Die Damen verhielten sich still und zurückhaltend, bis unsere Wache bei ihrem Abmarsch ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, dann ging ihnen jedoch ihr Temperament durch, die in dem Hause befindlichen traten aus demselben heraus und liefen, von den andern gefolgt, unsern Leuten nach, um sie bis zum Strande zu begleiten. Dort erfolgte sogar, nachdem die Wache in ihren Booten abgesetzt hatte und das Boot für die Musik herankam, schließlich unter großem Jubel und fröhlichem Gelächter seitens der jungen Mädchen, ein regelrechter Angriff auf die Musiker. Denn während diese, um ihr Schuhzeug nicht naß zu machen, auf andern Matrosen reitend durch das seichte Wasser zum Boote getragen wurden, folgten ihnen die Mädchen, von den ältern Frauen angespornt, in das Wasser nach, kniffen die Reiter in die Beine, theilten zarte Schläge aus und schenkten den Geschlagenen dann ihre Blumen. Doch damit nicht genug, versuchten sie noch den Paukenschläger zu entführen und benutzten dazu den Moment, wo er, nachdem er seine Pauke untergebracht hatte, mit dem Leib auf dem Bootsrand liegend, versuchte, in dasselbe sich hineinzuarbeiten. Einige Mädchen packten ihn an den Beinen, zogen ihn wieder aus dem Boot und hoben ihn auf ihre Schultern, doch machte der Offizier des Bootes diesem liebenswürdigen Unfug ein Ende, als sie versuchten, den Mann an Land zu tragen. So endete die Wegnahme von Falealili als ein Festtag für seine Bewohnerinnen.
An Bord zurückgekehrt, ließ ich gleich Anker lichten, um unter Segel und Dampf schleunigst nach Apia zurückzukehren und dort noch vor Dunkelwerden einzutreffen, da ich doch nicht sicher war, ob die aufgeregten Samoaner nicht etwa Feindseligkeiten gegen die Deutschen unternehmen würden. Kurz vor Sonnenuntergang langten wir in Apia an und erfuhren von dem uns entgegengekommenen Lootsen, daß in der Stadt zwar eine hochgradige Aufregung herrsche, weil das Gerücht, wir hätten die beiden beschlagnahmten Plätze dem Erdboden gleichgemacht, im Umlauf sei, unsere Landsleute seien aber bisjetzt unbehelligt geblieben; dagegen habe die amerikanische Corvette seeklar gemacht, um uns am nächsten Tage zu folgen. Der Consul fuhr gleich an Land und ich folgte etwas später, um den Abend in dem gastlichen deutschen Hause zu verbringen und mich über die Lage in Apia zu unterrichten. Auf meinem Wege dorthin kam mir gerade der ganze Zug der von Mulinu'u zurückkehrenden lärmenden und bunt herausgeputzten Festtheilnehmer entgegen, sodaß ich mich zur Seite stellte, um die Leute vorüber zu lassen, da ich mich nicht dem Menschenstrom entgegendrängen wollte. Doch schon nach kurzer Zeit fielen mehrere Schüsse und eine Kugel sauste dicht an meinem Kopfe vorbei. Nun mußte ich meinen Platz verlassen und schaffte mir mit einigen kräftigen Stockschlägen auf die Köpfe der Eingeborenen freie Bahn, sodaß mir Raum gemacht wurde und ich bis zum Consulat gelangen konnte. Nicht lange darauf kam auch noch eine Botschaft von meinem Schiffe, daß auf unsere Boote geschossen worden sei, und nun schickte ich noch an demselben Abend eine Beschwerde an die Regierung mit der gleichzeitigen Androhung, für jeden getödteten oder verwundeten Deutschen zwei Samoaner aufhängen zu lassen. Aehnliche Ausschreitungen kamen indeß nicht mehr vor. An diesem Abend erfuhren wir noch über die politische Lage, daß bei den Festen, zu welchen ungefähr 3000 Theilnehmer erschienen waren, der größte Theil der Bezirke Upolus vertreten war und somit angenommen werden darf, daß diese Insel den Vertrag zwischen Samoa und den Vereinigten Staaten anerkannt hat, während Savai'i ferngeblieben ist und erklärt hat, den Vertrag nicht anerkennen zu wollen. Tutuila dagegen war wieder durch einige Abgesandte vertreten, aber nur um gegen die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an eine fremde Macht zu protestiren. Da die samoanischen Häfen Privateigenthum der betreffenden Häuptlinge sind, so konnte seinerzeit Mamea nicht bevollmächtigt werden, einen Hafen abzutreten, und hatte diese Vollmacht auch nicht erhalten. Immerhin hat die jetzige samoanische Regierung den Vertrag mit der Ueberweisung Pago-Pagos als Kohlenstation ratificirt.
Die Aufregung unter den Samoanern schwand am nächsten Tage, als unsere getroffenen Maßnahmen der Wahrheit gemäß bekannt wurden; unter den Amerikanern aber wuchs sie und führte zur vollständigen Veruneinigung aller Betheiligten, welche nach wenigen Tagen zum größten Theil ebenso schnell aus Apia verschwanden, wie sie meteorartig dahingekommen waren. Zunächst versuchten die Amerikaner zu retten, was noch zu retten war, wobei die wunderlichsten Sachen zu Tage kamen. Als sie alle ihre Bemühungen, festen Fuß zu fassen, scheitern sahen, vereinigten sie sich noch einmal zu einem großen Schlage, indem sie der Samoa-Regierung eine Rechnung zur Begleichung vorlegten, welche die Höhe von 105800 Dollars oder 423200 Mark erreichte.
Die kurze Geschichte dieser Rechnung ist, wie sie in Apia erzählt wird, die folgende.
Die beiden zur frühern Landcompagnie gehörigen Amerikaner, welche den samoanischen Abgesandten Mamea nach Amerika bringen wollten, erklärten diesem gleich nach der Ankunft in San-Francisco, daß sie ihn ohne Geldmittel in Stich lassen würden, wenn er nicht namens der Samoa-Regierung Schatzbons im Betrage von 100000 Doll. ausschriebe und ihnen aushändige, wogegen sie dann auf ihre Landansprüche in Samoa verzichten würden. Mamea, welcher übrigens die Tragweite einer solchen Maßregel gar nicht ermessen konnte, zumal ihm, wie jedem Samoaner, das Verständniß dafür fehlte, was eine solche Summe überhaupt zu bedeuten hat, fertigte die Schatzbons nach einigem Sträuben aus. Die Sache wurde vorläufig geheim gehalten und erblickte das Tageslicht erst am 20. Juli, nachdem durch die Feste in Mulinu'u der Vertrag mit den Vereinigten Staaten öffentliche Anerkennung gefunden hatte; die Leute stellen jetzt die Behauptung auf, daß Mamea zur Ausgabe der Schatzbons berechtigt gewesen wäre, weil er vollgültige Vollmacht zur Abschließung des Vertrags gehabt habe. Die Samoaner aber wollen diese Beweisführung nicht gelten lassen und weigern sich zu zahlen. Ferner sollen die erwähnten beiden Herren eine Rechnung von 4800 Doll. für den Unterhalt des Mamea während seines sechsmonatlichen Aufenthalts in Amerika vorgelegt haben. Mamea sagt aber, daß er schlecht verpflegt worden sei, nie baares Geld gesehen habe und San-Francisco überhaupt nicht hätte verlassen können, wenn nicht der von ihm angeworbene Bartlett ihn aus dem Gasthof ausgelöst hätte, worüber dieser Herr eine Rechnung von 1000 Doll. vorgelegt haben soll, sodaß hiernach die für Mamea's Reise geforderten Gesammtausgaben 5800 Doll. betragen würden. Die Samoaner, welche in dem Glauben leben durften, daß die Entsendung Mamea's ihnen überhaupt nichts kosten würde, verweigern auch hier die Zahlung der ganzen Summe und wollen nur von ihnen in aller Eile gesammelte 1000 Doll. geben.
Die Weigerung der armen Samoaner, welche überhaupt kein baares Geld in größern Summen besitzen, soll nun veranlaßt haben, daß dem amerikanischen Commandanten die Sache übergeben worden ist, welcher aber auch schwerlich die Zahlung wird erzwingen können, wenn er wirklich diese etwas zweifelhafte Angelegenheit sollte weiter verfolgen wollen. Und vor einer Vergewaltigung, wie Tahiti sie seinerzeit durch die Franzosen erfahren hat, sind die Samoaner ja gesichert, seitdem Saluafata und Falealili schon in fremden Händen sind, sodaß sie unter Umständen für diesen Gewaltstreich noch dankbar sein müßten, welche Auffassung sich in dem größten Theile des Landes und bei der Minderheit der Regierungsgewalten übrigens auch schon Bahn brechen soll. Um dem Wirrwarr die Krone aufzusetzen, soll nun auch noch der mehrerwähnte Consulatsbeamte sich ebenfalls um die Stelle eines ersten Ministers der Samoa-Regierung beworben und zu diesem Zwecke einen vom 24. Mai datirten Empfehlungsbrief Steinberger's vorgelegt haben. Diesen Brief will einer der Herren von der Landcompagnie, welcher seine Sache hier verloren gibt und mich um eine Passage nach den Fidji-Inseln bat, gesehen haben. Die Folge davon ist, daß Bartlett nun sucht, mit uns Fühlung zu bekommen, um mit deutscher Hülfe den ihm in Aussicht gestellten Posten zu erlangen. Das kurze Ende der langen Geschichte ist, daß wir meines Erachtens das Spiel gewonnen haben und ich, trotzdem die Samoaner vorläufig noch abgelehnt haben, zur Wiedererlangung ihrer beiden Häfen mit uns den Deutschland verbrieften Vertrag abzuschließen, glaube ruhig die Reise nach Sydney wagen zu können, da der Consul allen Schwierigkeiten allein gewachsen sein dürfte, solange die erfolgte Beschlagnahme der Häfen zu Recht besteht und sofern sie von zuständiger Stelle gebilligt werden sollte.
So habe ich heute Morgen Apia verlassen und vor Antritt der Reise auf Wunsch des Consuls nur noch einen Abstecher nach der kleinen Insel Manono gemacht, da noch immer keine Nachricht von der erfolgten Bestrafung der Leute, welche mit dem französischen Priester den Angriff auf die deutsche Plantage gemacht hatten, eingetroffen war und der Consul vermuthete, daß die Regierung zu schwach sei, eine solche von der trotzigen Bevölkerung von Manono zu erzwingen. Nachdem der Gouverneur der Insel, um den angedrohten Maßregeln von unserer Seite zu entgehen, die Bestrafung zugesagt und versprochen hatte, darüber dem Consul zu berichten, kehrte dieser Herr in einem mitgenommenen offenen Boot nach Apia zurück, während wir die weite See aufsuchten, deren Wesen uns nach der langen Hafenzeit von fünf Wochen und der Ungewohntheit so langen Stillliegens beinahe fremd geworden ist.
Die Samoaner sind ein schöner Menschenschlag, die Männer groß und stattlich, die Frauen zierlich und fein gestaltet, von nur Mittelgröße. Aber nicht nur der Unterschied in der Körpergröße der beiden Geschlechter, welcher dem unserer kaukasischen Rasse entspricht, fällt auf, wenn man von Tahiti und den Gesellschafts-Inseln kommt, sondern auch die Aehnlichkeit der Charakterveranlagung mit unserer Rasse. Denn die Männer besitzen im allgemeinen die Tugenden, welche wir als männliche bezeichnen, und die Frauen sind, abweichend von ihren Schwestern auf den von mir bisjetzt besuchten polynesischen Inseln, sanft, einschmeichelnd und aufopferungsfähig, haben eine weiche Stimme und können in der Regel als häuslich veranlagt gelten. Wie mir erzählt wurde und was ich selbst schon erkannt zu haben glaube, halten die Samoaner auch streng auf Formen, beobachten in ihrem Verkehr feine Sitte und Anstand, sind außerordentlich gastfrei, reinlich an ihrem Körper wie in ihren Wohnungen und können in gewissem Sinne als ein Culturvolk betrachtet werden. So soll auch ihre Sprache der reinste und ausgebildetste der verschiedenen polynesischen Dialekte sein, sodaß man die Samoaner als die Aristokratie Polynesiens bezeichnet und aus den angeführten Gründen vielfach auch für das Stammvolk der Polynesier hält. Diese höhere Stufe soll ihnen auch von den Eingeborenen der Tonga- und Fidji-Inseln zuerkannt werden, gilt doch auch den letztern die Redewendung „Sie ist so schön wie eine Frau von Manono“ als Bezeichnung der höchsten Vollendung des Weibes, und streben doch die Häuptlingsfamilien beider Inselgruppen danach, für ihre Söhne Töchter aus vornehmer samoanischer Familie als Gattinnen zu erhalten. Auch sollen die jungen Männer Tongas es als höchstes zu erstrebendes Ziel betrachten, sich auf samoanische Art tätowiren zu lassen und oft dazu für einige Zeit nach den Samoa-Inseln übersiedeln, weil der König von Tonga auf seinen Inseln das Tätowiren verboten hat.
Samoaner, dienende Klasse.