Am 15. Juli, mittags 12 Uhr, war von den Samoanern noch keine Antwort eingetroffen; um 1 Uhr fing unser Schlot an zu rauchen; das Schiff wurde seeklar gemacht; der Consul, sowie zwei Halbweiße, ein Dolmetscher und ein Lootse für die als Faustpfand in Aussicht genommenen Häfen Saluafata und Falealili, kamen an Bord, und um 3 Uhr dampften wir in See. Um 5 Uhr ankerten wir vor Saluafata in einem vorzüglichen, gegen alle Winde geschützten Hafen; einige Eingeborene kamen noch an Bord, Früchte zum Kauf anzubieten, und kurz vor Eintritt der Dunkelheit wurden unser Dolmetscher und Lootse an Land geschickt, um den Häuptling auf das vorzubereiten, was er am nächsten Morgen zu erwarten habe. Einerseits mußte, um nach unserer Ansicht die Beschlagnahme rechtsverbindlich zu machen, der Besitzer des Hafens bei dem Acte zugegen sein, oder aber den Platz, nachdem er vorher von allem unterrichtet worden war, verlassen haben, andererseits war die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, bewaffneten Widerstand zu finden, sobald wir eine bewaffnete Truppe ohne vorherige Ankündigung landeten. Der Dolmetscher hatte den Auftrag, dem Häuptling mitzutheilen, daß die Samoa-Regierung sich neuerdings weigere, alte, den Deutschen früher zugestandene Rechte anzuerkennen, und wir daher gezwungen seien, vorläufig und so lange den Hafen von Saluafata für die deutsche Regierung in Besitz zu nehmen, bis diese Rechte anerkannt seien. Ich hätte nicht die Absicht, sonst irgendwelche Gewalt zu brauchen, und hoffe, daß sein Benehmen so verständig sein würde, daß ich an meiner Absicht festhalten könne. Im übrigen würde die Rückerstattung des Hafens seinerzeit sicher erfolgen und irgendein Schaden könne daraus für ihn nicht erwachsen.

Bald nach dem Landen unserer Abgesandten wurde es in Saluafata lebendig und sehr geräuschvoll, mehrere Trommeln wurden unermüdlich bis um 2 Uhr nachts geschlagen und viel Geschrei drang bis zu uns herüber. Nach Ansicht des Consuls bedeutete dies eine Alarmirung aller streitbaren Männer; er vermuthete, daß eine große Zahl bewaffneter Eingeborener, welche auf dem Wege nach Apia zur Theilnahme an den geplanten Festlichkeiten seien, sich hier zusammengefunden und Nachtquartier genommen hätten. Um gegen einen etwaigen Ueberfall gesichert zu sein, ließ ich das Schiff in Vertheidigungszustand setzen, und die halbe Mannschaft war während der Nacht stets gefechtsbereit auf Deck. Als es um 2 Uhr an Land ruhig geworden war und sich dann bis 4 Uhr nichts Verdächtiges zeigte, legte ich mich noch etwas hin, wurde aber schon um 6 Uhr wieder geweckt, da unser Dolmetscher und der Lootse in einem Kanu von Land gekommen waren und mich augenblicklich zu sprechen forderten. Ich ließ die Leute in die Kajüte kommen und wir hörten — der Consul hatte auch sein Bett verlassen —, daß, wie letzterer richtig vermuthet hatte, an 1000 mit Hinterladern bewaffnete Eingeborene in Saluafata anwesend und entschlossen seien, uns nicht an Land zu lassen. Sie selbst wären während der Nacht in größter Lebensgefahr gewesen, trotzdem ihre Mütter und Frauen Häuptlingstöchter seien, und hätten noch vor Tagesanbruch das Land heimlich verlassen. Der größte Theil der Eingeborenen hätte schon während der Nacht einen Angriff auf das Schiff machen wollen, weil ihre Spione, die am Abend vorher als Fruchtverkäufer an Bord gewesenen Leute, die Nachricht an Land gebracht hätten, daß das Schiff keine Kanonen habe. Diese waren nämlich für die Nacht mit ihren Bezügen zugedeckt gewesen und wurden deshalb von den Eingeborenen nicht als solche erkannt. Nach langen Verhandlungen wäre dieser Plan aber fallen gelassen worden, weil ein alter weiser Häuptling den Ausspruch gethan habe, daß sie vollkommen recht hätten, wenn sie die Wegnahme unsers Schiffes als eine Kleinigkeit betrachteten; er wisse aber noch etwas Leichteres und schlüge vor, gleich damit vorzugehen, nämlich den Hafen erst auszuschöpfen und das Schiff zu nehmen, wenn es auf dem Trocknen läge. Nach diesem Vorschlage sei ernüchternde Ruhe eingetreten und der Plan eines nächtlichen Angriffes aufgegeben worden.

Inzwischen hatte der Dolmetscher, welcher äußerlich ein bejammernswerthes Bild abgab und sich kaum auf den Füßen halten konnte, erklärt, daß er gleich zum Arzt müsse, weil der während der Nacht ausgestandene Schreck ihn so krank gemacht habe, daß er sterben würde. Nachdem ich den Mann dem Schiffsarzt überwiesen hatte, verhandelten wir mit dem Lootsen, welcher seine Fassung einigermaßen bewahrt hatte, weiter und kamen zu dem Schlusse, daß Saluafata möglicherweise nicht ohne Blutvergießen zu nehmen sein würde. Besonders ernst stimmten uns der Zustand unserer beiden Halbweißen und ihre Auffassung der Lage, denn da sie in samoanischen Verhältnissen aufgewachsen und mit angesehenen Häuptlingsfamilien verwandt waren, vermochten sie wohl zu beurtheilen, wie weit die Eingeborenen gehen würden, andererseits waren gerade diese beiden Leute als muthige, unerschrockene Männer bekannt und hatten diese Charaktereigenschaften schon in verschiedenen Lagen bewiesen.

Da wir uns erst zu 9 Uhr vormittags bei dem Häuptling angesagt hatten, blieben mir noch zwei Stunden Zeit zur Ueberlegung, wie die Landung am besten auszuführen sei. Soviel ich auch hin und her dachte, alle Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten erwog, ich kam immer wieder zu dem Schlusse, daß es am besten sei, wenn der Consul und ich zunächst nur allein das Land beträten und die zu dem feierlichen Acte der Beschlagnahme erforderliche Truppe erst nachfolge, wenn unsere mündlichen Verhandlungen mit dem Häuptling zum Abschluß gekommen seien. Wir durften nicht einmal eine kleine Bedeckung mitnehmen, da diese die Samoaner zum Angriff reizen konnte. Der Consul stimmte mir darin bei, daß, da wir den einmal betretenen Weg einhalten müßten, ein ernstlicher Zusammenstoß auf diese Weise am ehesten vermieden werden könne und unser eigenes Leben in diesem Falle nicht mehr gefährdet sei, als wenn wir an der Spitze unsers ganzen aus 120 Mann bestehenden Landungscorps das Land beträten, und erklärte sich bereit, mit mir allein zu gehen. Im übrigen mußte die Beschlagnahme ja noch heute ausgeführt werden, da der morgende Tag, an welchem in Apia die Feste begannen, schon eine für uns ungünstige Entscheidung bringen konnte. Es blieb mir also keine Zeit zur regelrechten Belagerung und Säuberung des Platzes.

Altes Häuptlingsgrab.

Der Schauplatz an Land war so, daß wir einen etwa 100 Schritt breiten und 200 Schritt tiefen Platz betreten und ganz durchmessen mußten, um bis zu dem im Hintergrunde sich an den Wald anlehnenden Hause des Häuptlings zu gelangen. Der Platz wird mit Ausnahme eines kleinen Stücks am Strande von dichtem Wald und Busch umrahmt, durch welchen nur schmale Fußpfade gehen. Hinter der Häuptlingswohnung im Walde öffnet sich eine enge Schlucht, auf welche mehrere in das Innere führende Fußpfade münden. Auf dem Platze selbst liegt in der Mitte noch ein der ältesten Tochter des Häuptlings gehörendes Haus und an der einen Seite am Waldesrande befinden sich zwei alte Häuptlingsgräber, denen die Samoaner eine große Verehrung zollen und welcher Umstand den Consul bestimmt hatte, gerade Saluafata als Beschlagsobject zu wählen. Landeten wir nun gleich mit einer größern Truppe, so war anzunehmen, daß die Samoaner, in der Befürchtung eines Angriffs von unserer Seite, aus ihrem Hinterhalte auf 50-100 Schritt Entfernung mit ihren Schnellladern ein verheerendes Feuer auf uns richteten, welches etwa die Hälfte unserer Leute hinraffen mußte, worauf die Angreifer ohne einen Schuß zu erhalten, auf gedeckten Pfaden nach den verschiedensten Richtungen in das Innere entfliehen konnten, ohne daß es uns möglich gewesen wäre, ihnen zu folgen, weil wir nicht wissen konnten, wohin uns zu wenden. Von unserer Seite den ersten Angriff zu machen, war ausgeschlossen, da uns jede Veranlassung dazu vorläufig noch fehlte, im übrigen wir ja auch kein Angriffsobject gefunden haben würden. So blieb bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit nur der von uns gefaßte Plan als einziger Ausweg möglich, indem wir hofften, daß die moralische Wirkung unsers Auftretens uns den gewünschten Erfolg bringen würde. Wenn wir uns auch mit Revolvern versahen, so setzten wir für den Fall eines Angriffs unsere einzige Hoffnung doch nur auf die blanke Waffe, weshalb der Consul meinen zweiten Säbel nahm. Denn wenn auf uns geschossen wurde, konnte unsere Erwiderung der Schüsse in den dichten Wald hinein keinerlei Erfolg haben, und wir nahmen uns für diesen Fall vor, wenn wir nicht getroffen werden sollten, mit blankem Säbel unsern Angreifern in den Wald entgegenzustürmen, darauf rechnend, daß die Eingeborenen dann vor uns fliehen würden.

Nachdem ich für alle Fälle dem ersten Offizier des Schiffes Aufschluß über die ganze Lage gegeben hatte, wurden gegen 8½ Uhr die Boote gerüstet. Der Befehlshaber des Landungscorps hatte den Auftrag, 400 Schritt vom Lande die Boote aufmarschiren zu lassen und nach den verabredeten Signalen zu handeln. Kurz vor 9 Uhr lief mein Boot knirschend auf den Sand, und der Consul und ich traten unsern ernsten Weg an. Den Dolmetscher, welchen der Arzt für befähigt erklärt hatte uns für eine Stunde zu begleiten, mußten wir in meiner Gig zurücklassen, da der Mann unser Vorhaben als sichern Tod bezeichnete und nicht zum Mitgehen bewogen werden konnte. Zwei Leute meiner Bootsbesatzung sollten, nachdem wir einen Vorsprung gewonnen hatten, uns vorsichtig in Sicht- und Rufweite nachfolgen, um einen etwaigen Ueberfall sofort an das Landungscorps melden zu können, da ja auch nicht ausgeschlossen war, daß die Samoaner versuchen würden, sich unserer Personen zu bemächtigen, um uns vorläufig als Geiseln zu behalten. Wir durchschritten eine Palmenlichtung und fanden die dort zerstreut liegenden Hütten, soweit wir sehen konnten, sämmtlich verlassen, was kein gutes Zeichen war. Wir betraten den Platz und gingen, ohne eine Menschenspur zu entdecken, die Hand an dem gelockerten Säbel, etwa zwei Schritte voneinander entfernt, in ruhigem festen Schritt vor, jeden Augenblick den ersten verhängnißvollen Schuß erwartend. Denn wenn nur ein aufgeregter unbedachter Samoaner losdrückte, so war dies zweifellos das Signal für eine mörderische Salve auf uns. Es war eine eigenthümlich ernste Lage, welche den Mund verstummen machte und den Gedanken den weitesten Spielraum ließ. Was wurde, wenn das tödliche Blei uns traf, oder wir lebend überwältigt den unberechenbaren Mishandlungen einer fanatisirten Menge preisgegeben waren?

Erst als wir die Hütte der Häuptlingstochter umgangen hatten, änderte sich das Bild. Geputzte und mit Blumen geschmückte Menschen, Männer, Frauen und Kinder kamen uns entgegen und geleiteten uns zu dem Hause des Häuptlings, wo wir von sämmtlichen Häuptlingen des Bezirks, denen sich ihre Familien theilweise angeschlossen hatten, empfangen wurden. Nachdem wir die uns gereichte Kawa getrunken hatten, wurde der Dolmetscher herbeigerufen und der Zweck unserer Anwesenheit kundgethan, worauf Sangapolutele, der erste Häuptling und Besitzer von Saluafata, erklärte, der Gewalt weichen und uns vertrauen zu wollen. Nachdem dann die Ehrenwache heransignalisirt war und vor dem Hause Aufstellung genommen hatte, wurde die deutsche Flagge mit den entsprechenden militärischen Ehrenbezeugungen aufgepflanzt, von dem Consul die in samoanischer Sprache verfaßte, die Beschlagnahme aussprechende Proclamation verlesen und Sangapolutele darauf eingehändigt; die Flagge wurde wieder gesenkt, unsere Truppe marschirte mit klingendem Spiel ab und wir verweilten noch einige Minuten, um die vorher fertig gemachten Briefe, welche der Samoa-Regierung und den fremden Consuln die erfolgte Beschlagnahme von Saluafata anzeigten, durch einen Boten abzusenden. Während dieser Zeit erfuhren wir auch noch, daß wirklich 600 Samoaner um den Platz herum auf uns im Anschlag gelegen hatten, aber zurückgezogen wurden, als wir nur allein den Platz betraten und das Stoppen unserer Boote weiter außerhalb ihnen die Gewißheit gab, daß wir keinen gewaltthätigen Angriff beabsichtigten. Wir kehrten zum Schiffe zurück und waren schon um 10 Uhr wieder unter Dampf auf dem Wege nach Falealili.

Gegen Abend langten wir dort an und der Lootse wurde an Stelle des Dolmetschers, welcher wirklich ernstlich erkrankt war, an Land geschickt, um die Häuptlinge des Platzes ebenso vorzubereiten, wie es in Saluafata geschehen war. Er brachte am 17. morgens indeß die Nachricht, daß der Ort von Menschen entblößt sei und die wenigen Zurückgebliebenen nicht wagten, in Abwesenheit ihrer Häuptlinge mit uns zu verhandeln, daher vor unserer Landung den Ort verlassen würden. Da es somit wahrscheinlich war, daß der Act der Beschlagnahme in einer verlassenen Stadt erfolgen würde, so nahmen wir einen Zimmermann mit, um die Proclamation in der Hütte des Häuptlings annageln zu lassen. Um 7½ Uhr morgens landeten wir mit der Ehrenwache, nachdem, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen, die bewaffneten Boote ebenso wie in Saluafata in einiger Entfernung vom Lande Aufstellung genommen hatten; wir fanden aber, entgegen unserer Annahme, den Platz nicht verlassen, sondern voller Menschen, welche sich zum Theil in der uns vom Lootsen als solche bezeichneten Hütte des Häuptlings, zum größern Theil in deren nächster Umgebung befanden. Beim Näherkommen erkannten wir allerdings, daß wir nur geputzte Frauenzimmer vor uns hatten, in deren Mitte sich ein eingeborener Missionslehrer befand, welchen sie wol zur Wahrung des Anstandes bewogen hatten, an unserm Empfang theilzunehmen. Die munter aussehende Schar benahm sich sehr artig und schien sich der Würde, die Männer zu vertreten, wohlbewußt zu sein. Wir mußten zunächst mit den im Hause befindlichen Häuptlingsdamen die Hände schütteln, der Consul wechselte mit dem Lehrer einige Worte, und dann erfolgte die Beschlagnahme, welche mit der Annagelung der Proclamation im Häuptlingshause abschloß.