
So ist nun all die Zeit, welche wir von der Heimat an immer mit dem Laufe der Sonne nach Westen hin segelnd und dampfend auf unserm langen Wege hierher tagtäglich gewonnen haben, mit einem Schlage wie ein Hauch wieder hin, indem ein ganzer Kalendertag aus dem noch vor uns liegenden Leben hinweggewischt ist.
25. Juli 1878.
Heute Morgen haben wir Apia für einige Zeit wieder verlassen, um der Besatzung des Schiffes nach einem nahezu achtmonatlichen Aufenthalt in den Tropen in Sydney für wenige Wochen sowol die Wohlthat kräftigerer Luft, wie auch die besserer Kost zutheil werden zu lassen. Die Samoa-Inseln liegen schon in weiter Ferne hinter uns, das Schiff hat einen klaren Seeweg vor sich, und so finde ich endlich Muße, die Begebenheiten der letzten vier Wochen, welche für mich eine ununterbrochene Kette großer Aufregungen waren, niederzuschreiben. Von Land und Leuten kann ich zwar noch nicht viel erzählen, weil ich nur wenig davon gesehen habe, aber desto mehr von Streit und Hader. Da ich indeß ja nach den Samoa-Inseln zurückkehre, so werde ich dann während eines längern und hoffentlich friedlichern Aufenthalts wol Gelegenheit finden, mich mit dem Leben und Treiben dieses selbstbewußten Völkchens besser bekannt zu machen. Das Wenige, was ich indeß gehört und gesehen habe, mag immerhin schon jetzt hier Platz finden.
Zu der Samoa-Gruppe gehören die Inseln Manua, Tutuila, Upolu und Savai'i, sowie noch eine Zahl kleinerer Inselchen, welche auf der Karte indeß nur als Punkte verzeichnet werden können. Von den erstgenannten ist Manua die östlichste und kleinste, Savai'i die westlichste, größte und höchste (bis zu 1300 m hoch) dieser Inseln.
Nur Tutuila und Upolu haben Häfen und von diesen kommt für den Handelsverkehr wieder nur Apia in Betracht.
Apia muß im Vergleich zu den Städten anderer unabhängiger Inseln ein großer und bedeutender Platz genannt werden, ist Sitz der samoanischen Regierung und Mittelpunkt des deutschen Handels für den westlichen Theil der Südsee. Es erscheint auffällig, daß von den samoanischen Häfen gerade Apia der Hauptplatz geworden ist, wenn man erwägt, daß der kleine Hafen die anlaufenden Schiffe oft kaum alle aufnehmen kann und nur Schutz gegen die gewöhnlich hier allerdings vorherrschenden südlichen Winde gewährt, gegen alle nördlichen aber und namentlich gegen den alle 10-12 Jahre einmal von Norden her über die Insel wegziehenden Orkan ganz offen ist, sodaß die dann von dem Sturm unglücklicherweise im Hafen überraschten Schiffe in der Regel verloren sind. Der vorzügliche Hafen von Pago-Pago (sprich Pango-Pango) auf Tutuila bietet dagegen ganzen Flotten Raum und vollständige Sicherheit gegen alle Winde. Und doch wird die Wahl von Apia verständlich, wenn man berücksichtigt, daß Upolu die fruchtbarste und bevölkertste der Samoa-Inseln ist, in der Mitte zwischen Tutuila und Savai'i liegt, daß hier die einflußreichsten Stämme der Samoaner seßhaft sind, daß Apia wiederum so ziemlich im Mittelpunkt von Upolu liegt und der Hafen bisher immer noch als der beste dieser Insel galt, denn der sehr viel bessere Hafen von Saluafata ist erst seit kürzerer Zeit als solcher bekannt und zwar vorläufig auch nur Herrn Weber, seinen Kapitänen und neuerdings auch uns.
Die Stadt Apia umschließt, wie schon gesagt, den ganzen Hafen. Von diesem aus gesehen rechts, also an dem westlichen Ende, läuft das Land in eine schmale, niedrige, mit Kokospalmen bestandene, Mulinu'u genannte Landzunge aus, auf deren äußerster Spitze sich der Regierungssitz befindet, nämlich einige Hütten und ein kleines Breterhaus, welches früher die Wohnung des Ersten Ministers war, solange der amerikanische Colonel Steinberger, welcher Apia vor etwa zwei Jahren wieder verlassen hat, dieses Amt bekleidete. Jetzt dient das Haus dem derzeitigen amerikanischen Consul gelegentlich zum vorübergehenden Aufenthalt, wenn dieser, wie es scheint etwas wunderliche Herr sich das Ansehen geben will, die Samoaner gegen Gewaltmaßregeln europäischer Kriegsschiffe zu beschützen. Er hißt dann an dem bei dem Hause befindlichen Flaggenstock die amerikanische Flagge und will die Samoaner glauben machen, daß keine Truppe und keine Kugel den Weg zu einem Platz finden könne, in dessen Nähe seine Consulatsflagge weht. Einige Tage nach unserer Ankunft hatte der Herr denn auch das Haus wieder bezogen, ob mit einer bestimmten Absicht oder nur zufällig, kann ich nicht wissen.
Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft in Apia.